Arbeiterinnen der Munitionsanstalt Jungfernheide
Quelle: europeana1914-1918.eu: Liselotte Rusch, CC-BY-SA

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Arbeitende Frauen

Die Lage der erwerbstätigen Frauen und der Liberalismus

Immer mehr Frauen müssen für den Lebensunterhalt ihrer Familie arbeiten. Höchste Zeit, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern und ihre politischen Rechte zu stärken.

Die wirtschaftliche Entwicklung der Gegenwart hat hunderttausende deutscher Frauen eingegliedert in das harte Erwerbsleben, – und stetig zunehmende Teuerungsverhältnisse bedingen ein weiteres Anwachsen dieser Zahl. Die Frau ist interessiert an unserem Wirtschaftsleben und seiner Gestaltung nicht mehr nur mittelbar durch Haushalt und Familie; als selbsttätige Erwerbskräfte gewinnen die Heere der weiblichen Angestellten und Arbeiterinnen Anteil insbesondere an einem Gebiet, das bisher fast ausschließlich den Mann anging: an der Regelung, der Arbeitsbedingungen.

So geht die Gestaltung der Konkurrenzklausel auch die weiblichen Arbeitskräfte an, und gerade die Verkäuferinnen der großen Waren- und Spezialhäuser werden durch die Klausel in einer ungerechtfertigten und – angesichts der meist in Frage kommenden Stellungen und Gehälter – geradezu lächerlichen Weise an ihrem Fortkommen gehindert. – Ebenso wichtig ist besonders für die weiblichen Angestellten eine möglichst weitgehende Sonntagsruhe, über welche Frage die gesetzgebenden Körperschaften, die Handelskammer und auch der letzte deutsche Handelstag eingehend verhandelt haben. – Alles das sind Maßnahmen, die zu einer Regelung der Arbeitsbedingungen beitragen und in Zukunft einmal nur noch Teile darstellen sollen eines großen einheitlichen Arbeitsrechts. Die Fortschrittliche Volkspartei hat seine Ausarbeitung bereits auf dem Mannheimer Parteitag des Jahres 1912 als eine unerlässliche Forderung in ihr Programm aufgenommen.

Fast unbesprochen blieb in diesen Verhandlungen wie auch seither die überaus wichtige Frage, wie weit in einem solchen Arbeitsrecht der Stellung und Eigenart der Frau Rechnung getragen werden soll. Über der dauernden Erörterung des Frauenstimmrechts, das vielfach und fälschlich als die Voraussetzung aller politischen Betätigung angesehen wird, hat man es auch jetzt wieder versäumt, weite Kreise der erwerbstätigen Frauen politisch zu interessieren, zunächst einmal an den oben erwähnten Gegenwartsfragen, dann aber auch darüber hinaus. Das Arbeitsrecht und seine einzelnen Teile, vor allem aber das Kampf- und Abwehrmittel einer Organisation sind praktisch-politische Notwendigkeiten geworden. Der Begriff, der Koalition wird heute auch von Arbeitgeberverbänden anerkannt, – so auch von Syndikus Dr. Stresemann auf der vorjährigen Tagung des Bundes der Industriellen, – trotz der noch immer nicht endenden Anstrengungen von mancher Seite, ihn mit einem „sozialistischen“ Makel zu behalten.

Stellt man vergleiche an zwischen der Lage der Arbeiterfamilien von einst und jetzt so fallen sie völlig zugunsten der Gegenwart aus. Dies günstige Ergebnis muss der unparteiische Beobachter dem gewerkschaftlichen Zusammenschluss auch dann zum größten Teil gut schreiben, wenn er die übrigen Umstände berücksichtigt, die mit der Selbsthilfe in fördernder Richtung zusammengewirkt haben. Dient also die Organisation dem Schutz der wirtschaftlich Schwachen und Schwächsten, so muss man sie als eine sittliche Forderung werten, deren Erfüllung dem Raubbau an nationalen Kräften vorbeugt. Unterstützt wird diese Anschauung, wenn man die Verhältnisse dort betrachtet, wo ungeschützte Arbeitskräfte tätig sind, wie das in umfassendem Maß gerade bei den weiblichen Angestellten der Fall ist.

Das statistische Material kann in seiner Fülle nur andeutungsweise herangezogen werden. – Gehälter von 35 und 50 Mark bedeuten im Kontordienst oder im Zwischenhandel, die die meisten weiblichen Angestellten beschäftigen, keine allzu große Seltenheit. Und wen Zufall oder Pflicht am Abend nach Geschäftsschluss durch die Straßen der Großstadt vorüber an Warenhäusern und Bureaus führt, wer sehenden Auges in unzählige blasse Frauengesichter blickt, der mag sich fragen, ob hier nicht das Reservoir der Kraft allzu leer geschöpft wird. – die „Arbeitsordnung“ manches Unternehmens enthält Vorschriften, deren rücksichtslose Anwendung insbesondere für Frauen von geradezu gesundheitsschädlicher Wirkung sein muss. Leider bleibt es denn auch immer bei der Theorie des gedruckten Wortes. Die Statistik der Krankenkassen redet hinsichtlich ihrer weiblichen Mitglieder eine deutliche Sprache. Es ist falsch dieselbe nur aus ungünstigen Wohnungsverhältnissen und unvernünftiger Ernährungsweise erklären zu wollen. Man hatte neben diese Statistik die Entscheide der Kaufmannsgerichte, die täglichen Beiträge zu einem sehr trüben Kapitel in unserem wirtschaftlichen Leben liefern. Gleichwohl sind auch sie machtlos gegenüber weitgehender Ausnutzung der Arbeitskraft – gegenüber all jenen Unzuträglichkeiten, die im Gefühl der eigenen Schwäche, um des täglichen Brotes willen, geduldet werden.

Hier ist der Boden, auf dem die Arbeit des Liberalismus helfend und zusammenschließend einzusetzen hat. Von Seiten derer, die solchen Bestrebungen geflissentlich feindlich gegenüberstehen, wird ein Moment der Verhetzung in die Bewegung dadurch hineingetragen, dass man sie als gegen den Arbeitgeber gerichtet zu bezeichnen liebt. Wer die großen Zusammenhänge nur ein wenig im Auge behält, erkennt die vollkommene Haltlosigkeit dieser Behauptung. Gerade den wohlmeinenden Arbeitgeber erfüllt es mit Bedauern und Sorge, dass der sich immer mehr steigernde Konkurrenzkampf ihn unerbittlich zwingt, den Lohnfonds als Kriegstasse heranzuziehen. Aber es bleibt ihm in den meisten Fällen keine andere Wahl, weil es völlige Freiheit hinsichtlich seines Verhaltens gegenüber dem Personal für ihn nicht mehr gibt. Die Konkurrenz gestattet heute kaum noch eine Gewinnvermehrung über ein gewisses Minimum hinaus.

Insbesondere bei dem zahlreiche weibliche Angestellte beschäftigenden Zwischenhandel muss deshalb einerseits ein Druck auf die Fabrikation ausgeübt und sodann die Personalfrage stets von neuem unter dem Gesichtspunkt gelöst werden: größtmögliche Anspannung der Angestellten die möglichster Einschränkung des Lohnfonds. Damit ist, solange nicht ein soziales Arbeitsrecht den wirtschaftlich Schwächeren schützt, die Möglichkeit vorhanden, dass Raubbau getrieben wird mit kostbarem Gut an Arbeitskraft und Volksgesundheit. Der sozial bedenkende Arbeitgeber muss daher jedes Mittel willkommen heißen, dass diese Möglichkeit soweit angängig einschränkt. Insbesondere dann, wenn es – wie das bei der gewerkschaftlichen Organisation der Fall ist – ihn in gleicher Weise wie den Konkurrenten trifft.

Nur die Organisation vermag sich als ein derart zwingender Faktor geltend zu machen, dass alle mit ihm zu rechnen gezwungen sind. Vorbereitung aber für den wirtschaftlichen Zusammenschluss ist, dass der einzelne von der Notwendigkeit seiner Tätigkeit, von ihrem Wert für das Erwerbsleben durchdrungen ist. Das Gefühl von der Unentbehrlichkeit des einzelnen ist der ideale Gedanke, der in der Gesamtheit zu wirksamem Ausdruck gelangt. Er gibt dem Fordernden das Gefühl des Rechts für seine Forderungen – er ist die Quelle jener Kraft, die niemals fehlen darf, wo es den Kampf im politischen oder wirtschaftlichen Leben gilt.

Die neuzeitliche Entwicklung hat den Frauen dieses Bewusstsein vom Werte ihrer Tätigkeit gebracht. Sie sind in der Lage, auf dem Wege der notwendigen und natürlichen Entwicklung bis zum Zusammenschluss aller Erwerbstätigen fortzuschreiten. Dass es sich dabei um eine soziale Notwendigkeit handelt, geht aus mancherlei Zeichen hervor. So sei hier insbesondere auf eine Resolution des internationalen Männerverbandes für Frauenstimmrecht verwiesen. Es werden darin „die erneuten Folgen der stetig zunehmenden Arbeitsverwendungen nicht organisierter und politisch unvertretener Frauen“ erwähnt.

Diese Äußerungen werden von anderer Seite her wirksam unterstützt. – Der Verband der Warenhäuser klagt mit Recht über Mangel an geschulten Kräften und will dem durch Einrichtung entsprechender Ausbildungskurse abhelfen. Erfolg kann man sich von dieser Maßregel nur dann versprechen, wenn die Lebensbedingungen und Gehaltsverhältnisse des künftigen Berufes eine lange und gründliche Lehrzeit rechtfertigen. Die sicherste Gewähr dafür muss aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen im gewerkschaftlichen Zusammenschluss gesehen werden. Durch ihn würden am ehesten Notwendigkeiten, wie pünktliche Einhaltung der Tisch- und Ruhepausen, rechtzeitiger Schluss der Arbeitszeit, ungehinderte Benutzung der Sitzgelegenheiten usw. usw. herbeigeführt werden. und dadurch wiederum würden sich vielfach Wohlfahrtseinrichtungen völlig erübrigen, die, falls sie nicht gleichzeitig Reklamezwecken dienen, das Unternehmen unter Umständen erheblich belasten müssen.

Die gewaltige Anzahl erwerbstätiger Frauen ist auch als Konsument nicht außer acht zu lassen, und die Hebung ihrer wirtschaftlichen Lage würde sich auch im Verbrauche von Produkten aller Art bemerkbar machen. – Am besten und einfachsten würde die Frage sich lösen lassen durch Schaffung des vom Mannheimer Parteitag geforderten Arbeitsrechtes. In einer überaus lesenswerten Abhandlung hat Rudolf Goldscheidt die Frage im „Zeitgeist“ behandelt. Er erkennt eine der ideellen Aufgaben des neuschaffenden Arbeitsrechtes für die Frauen darin, dass dasselbe ihnen von Rechts wegen die Vereinigung ihrer natürlichen Aufgaben mit ihrem Beruf, ihrem Anteil an der Kulturarbeit sicherstellt.

Diese grundlegende Umwälzung in den Arbeitsbedingungen aber ist ein Wechsel auf die Zukunft, während eine sofortige Inangriffnahme des Gebietes im Interesse der Sache selbst wie auch des Liberalismus liegt. Nicht umsonst schuf sich die Sozialdemokratie – die bereits die Organisation der Dienstboten nicht ohne Erfolg betreibt! – im Zentralverband der Handlungsgehilfen und –gehilfinnen eine wirksame Organisation zur Politisierung auch der weiblichen Angestellten in ihrem Sinne. Nicht umsonst hat sich die Gründung eines Vereins konservativer Frauen angemeldet, der entgegengesetzter Richtung politisch wirken soll.

Demgegenüber würde die bürgerliche Arbeiterpartei, und insbesondere die liberalen Arbeiter und Angestellten, bei ihren Bemühungen wirksame Unterstützung von Seiten der Frauen selbst im Kaufmännischen Verein für weibliche Angestellte finden, der, wenn auch bisher unpolitisch, in seinen Anschauungen und seiner Betätigung der liberalen Geistesrichtung nahestehen dürfte.

Eine ungeheure Aufgabe kann nicht mehr länger stillschweigend übergangen werden, – sie muss ihre Lösung finden. Und wenn ohne Kampf auch hier nichts zu erreichen ist. So soll die Partei wie auch der einzelne sich bewusst bleiben, wie sehr es sich hier um eine Frage handelt, die ihre Kraft in den Dienst der Arbeit stellen müssen, sind Gattinnen und Mütter oder hoffen es zu werden. Wer ihnen das Berufsleben erleichtern hilft und beiträgt zu der von Goldscheidt erstrebten Vereinigung von Beruf und generativen Aufgaben der Frau, der tut beste Arbeit für die Zukunft des Liberalismus, indem er die Mütter einer kommenden Generation zu bewussten und dankbaren Anhängern fortschrittlicher und freiheitlicher Gedanken macht.