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Friedensmanifestation der Berliner Arbeiterschaft

Die Kriegserklärung

Schon kurz nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns kursierten die unterschiedlichsten Gerüchte. In Berlin haben sich unterdessen Arbeiter versammelt, um für den Frieden zu demonstrieren.

Österreich-Ungarn hat, wie wir gestern in den Abendstunden durch ein Extrablatt mitteilten, nunmehr eine offizielle Kriegserklärung an Serbien erlassen. Die militärischen Operationen, die an einzelnen Punkten wohl schon begonnen habe, dürften nun schneller fortschreiten. Bei der außerordentlichen Strenge, mit welcher die Depeschenzensur arbeitet, ist es indessen wahrscheinlich, dass man die Tatsache erst erfahren wird, wenn sie vollendete Tatsachen sein werden. Alles, was bisher über Zusammenstöße gemeldet worden ist, war entweder belanglos oder wenig glaubwürdig.

In machen politischen Kreisen und vor allem in der Finanzwelt griff gestern nachmittag eine außerordentlich pessimistische Stimmung um sich. Diese Stimmung steigerte sich, als bekannt wurde, dass es an der Pariser Börse eine neue Deroute gegeben habe. Allerlei Gerüchte wurden kolportiert, man erzählte, dass der deutsche Gesandte in Belgrad, Herr v. Greisinger, ermordet worden sei, und versichterte, Frankreich habe drei Jahrgänge seiner Reserven einberufen. Das Gerücht von dem Gesandtenmorde war uns gestern vormittag zugetragen worden, und wir hatten festgestellt, dass die amtlichen Kreise in Berlin von einem solchen Ereignis, das ihnen hätte bekannt sein müssen, nichts wussten. Die Nachricht über die Einberufung der Reserven wird von französischer Seite dementiert, und es ist im übrigen natürlich klar, dass alle Großmächte, wenn sie auch nicht so schwerwiegende Maßregeln ergreifen, gegenwärtig Rüstungen vornehmen. Es ist zu erwarten, dass in den nächsten Tagen noch vielerlei phantastische Gerüchte auftauschen werden, und man wird gut tun, alle derartigen Erzählungen mit einigem Skeptizismus entgegen zu nehmen.

In Wahrheit lag gestern, außer der Kriegserklärung Österreichs, die ja nicht mehr überraschen konnte, nur eine neue Tatsache vor, die geeignet schien, die allgemein herrschende und nur allzu begreifliche Nervosität noch zu erhöhen. Die höflich ablehnende Haltung der deutschen Regierung gegenüber dem Greyschen Konferenzvorschlage wurde in sehr ungünstigem Sinne ausgelegt. Aber die deutsche Regierung lässt durch eine Note der „Kölnischen Zeitung“, die wir weiter unten wiedergegeben, erklären, dass sie nur die Form der Konferenz für unpraktisch halte und dass sie, wie wir im gestrigen Abendblatt ausgeführt haben, eine direkte Einwirkung der Großmächte in Wien und Petersburg vorziehe. An einer solchen Vermittlung mitzuarbeiten, sie sie bereit. Und sie legt so viel Wer auf diese Darstellung ihrer Absichten, dass sie, gegenüber einer anders gearteten Meldung der Hirschschen Telegraphenbureaus, abends durch das Wolffsche Bureau noch folgendes konstatieren ließ.

„Hirschs Bureau verbreitet unter Berufung auf eine amtliche Ermächtigung eine Erklärung des Inhalts, Deutschland habe die englischen Vorschläge abgelehnt, da die deutsche Diplomatie es vorziehe, den Ereignissen ihren Lauf zu lassen. Wir stellen fest, dass die Hirschsche Bureau von keiner amtlichen Stelle zur Verbreitung einer derartigen Erklärung ermächtigt worden ist, und verweilen im übrigen auf die in Nr. 3391 unserer Ausgabe wiedergegebene Berliner Meldung der „Kölnischen Zeitung“.“

Aus Petersburg, wo die Börse eine ziemlich feste Tendenz zeigte, ist keine Nachricht eingetroffen, die darauf hindeutete, dass die Krisis akut geworden sei. Die russische Regierung hat eine amtliche Mitteilung erscheinen lassen, in welcher die Bevölkerung ersucht wird, die patriotischen Manifestationen einzustellen. Man liest in diesem Dokumente den Satz, dass die Regierung hoffe, „Dieser Ausdruck der Volksgefühle werde durchaus nicht eine Färbung von Missgunst gegen Mächte annehmen, mit denen Russland sich im Frieden befindet und mit denen es sich unverändert im Frieden zu befinden wünscht.“ Am Schlusse heißt es, die russische Regierung „verharre auf der Macht für die Würde und die Interessen Russlands“. Ein Telegramm unseres Petersburger Korrespondenten, das wir nachstehend veröffentlichen, besagt, dass Russland, „die politische Lage mit großer Aufmerksamkeit verfolgen“ und seine militärischen Vorkehrungen nicht einstellen werde, „bis der Konflikt vollständig liquidiert ist.“ Diese abwartende Ruhe kann natürlich so gedeutet werden, dass Russland Zeit gewinnen will, um seine militärischen Maßregeln zu vervollständigen. Man kann ebenso gut auch annehmen, dass Russland erst sehen will, wie weit Österreich in seiner kriegerischen Aktion zu gehen gedenkt und was es schließlich, bei der Regelung der serbischen Angelegenheit, fordern wird. Jedenfalls kann man nur wiederholen, dass bisher nichts geschehen und nichts bekannt ist, was diejenigen, die eine politische Situation zu beurteilen verstehen, veranlassen müsste, auch die letzte Hoffnung aufzugeben. Diese Situation ist ungeheuer ernst, ein überraschendes, den Weltfrieden umstürzendes Eingreifen Russlands ist in jeder Stunde möglich, aber wenn die ersten Kriegstage ohne einen solchen Eingriff vorübergehen und Zeit gewonnen werden kann, werden vielleicht neue Mittel, neue Vorschläge zur Verständigung sich in Wien und Petersburg geltende machen.

Die arbeitende Bevölkerung Berlins hat gestern eine Kundgebung für den Frieden veranstaltete, die auf alle, die ihr ohne Voreingenommenheit beiwohnten, eine starken Eindruck gemacht hat. Wie lieben die Straßenkundgebungen in Augenblicken internationaler Konflikte nicht sehr, aber wenn die jugendlichen Kriegsenthusiasten ihre Ansicht auf der Straße laut äußern dürfen, so dürfen schließlich auch diejenigen, die im Völkerfrieden mit Recht ein unschätzbares Glück sehen und sich eine klare Vorstellung von dem entsetzlichen Jammer des Krieges machen, das gleiche tun. Die Polizei hat denn auch, vielleicht mit einigen Ausnahmen, die gewaltige Massenkundgebung nicht durch übertriebene Härte gestört, und die enorme Schaar der Manifestanden konnte frei den Wunsch äußern, der nicht nur von ihnen, sondern fast von dem ganzen deutschen Volke gehegt wird: den dringenden Wunsch, den Frieden erhalten zu sehen. Allerdings, auch diese Kundgebung kann den Gang der Ereignisse nicht wesentlich beeinflussen und wir können nur wiederholen, dass in einem Augenblick, wo man vor fertigen Tatsachen steht, eine ruhige Festigkeit wohl noch am besten zur Wahrung des bedrohten Friedens dienen kann. Aber das deutsche Volk, dem ein Krieg so viel Elend bringen müsste, darf von seiner Regierung und von allen, die in dieser schweren Stunde eine Verantwortung tragen, erwarten, dass bei aller Festigkeit doch kein irgend mögliches Mittel zur Abwendung der Gefahr ungenutzt gelassen wird – und wir hegen die absolute Überzeugung, dass die deutsche Regierung dieser ernsten Pflicht in vollem Maße eingedenk ist.