Kochkursus. Ein Koch- und Backkursbuch für Kursistinnen mit dreimonatlichem Unterricht.

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Wegen Kriegszustand

Die Lebensmittelteuerung in Groß-Berlin

Der Kriegszustand hat auch in Berlin wirtschaftliche Auswirkungen gehabt. Vor allem die Lebensmittelpreise sind teilweise drastisch gestiegen. Aber auch Zigaretten- und Tabakhändler erlebten einen Ansturm. Ein Überblick, wo in Berlin der Handel die Mobilmachung zu spüren bekam.

Die Lebensmittelteuerung, die seit der Zuspitzung der politischen Lage auch bereits in Groß-Berlin sich geltend zu machen begann, hat sich naturgemäß seit gestern noch wesentlich verschärft. Schon gestern im Laufe des Tages wurden die großen Spezialgeschäfte der Kolonialwarenbranche und die Lebensmittelabteilungen der Warenhäuser von ängstlich gewordenen Hausfrauen bestürmt, die gerade durch ihre Übereilung ihre Absicht, sich in möglichst großem Umfang Lebensmittel noch zu den jetzigen preisen zu sichern, selbst durchkreuzt haben. Denn selbstverständlich musste der Riesenansturm der Berliner Hausfrauen, dem die Geschäftswelt vollkommen unvorbereitet gegenüberstand, eine Hausse in Lebensmittel herbeiführen. Andererseits muss es als unverantwortlich angesehen werden, wenn die einschlägigen Geschäfte nun aus dem Run der Hausfrauen Kapital schlagen wollen und die Preise in unverhältnismäßiger Weise erhöhen. Ein Anlass für die Befürchtungen der Hausfrauenwelt liegt jedenfalls vorläufig keineswegs vor. Trotzdem wurde, wie erwähnt, gestern Abend und heute Vormittag von allen Haushaltungen versucht, sich möglichst viel Lebensmittel zu sichern. Die großen Spezialgeschäfte für Kaffee, Zucker, Tee, Mehl und Butter, Hülsenfrüchte und so weiter und die Lebensmittelabteilung der Warenhäuser hatten indes schon so viele Bestellungen in den letzten Tagen erhalten, dass sie, wie wir durch Umfragen feststellten, heute Vormittag keine neuen Bestellungen mehr annahmen und nicht einmal kleine Posten verabfolgten. Viele Geschäfte haben sogar zeitweise oder ganz geschlossen. Infolgedessen wurden die kleineren Geschäfte bestürmt, aber auch diese gaben ihre waren nur pfundweise ab, so dass man vielfach die Hausfrauen und ihre Dienstmädchen von einem Geschäft zum anderen eilen sah.

Die Lösung der Lebensmittelfrage für die kommenden Monate ist neben der militärischen und der finanziellen Kriegsrüstung natürlich augenblicklich die wichtigste und schwerwiegendste Sorge der in Frage kommenden Behörden und Interessenvereinigungen. Wie bereits heute Morgen an anderer Stelle des Blattes berichtet, wird auf Veranlassung der Eisenbahnabteilung des Großen Generalstabs die Handelskammer zu Berlin bei der Heranbringung von Lebensmitteln und Waren nach Berlin die Tätigkeit einer Vermittlungsstelle ausüben, bei der Seitens der Interessenten der Bedarf an Eisenbahnladeraum anzumelden ist. Die Handelskammer wird diese Anmeldungen an die zuständigen Stellen weiter leiten. Wünschenswert ist es, dass alle Transporte, die auf dem Wasserwege erfolgen können, zu Schiff vonstattengehen, damit der naturgemäß stark belastete Eisenbahndienst tunlichst erleichtert wird.

Auch die Hauptinteressenten, die Berliner Kolonialwarenhändler, haben sich bereits eingehend mit der Lebensmittelversorgung Berlins beschäftigt.

Der Vorsitzende des Vereins Berliner Kolonialwarenhändler,
Herr Richard Riel, machte einem unserer Mitarbeiter über die augenblickliche Lage folgende Angaben:

„ Die Kolonialwarengeschäfte Groß-Berlins werden seit einigen Tagen förmlich bestürmt. Das Publikum kauft unglaublich große Vorräte ein, so dass beispielsweise Mehl, Zucker, Salz, Gries und Hülsenfrüchte vollständig ausverkauft sind. Ein erheblicher Teil der Geschäfte ist aus diesem Grunde geschlossen worden. Die Grossisten erklären sich vorläufig außerstande, anzuliefern. Auch im Eierhandel macht sich eine große Knappheit bemerkbar, während Wurst und Butter noch in genügenden Mengen am Markte ist. Zu Montagvormittag ist eine Sitzung der Fachausschüsse der Nahrungsmittelbranche, des Viehhandels, des Butter- und Schmalzhandels nach der Handelskammer einberufen worden, um über Schritte zu beraten, die eine Besserung der Lage herbeiführen können. Der Ansturm der Hausfrauen auf unsere Geschäfte ist nämlich umso schwieriger zu bewältigen, als wir kurz vor der Ernte stehe und die Lager, wie gewöhnlich um diese Jahreszeit, nicht mehr sehr groß sein können.“

Eine wichtige Rolle in der Lebensmittelversorgung Berlins spielen auch die Konsumvereine, deren wichtigster die

Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend

Ist, die nicht weniger als 125 Geschäfte in Groß-Berlin unterhält. Wie uns die Geschäftsleitung dieser großen Genossenschaft auf Anfrage mitteilt, hätten sie zu Beginn der Krisis für etwa eine halbe Million Mark Waren auf Lager gehabt. Infolge des Ansturms auf ihre Filialen seien aber die Lager für die Hauptnahrungsmittel außerordentlich reduziert und einige waren bereits vollkommen auserkauft. Das Publikum kaufe ganz wahllos. Auffallend sei beispielsweise, dass eine ganz besondere Nachfrage nach Salz bestände, obwohl in Deutschland fast unerschöpfliche Salzlager vorhanden seine, so dass das Publikum gerade in Bezug auf Salz gar nicht in Verlegenheit kommen könne. Wenn der Ansturm des Publikums nicht aufhöre, so müssen die Preise unbedingt in die Höhe gesetzt werden. denn es sei außerordentlich schwer, neue Vorräte heranzubekommen, da die Grossisten alle Abschlüsse unter Bezugnahme auf die Kriegsklausel aufgeschoben hätten. Bis jetzt sei es allerdings gelungen, noch alle 125 Filialen offenzuhalten.

Auf dem

Zentralviehhof

Vollzog sich im Gegensatz zur Zentralmarkthalle der Verkehr noch in verhältnismäßig normalen Grenzen. Der Auftrieb hatte etwa den alltäglichen Umfang; er betrug 3120 Rinder, 1252 Kälber, 13 293 Schafe und 16 116 Schweine. Der Handel war in allen Gattungen ruhig, immerhin hatte die Zuspitzung der politischen Lage einige – sich in verhältnismäßig geringen Grenzen haltende – Preiserhöhungen zur Folge. Von Wichtigkeit für die Versorgung des Berliner Fleischmarktes ist es, wie uns gesagt wird, ob in den nächsten Tagen die Eisenbahnverladungen von und nach Berlin regelmäßig vorgenommen werden können oder nicht. Bis jetzt war die Eisenbahnverwaltung noch nicht in der Lage, eine bestimmte Antwort zu geben. Fest steht nur, dass das von der Militärverwaltung angekaufte Vieh auf jeden Fall per Bahn befördert wird. Trotzdem die Engrosviehpreise, wie gesagt, noch keine wesentliche Steigerung erkennen lassen, haben

Die Groß-Berlin Ladenschlächter

Infolge des Ansturmes der Hausfrauen ihre Preise für die meisten Fleischwaren erhöht. Besonders scharfe Preissteigerungen ergaben sich bei Schinken und Speck, nach denen so starke Nachfrage herrschte, dass sie bereits um die Mittagsstunde kaum noch zu haben waren. Mit Rücksicht auf eine längere Dauer eines etwaigen Krieges wurden außerdem in besonders starkem Umfang Dauerwurstwaren verlangt.

In der

Zentralmarkthalle

Herrschte schon in den Morgenstunden ein lebhaftes Treiben. Viele waren enttäuscht, als sie erfuhren, dass fast alle Lebensmittel erheblich im Preise gestiegen waren. Kartoffeln, die seit fast 14 Tagen mit 30 und 35 Pfennig pro Pfund zu erhalten waren, kosteten jetzt 40 und 45 Pfennig. Für gurken, die man längst zu 15 und 20 Pfennig kaufen konnte, wurde der doppelte Preis gefordert. Ebenso hatten die Gemüsepreise eine Steigerung erfahren. Diese Erscheinung wurde damit begründet, dass die Zufuhr von Lebensmittel stockte. Fleisch mittlerer Qualität wurde durchschnittlich pro Pfund mit 10 und 15 Pfennig höher bezahlt als in den letzten Tagen. See- und Flussfische waren im Preise erheblich gestiegen. Vor den Ständen mit Mehl und Kolonialwaren stauten sich unausgetzt Menschenmassen, die größere Posten einkauften. Dadurch wurden naturgemäß die Preise in die Höhe getrieben, und allenthalben wurden die übereilten Käufe vieler Frauen getadelt. Speck war zu Mittag weder in der Halle, noch in den benachbarten Fleischerläden zu haben. Speckseiten, die monatelang in den Schaufenstern lagen, wurden heute Vormittag glatt verkauft. Selbst die Vorräte in den Kellern fanden flott Abnahme.

 

Auch die Zigarrengeschäfte Groß-Berlins hatten gestern und heute einen besonders starken Ansturm auszuhalten. Es handelte sich aber hierbei nicht, wie bei den Lebensmittelgeschäften, um die Sorge der Käufer, sich einen erhöhten Vorrat an Tabak, Zigarren und Zigaretten anzulegen, sondern alle versuchten mit einem Kauf von ein paar Zigarren oder Zigaretten große oder kleine Kassenscheine umzuwechseln, so dass sich in den meisten Zigarrengeschäften bald ein Mangel an Kleingeld ergab.

Im Berliner Milchhandel war heute kein übermäßiger Andrang des Publikums zu spüren. Infolgedessen blieben die Preise auch unverändert, zumal die Zuführung bisher keine Stockung erlitt. Die Versorgung Berlins mit Milch in den nächsten Tagen wird im Wesentlichen davon abhängen, ob es gelingt, die erforderlichen Transportmittel zu bekommen. In den Kreisen der Berliner Milchhändler nimmt man jedoch an, dass die Versorgung mit einem so wichtigen Volksnahrungsmittel wie es die Milch darstellt, eine Unterbrechung nicht erleiden wird.

 

Essen, 1. August

Die Stadtverordneten bewilligten uneingeschränkt Kredit zur Lebensmittelversorgung der Bevölkerung im Kriegsfalle.