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Kriegsstimmung

Die Kriegstage in Wien

In Wien hat der Krieg das Leben bisher nur wenig verändert. Mit Gelassenheit haben die Wiener ihren Alltag fortgesetzt. Nur völlig überzogene Lebensmittelpreise und die Sorge der Pferdebesitzer haben bisher für Aufregung gesorgt.

Wien, 30. Juli.
Man wird den Verhältnissen, wie sie sich dem unbefangenen Zuschauer zurzeit hier darstellen, wohl am besten gerecht, wenn man den Krieg als eine rein militärische Angelegenheit betrachtet. Das ist nämlich keineswegs so selbstverständlich, wie es auf den ersten Augenblick scheinen möchte. Wir, die wir durch die Schule Bismarcks und Moltkes gegangen sind, sehen im Kriege nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, denen der Gewalt. Wir sind daher nur zu geneigt, auch nach Beginn der eigentlichen Kriegshandlung nach Lebensäußerung der Politik zu suchen, wovon der Krieg ein eingeschobenes Glied ist.

Mit dieser Art der Betrachtung kommt man hier nicht weit. Denn dieser Krieg bedeutet eben nicht die Fortsetzung der bisherigen Politik, sondern im Gegenteil den Bruch mit dieser Politik. Gerade das ist es, was den Krieg so volkstümlich macht. Es sieht so aus, als sei die Diplomatie zurzeit völlig ausgeschaltet. Es sieht natürlich nur so aus, aber jedermann ist zufrieden, dass es so aussieht. Und wie immer und in welchem engeren oder weiteren Rahmen der Krieg verlaufen wird: nach seiner Beendigung werden wir ein anderes Österreich vor uns haben, als das war, womit wir im letzten halben Jahrzehnt gerechnet – und manchmal auch nicht gerechnet haben. In notwendiger Folge davon aber wird auch der Dreibund ein anderes Gesicht erhalten als bisher.

Hier in Wien sind die letzten Tage einförmig nach bestimmtem Schema verlaufen. Morgens geht jeder seinen Geschäften nach. Die große Frage, die alle berührt, ist die „Approvisierung“, die Verpflegung der Millionenstadt. Zu Beginn der Woche wurde die erste Erregung dazu genutzt, eine künstliche Hausse in den Preisen der begehrtesten Lebensmittel, Kartoffeln und Mehl, hervorzurufen. Das ging den vorsorglichen Hausfrauen denn doch über den Spaß, und sie haben an etlichen Händlern, die für Kartoffeln den sechs- und zehnfachen Preis statt des normalen forderten, eine entschlossene und empfindliche Lynchjustiz verübt. Rasch sind dann auch die Behörden eingeschritten und haben dem Unfug der unberechtigten Preissteigerung ein Ende gemacht.

Immerhin, Wien lebt wie Berlin aus der Hand in den Mund. Nachts kommen die Fuhren, bis von der ungarischen Grenze her, herein und sammeln sich auf offener Straße, rings um den Platz „Am Hof“. Dort ist der Zentralmarkt für Lebensmittel, der unter etwas urwüchsigen Verhältnissen abgehalten wird. Die Hauptsorge ist vorerst, dass kein Mangel an Pferden eintritt, und Pferde sind für die Militärverwaltung leider ein sehr begehrenswerter Artikel. Großberliner Stadtväter, die’s angeht, könnten gegenwärtig hier lehrreiche Studien machen, von den freilich nicht zu wünschen ist, dass sie bald in Taten umgesetzt werden müssten, die aber wie die Dinge nun einmal liegen, nicht zwecklos wären.

Nachmittags, wenn der trotz aller Wirren der Zeit ordnungsliebende Bürger dem Kaffeehause zustrebt, hallt’s „Extrablatt! Extrablatt!“ in eintöniger Wiederholung durch die Straßen. Niemand regt sich sonderlich darum auf. Sogar die Extrablätter mit der Kriegserklärung brachten die Leute nicht aus ihrer Gelassenheit. So ruhig der Wiener Verkehr sonst ist – mit zweistöckigen Trambahnen und sogar Autobussen ist er Berlin bereits voraus – den Betrieb des Extrablattes, als einen Teil des Zeitungsdienstes für das Publikum einer Großstadt, hat man noch nicht erfasst. Niemand denkt daran, die Stadt in großem Zuge mit einigen hunderttausend Blättern zu überschwemmen. Die Extrablätter werden gehandelt, und dieser Handel treibt wunderliche Blüten. Ein Unternehmen lässt täglich einmal die Revolution in Russland ausbrechen und die Republik in Polen ausgerufen werden. natürlich ist es nur erfreulich, dass sich das Publikum gegen derartige Sensatiönchen kühl ablehnend verhält.

Am lebhaftesten geht’s abends zu. Da zeihen Scharen jeglichen Alters und Geschlechts, überwiegend aber doch halbwüchsige Burschen, durch die Kärntner Straße und über den Ring, zu Fuß und zu Auto, mit Fahnen und Musik, singen und rufen Hoch und Hurra und „Nieder mit dem schwarzen Peter“. Das bessere Publikum hält sich abseits in den Kaffeehäusern, schaut zu und lacht, nimmt den Hut ab und singt die Nationalhymne mit. Es ist viel echte und ehrliche Begeisterung dabei, und doch viel von jenem, mit der Großstadt unzertrennlich verbundenen geschäftigen Treiben, das man sonst „a Hetz“ zu nennen pflegt. Ein Krieg aber, auch ein „lokalisierter“, ist eine bitterernste Sache. Unter den Rekruten der böhmischen Regimenter herrschte dafür offenbar mehr Verständnis als hier in der gemischten Großstadtgesellschaft.

Die reine und echte Volksstimmung wird man wohl heute kennen lernen, wenn der Kaiser zurückkommt. Der hochbetagte Herr soll von einer erstaunlichen Frische des Entschlusses und Festigkeit des Urteils sein. Ganz besonders, so sagt man, hätten ihn die privaten Kundgebungen aus dem Deutschen Reich erfreut, die ihm in gewaltiger Zahl zugegangen seien und noch zugehen. Nicht wenige darunter sollen, nach berühmten Muster, in dem „Immer-feste-druff-Stil“ gehalten sein. Der Kaiser ist und bleibt in diesem vielstämmigen Reiche der feste Mittelpunkt, und dass zwischen ihm und den leitenden Männer vollste Übereinstimmung herrscht, ist für die gute und glatte Durchführung des Unternehmens natürlich von der größten Bedeutung.

Als völlig verfehlt haben sich auch, soweit man bisher sieht, die Spekulationen auf „völkische“ Unstimmigkeiten erwiesen, die hier und da im nichtdeutschen Ausland laut geworden sind. Man ist hier mit den Ereignissen und dem Verlaufe der Mobilmachung sehr zufrieden, und es ist durchaus wahrscheinlich, dass man Grund dazu hat. Ins Gewicht fällt dabei für Österreich besonders auch die Stimmung in polnischen Kreisen. Die Äußerungen, die man hier vernimmt, sind auf den gleichen Ton gestimmt, wie die der deutschen und ungarischen Kreise. Welchen Anlass hätten, bei einer Auseinandersetzung mit Russland als möglichem Gegner, auch die österreichischen Polen, ihrem Staat Übels zu wünschen? Sie sind hierzulande gleichberechtigte Bürger.

So ist denn anzunehmen, dass die Dinge ohne jede Störung von innen heraus ihren Lauf haben werden. Wer nach den politischen Zielen auch nur des lokalisierten Krieges fragt, kommt nicht recht auf seine Kosten; es bleibt nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu fassen. Man will mit den ewigen Beunruhigungen durch die Serben reinen Tisch machen. Und man steht hier auf dem nicht unberechtigten Standpunkte, dass das eine Angelegenheit zwischen dem bisher nur allzu geduldigen Leidtragenden und dem nur allzu unternehmungslustigen Störenfried sein und Russland, das mit Serbien nicht einmal die interessierte Nachbarschaft einer gemeinsamen Grenzlinie hat, eigentlich nichts angehe. Dass Russland also eine Einmischung auf eigne Rechnung und Gefahr unternehme, so bedauerlich sie im Hinblick auf die Folgen auch sein würde.

Über das „Wie“ des Friedenschlusses – um den der Krieg hier wie stets doch geführt wird –, über die nicht ganz nebensächliche Frage der Entschädigung schweigt man sich aus, wie zu erwarten war. Nicht jedem Kriege kann ein so gemeinverständlich-packendes Ziel voranleuchten, wie es 1870 die deutsche Einsicht war. Dadurch ist die Stimmung hier die ultima ratio regis, die Politik ist „a. D.“ gestellt. Oder tut doch so. Was allgemein gebilligt wird, in der Erwartung, dass sie im gegebenen Augenblicke hervortreten und „den Umständen nach“ handeln werde.