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Die griechisch-türkische Entspannung

Konstantinopel, 20. Juni.
Die hiesigen politischen Kreise erwarten für heute eine entscheidende Klärung der Lage. Der „Tanin“ betont in seinem heutigen Leitartikel nochmals, dass die Pforte eine Einmischung der Athener Regierung in innertürkische Angelegenheiten keinesfalls dulden werde. Am Vormittag wurde eine offiziöse Athener Meldung über die Aufnahme der türkischen Antwort ausgegeben. Der erste Eindruck dieser Meldung ist noch nicht geeignet, größeren Optimismus berechtigt erscheinen zu lassen. Jedenfalls wird der Versuch der Athener Regierung, aus der türkischen Note eine Art Anerkennung des hellenischen Schutzrechts über die osmanischen Griechen herauszulesen, zurückgewiesen werden. Die griechische Forderung nach Entschädigung der Emigranten wir mit der gleichen Forderung einer Entschädigung der mohammedanischen Flüchtlinge aus Mazedonien beantwortet werden. Aus der russischen Botschaft wurde heute Vormittag ein Vertreter des „Osm. [Vlond]“ erklärt, die Wiedereröffnung der griechischen Kirchen und Schulen werde in den nächsten Tagen erfolgen. Die durch Vermittlung der russischen Botschaft geführten Verhandlungen zwischen der Pforte und dem Patriachart hätte eine Einigung über fast alle Fragen ergeben. Beide Teile zeigten dabei ernsten Willen zur Verständigung zu gelangen und machten sich gegenseitig große Konzessionen. Das Patriachat verzichtet auf die geplante Absenkung Enzykliken an die unabhängigen griechischen Kirchen.

Der Eindruck der türkischen Antwort in Athen:
Die Agence d’Athénes gibt einem Athener Telegramm zufolge den Wortlaut der Antwortnot der Pforte auf die griechische Note folgendermaßen wieder:

„Ich habe die Note erhalten, die eure Exzellenz am 12. Juni 1914 unter Nr. 3057 an mich zu richten die Güte hatten. In der Erwägung, dass diese Note nur die Lage der hellenischen Untertanten zum Gegenstand haben kann, versichere ich Sie, dass die kaiserliche Regierung nicht ermangeln wird, im gerechtesten Geiste jede Demarche betreffend diese letzteren zu prüfen. Ich glaube indessen, dass es nicht unangebracht wäre, Eurer Exzellenz mitzuteilen, dass die kaiserliche Regierung sich große Opfer auferlegt hat, um für die Ansiedlung und die dringenden Bedürfnisse von mehr als 200 000 aller Hilfsmittel entblößten Muselmannen zu sorgen, die ihre Heimat verlassen und sich in die [Führleistuchten] mussten, um den Verfolgungen zu entgehen, denen sie in Mazedonien ausgesetzt gewesen sind. Die Störung, die sich im Lande in Folge dieser beträchtlichen Auswanderungen notgedrungen ergeben musste, hat zu gewissen bedauerlichen Zwischenfällen Anlass gegeben, die die kaiserliche Regierung zu beseitigen sich mit Erfolg bemüht hat. So ist den Zwischenfällen, die sich vor einem Monat in Thrazien ereignet haben, ein Ende gesetzt worden, und die letzthin unter gewissen Bevölkerungsschichten Kleinasiens festgestellte Erregung ist nahe daran, vollkommen zu verschwinden. Wir sehen den Beweis dafür in der Tatsache, dass die Bevölkerungsschichten, die anfangs den Wunsch kundgegeben hatten, den ottomanischen Boden zu verlassen, in aller Sicherheit in ihre Heimatstätten zurückkehren. Übrigens hat die kaiserliche Regierung in Kriegszeiten erwiesen, wie großen Wert sie darauf legt, die Sicherheit und die Ruhe aller ihrer Untertanen ohne Unterschied der Rasse und der Religion ebenso wie die Ausländer, die auf ihrem Gebiet wohnen, zu wahren. Ich lege außerdem Wert darauf, Eure Exzellenz darauf aufmerksam zu machen, dass die von unserem Minister des Inneren eingelangten Berichte nicht mit denen in ihrer Note erwähnten übereinstimmen, was beweist, dass die hellenische Regierung in Irrtum versetzt worden ist. Ich schließe in der festen Hoffnung, dass von nun an kein Ereignis die Ruhe in Kleinasien stören wird, und dass die königlich griechische Regierung ihrerseits wirksame Maßnahmen ergreifen wird, um den Frieden in Mazedonien zu sichern damit nichts mehr in Zukunft die guten Beziehungen zwischen den beiden Staaten beeinträchtige.

Die amtlichen Athener Kreise halten die Antwort der Pforte, soweit sie sich auf jenen Punkt der griechischen Note bezieht, der die Einstellung der Verfolgung der Griechen durch unverzüglich wirksame Maßregeln verlangt, für befriedigend; hinsichtlich des zweiten Punktes der griechischen Note, der die Rückkehr der Flüchtlinge und die Rückgabe ihrer Güter fordert, wird die türkische Antwortnote als vage beurteilt. „Sie kann infolge dessen“, wird aus Athen gemeldet, „nicht als die griechischen Forderungen befriedigend angesehen werden. Das Athener Kabinett werde weiter auf der vollständigen Erfüllung dieser Forderungen bestehen. Griechenland kann sich nicht mit dem einfachen Einstellen der Verfolgung zufrieden geben und die Tatsache mit Schweigen übergehen, da es sich um die Existenz und die Erhaltung von mehr als 150 000 in Griechenland eingetroffenen Flüchtlingen handelt.“ Im gleichen Sinn hat sich gestern Venizelos gegenüber einem Vertreter des „New York Herold“ ausgesprochen. Er sagte: „Die Antwort der Türkei auf die griechische Note ruft den Eindruck hervor.