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Bekassine, Krammelvogel und Wachtel in köstlicher Tunke

Die Küche im Mai

In Clou können die Besucher feststellen, dass die Natürlichkeit in die Kochkunst zurückgekerht ist. Berliner Aussteller glänzen.

Man kann diese Ausstellung unmöglich in einem Zug zu Ende durchschreiten, wenn man die Besichtigung vor dem zweiten Früstück beginnt. Es stürmt gar zu viel auf den durch die Kaffeebrötchen nur oberflächlich besänftigten Magen ein. Diese mit feinstem Timbre gebratenen Puten, die rosig sich wölbenden Schinken, Bekassinen, die ihre Schnäbelchen aus einem Meer appetitlicher Tunke emprorrecken, Spartel in grünlich-gelber Flüssigkeit, die starr ist vor Staunen über die Dicke der Stangen, Krebsschwänze, die auf Salmrücken wie durch ein Zauberwort festgebannt sind, Rinderzungen mit den feinsten Gemüsen so reich besät, wie die Zunge einer alten Vettel mit bösen Worten, Kantaloupe-Melonen mit überquellendem Salat gefüllt, Langusten, die in ihrer Schale außer dem eigenen zarten Fleisch ein ganzes Aquarium anderer kleiner Tiere tragen. Wachteln und Krammelvögel in lieblichen Chaudfroid-Kleidchen – all das reizt den Gaumen zu sehr und treibt zu einer Unterbrechung der Umschau am Buffet. Dann, neu gestärkt, kann man das Ganze ruhiger überschauen und sieht alsbald, daß diese heute eröffnete Ausstellung die kulinarische Konchkunst insbesondere Berlins auf einer bedeutenden Höhe zeigt. Denn trotz der Internationalität der Ausstellung, die von der Befurfsvereinigung der Küchenmeister von 1913, vom Verband deutscher Köche und Köchinnen zu Berlin arrangiert ist, steht noch doch die Berliner Kochkunst im Vordergrund. Die prachtvollste Tafel hat das Hotel Kaiserhof aufgestellt. Dort bilden die Languste en bellevue, ein kaltes Schnepfengericht, das höchst kunstvoll aufgebaut ist, ferner der Rehrücken Atlantic, ein Prager Schinken mit Edelpilzen, dessen einzelne Scheiben mit feinen Pilzschnitten wie mit Intarsien ausgelegt ist, ein höchst anziehendes Ensemble. Eine Firma hat mit großer Akkuratesse Stilleben genau nach berühmten Gemälden aufgebaut, die täglich wechseln. Der Lette-Verein zeigt in einer Sonderausstellung Erzeugnisse seiner Kochschülerinnen in einer Form der folgender Gedanke zugrunde liegt: Die Tochter des Hauses hat eben die Kochschule des Lette-Vereins verlassen und feiert ihren achtzehnten Geburtstag in der Familie, indem sie als ihr Meisterstück alle Speisen selbst bereitet. Auch die Fröbel-Schule zeigt hübsche Arrangements, die sich allerdings recht bescheiden ausnehmen gegenüber den anderen gewaltigen Schaugerichten ringsum. Mit Vergnügen bemerkt man, daß auch auf die Bereitung großartiger kalter Buffets der Zug der modernen Kunst zur Natürlichkeit seinen Einfluß geübt hat. Der gekünstelte Aufbau der Speisen ist fast vollständig verschwunden. Nur selten sieht man noch solch einen Unsinn wie Salate, die auf einer Königskrone ruhen, oder Schinken, die in steife Saaußen so eingepackt sind, daß sie wie eine Sektflasche ausschauen. Fast überall bemüht man sich, die natürlichste Form des Gegenstandes beizubehalten. Wachteln liegen in der ihnen eigenen Haltung da, die Poularde reckt ihre derben Beine in die Luft, die Pökelzunge zeigt ihre gar anmutigen natürlichen Wölbungen. Alle diese Ausstellungsstücke, die ja leicht vergänglich sind, wechseln täglich, und jeder kann das Seinige zur Herbeiführung einer möglichst raschen Auswechselung beitragen, denn alle Schüsseln sind verkäuflich. Freilich muß man für eines der schönsten Stücke, eine Poularde mit Pökelzunge und einen Kranz von Salaten, 40 Mark anlegen. In Seitenräumen sieht man alle erdenklichen Kochapparate und Kochmaschinen aufgestellt, darunter auch mächtige Gasherde und Gasbacköfen von den berliner städtischen Gaswerken.