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Depesche des General-Quatiermeisters

Die Eroberung von Lüttich

Auf französischer Seite kursieren Gerüchte, die deutsche Armee habe beim Kampf um Lüttich 20 000 Gefallene zu beklagen gehabt. Mit solchen und anderen Falschmeldungen räumt der General-Quatiermeister in einer Depesche auf.

Amtlich wird bekanntgegeben: In einer Depesche des Generalquatiermeisters heißt es: „Französische Nachrichten haben unser Volk beunruhigt. Es sollen 20 000 Deutsche vor Lüttich gefallen und der Platz überhaupt noch nicht in unserem Besitz sein. Durch die theatralische Verleihung des Kreuzes der Ehrenlegion an die Stadt Lüttich sollten diese Angaben bekräftigt werden. Unser Volk kann überzeugt sein, dass wir weder Misserfolge verschweigen, noch Erfolge aufbauschen werden. Wir werden die Wahrheit sagen und haben das volle Vertrauen, dass unser Volk uns mehr als dem Feinde glauben wird, der seine Lage vor der Welt möglichst günstig hinstellen möchte. Wir müssen aber mit unseren Nachrichten zurückhalten, solange sie unsere Pläne der Welt verraten können. Jetzt können wir ohne Nachteil über Lüttich berichten.

Ein jeder wird sich selbst ein Urteil bilden können über die von den Franzosen in die Welt geschrienen 20 000 Mann Verluste. Wir hatten vor vier Tagen bei Lüttich überhaupt nur schwache Kräfte, denn ein so kühnes Unternehmen kann man nicht durch Ansammlung überflüssiger Massen vorher verraten. Dass wir trotzdem den gewünschten Zeck erreichten, lag in der guten Vorbereitung, der Tapferkeit unserer Truppen, der energischen Führung und dem Beistand Gottes. Der Mut des Feindes wurde gebrochen, seine Truppen schlugen sich schlecht. Die Schwierigkeiten für uns lagen in dem überaus ungünstigen Berg- und Waldgelände und in der heimtückischen Teilnahme der ganzen Bevölkerung, selbst der Frauen, am Kampfe. Aus dem Hinterhalt, den Ortschaften und Wäldern feuerten sie auf unsere Truppen, auch auf Ärzte, die die Verwundeten behandelten, und auf die Verwundeten selbst. Es sind schwere und erbitterte Kämpfe gewesen, ganze Ortschaften mussten zerstört werden, um den Widerstand zu brechen, bis unsere braven Truppen durch den Fortsgürtel gedrungen und im Besitz der Stadt waren. Es ist richtig, dass ein Teil der Forts sich noch hielt, aber sie feuerten nicht mehr. Seine Majestät wollte keinen Tropfen Blutes unserer Truppen durch Erstürmung der Forts unnütz verschwenden. Sie hinderten nicht mehr an der Durchführung der Absichten. Man konnte das Herankommen der schweren Artillerie abwarten und die Forts in Ruhe nacheinander zusammenschießen, ohne nur einen Mann zu opfern, fals die Fortsbekämpfung sich nicht früher ergaben. Aber über dies alles durfte eine gewissenhafte Heeresleitung nicht ein Wort veröffentlichen, bis so starke Kräfte auf Lüttich nachgezogen waren, dass es auch kein Teufel uns wieder entreißen konnte. In dieser Lage befinden wir uns jetzt. Die Belgier haben zur Behauptung der Festung so viel sich jetzt übersehen lässt, mehr Truppen gehabt, als von unserer Seite zum Sturm antraten. Jeder Kundige kann die Größe der Leistung ermessen; sie steht einzig da. Sollte unser Volk wieder einmal ungeduldig auf Nachrichten warten, so bitte ich, sich an Lüttich erinnern zu wollen. Das ganze Volk hat sich einmütig unter seinem Kaiser zur Abwehr der zahlreichen Feinde geschart, so dass die Heeresleitung annehmen darf, es werden von ihr keinerlei Veröffentlichungen erwartet, die ihre Absichten vorzeitig dem Feinde kundtun und dadurch die Durchführung der schweren Aufgabe vereiteln könnte.

Der General-Quatiermeister.

(gez.) v. Stein