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Demonstrationen

Die Kriegsbegeisterung in Wien

In Wien herrscht nach der Kriegserklärung an Serbien eine starke Kriegsbegeisterung. Das zeigte sich nicht nur auf den Straßen der österreichischen Hauptstadt.

Wien, 30. Juli
Die gestrigen Kundgebungen übertrafen alle bisherigen weit an Stärke und Kriegsbegeisterung. Sämtliche Veteranenvereine und Kriegskorps veranstalteten vor dem Rathause patriotische Kundgebungen, an denen eine tausendköpfige Menge teilnahm. Der Bürgermeister hielt eine Ansprache, die mit brausenden Ovationen und Hochrufen auf den Kaiser und die Armee, auf Österreich, Kaiser Wilhelm und Deutschland aufgenommen wurde. Darauf zog die Menge vor das Deutschmeisterdenkmal und vor das Kriegsministerium, wo sich im Laufe des Nachmittags ungeheure Massen ansammelten. Hier fanden Verbrüderungsszenen statt. Der Jubel wollte kein Ende nehmen. Die Kundgebungen dauerten bis in die späten Nachtstunden.

Am Nachmittag war der Gemeinderat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengetreten. Saal und Galerien waren dicht gefüllt. Der Bürgermeister hielt eine wiederholt von stürmischer Zustimmung unterbrochene Rede, in der er auf das Attentat gegen den Thronfolger und seine Gemahlin hinwies und ausführte, dass die österreichisch-ungarischen Bataillone hinausziehen in den gerechten Kampf, um Ehre und Vaterland zu schützen. Er forderte den Gemeinderat auf, die Schwierigkeiten des Kriegszustandes in rastloser Arbeit zu überwinden und schloss mit einem begeistert aufgenommenen Kaiserhoch. Ein Stadtrats Wiens hat 100 000 Kronen für das österreichische Rote Kreuz bewilligt. Das Landeskomitee für wirtschaftliche Mobilisierungsvorsorgen hat sich bis auf weiteres in Permanenz erklärt. Es wurde festgestellt, dass für die hauptsächlichsten Konsumartikel kein Anlass zu Preissteigerungen besteht. Der Unterrichtsminister Hussarek von Heinlein richtete an die akademische Jugend einen Aufruf, in dem er daran erinnert, dass auch der nicht ins Feld gezogenen Jugend die Möglichkeit geboten wird, werktätig für das Vaterland zu wirken, indem sie ihre Kräfte der freiwilligen Krankenpflege widmet und sich der öffentlichen Verwaltung zu Diensten für das allgemeine Wohl zur Verfügung stellt. Schließlich appelliert der Minister an die Jugend, eingedenk zu sein in schicksalsschwerer Stunde der erhabenen Größe der Vergangenheit. Dann sei die Wiedergewinnung und Sicherung der Ehre und des Ruhmes des Vaterlandes auch ihre Tat. Auch in den Provinzhauptstädten bekundeten die Kundgebungen gestern eine ungeahnte Begeisterung. Die Offiziere wurden stürmisch gefeiert, so wurden in Lemberg mehrere Offiziere auf der Straße vom Publikum auf die Schultern gehoben und unter dem Jubel der Bevölkerung durch die Straßen getragen.