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Die serbische Gesandtschaft und die russische Botschaft polizeilich geschützt.

Die nächtlichen Demonstrationen gegen Serbien in Wien

Nur dem Einsatz der Polizei ist es zu verdanken, dass die Gewalt bei einer nächtlichen Demonstration in Wien nicht eskaliert ist. Die Demonstranten machten ihrer Wut auf Serbien Luft.

Wien, 3. Juli

Die antiserbischen Demonstrationen in Wien, über die bereits berichtet wurde, dauerten bis in die ersten Morgenstunden. Gegen ¾ 11 Uhr zog wieder eine große Menge von der Ringstraße aus gegen die Wiedner Hauptstraße zu. Es waren Neugierige von dem Leichenzuge und Demonstranten. Die Zahl betrug mehrere Tausend. Während die Neugierigen entweder die Wiedner Hauptstraße entlang weiter marschierten oder aber längs dieser Straße die Trottoirs besetzten, zogen die Demonstranten an der Paulaner-Kirche vorbei und wollten mit Gewalt den Wachekordon durchbrechen, um zur serbischen Gesandtschaft zu gelangen. Es kam zu einem schweren Zusammenstoß. Die Menge warf Steine gegen die Wache, wobei dem Pferde eines Wachmannes das Auge ausgeschlagen wurde. Nun Schritt die Mannschaft energisch ein. Die Demonstranten wurden teils in die Gußhausstraße, teils an der Paulaner-Kirche vorbei in die Wiedner Hauptstraße abgedrängt. Alles dies geschah unter ungeheurem Lärm, schrillem Pfeifen und zeitweiligem Absingen der Volkshymne. Mitten in diesem Lärm hörte man eine Detonation. Von einer Seite wird behauptet, es sei ein Feuerwerkskörper gewesen, andere sagen, ein großer Ziegelstein sei gegen die Wache geschleudert worden und von der Wand eines Hauses abgeprallt. Die Demonstranten versuchten bei allen Zugängen, zur serbischen Gesandtschaft zu gelangen. Überall fanden sie einen starken Wachkordon. Immer wieder versuchten sie, unter Pfuirufen den Kordon zu durchbrechen. Wenn es nicht gelang und die Wache energischer wurde, sangen sie das Kaiserlied. Schließlich marschierte der Haupttrupp die Wiedner Hauptstraße entlang und wollte auf den Ring gelangen, doch waren sämtliche Straßen zum Ring abgesperrt und er wurde in der (Giselastraße) auf den Schillerplatz und den Getreidemarkt zerstreut. Auf der Wieden blieb die Wachbereitschaft aufrecht, denn noch nach 12 Uhr versuchten immer wieder kleine Demonstrationsgruppen zur serbischen Gesandtschaft zu gelangen. Vor dem Gebäude der bulgarischen Gesandtschaft, an der Ecke der Ötzhausstraße, brachen die Demonstranten in Rufe aus: „Hoch Bulgarien“ „Nieder mit Serbien!“ und sangen das Prinz-Eugen-Lied sowie die Volkshymne. Um Mitternacht wollten mehrere abgedrängte Trupps der Demonstranten auf die Landstraße gelangen, um dort vor der russischen Botschaft zu demonstrieren. Die Polizei hatte das ganze Botschafterviertel, Reisnerstraße, Strohgasse, Metternichgasse, abgesperrt. Die russische Botschaft war von allen Seiten von der Wache abgeschlossen. Die Demonstranten, deren Zahl während des Marsches eine viel geringere geworden war, zogen unter den Rufen „Nieder mit Russland! Nieder mit Serbien! Hoch Österreich!“ durch die Reisnerstraße. Als die Leute merkten, dass es ein vergebliches Bemühen sei durchzukommen, machten sie kehrt. Sie marschierten, von der Wache gefolgt, die Reisnerstraße zurück und wurden dann vollständig zerstreut. Auch vor der serbisch-orientalischen Kirche in der Beitgasse kam es zu stürmischen Kundgebungen gegen Serbien, und erst nach ein Uhr nachts konnten die Demonstranten zerstreut werden, die sich mit den Rufen „Morgen ist auch ein Tag!“ entfernten.

Das „Neue Wiener Tagblatt“ meldet aus Stanislaw in Galizien, dass dort gestern antideutsche Demonstrationen stattgefunden haben. Eine tausendköpfige Menge warf Steine gegen die Wohnung des Pfarrers Zödier, des Führers der Deutschen in Galizien, und zertrümmerte die meisten Fensterscheiben im Pfarrhause, in der evangelischen Schule und den unter Leitung des Pfarrers stehenden Wohltätigkeitsanstalten, auch die evangelische Kirche blieb nicht verschont. Ferner wurde das Geschäft eines deutschen Kaufmanns verwüstet. Die Polizei verhaftete mehrere Unruhestifter. Die Demonstration soll eine Rache für das den Polen in Bieltz angeblich zugefügte Unrecht sein.