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Niederlausitz

Die Niederlausitzer Tucharbeiter auf der Straße

Die Arbeiter der Textilindustrie in der Lausitz befinden sich im Ausstand. Während die Arbeitgeber versuchen, durch Aussperrungen Druck aufzubauen, fürchten sie dennoch die Konkurrenz aus den eigenen Reihen.

Die Niederlausitzer Tuchfabrikanten haben nun ihrer Drohung die Tat folgen lassen. Zirka 30 000 Arbeiter und Arbeiterinnen sind am vergangenen Sonnabend ausgesperrt worden. Nicht ausgesperrt wurden die Musterweber, Kutscher, Wächter, Heizer, Meister, Untermeister und die Meisterinnen. 350 Betriebe sind an der Aussperrung beteiligt. Eine formelle Entlassung ist, soweit sich übersehen lässt, nur in Finsterwalde vorgenommen worden. In Cottbus und Forst haben die Arbeiter ihre Papiere nicht ausgehändigt bekommen. In einigen Fabriken wurden ihnen bezüglich des rastrierenden Lohnes gesagt, wenn ihn die Arbeiter haben wollten, sollten sie ihn am Montag oder Dienstag holen. Stellenweise sagte man auch, es würde ja wohl nicht lange dauern. Wie verlautet, kommen die Unternehmer am nächsten Donnerstag wieder zusammen. Am Sonnabend flog uns folgendes Rundschreiben der Unternehmer auf den Tisch:

An unsere Mitglieder!

Hierdurch geben wir Ihnen unsere heutigen Beschlüsse bekannt, deren Befolgung wir Ihnen zur Pflicht machen:

  1. Von der Aussperrung werden vorläufig nicht betroffen:

Kaufmännische Angestellte und Betriebsbeamte, ferner Meister und Meisterinnen, Untermeister, Musterweber, Lehrlinge, Kesselheizer, Kohlenanfahrer, Kutscher, Portiers, Wächter, Hofarbeiter, Fabriktischler, Fabrikschlosser. Die Namen dieser Personen mit Ausnahme der kaufmännischen Angestellten sind dem Ortsvorsitzenden zu melden.

  1. Bis auf Wiederruf darf bis heute Abend abgewebte Ware durch die jetzt vorhandenen, von der Aussperrung nicht betroffenen Personen fertiggestellt werden. Fabrikanten, die keine eigenen Walke und Appretur besitzen, dürfen die abgewebte Ware nur in den bisher von ihnen beschäftigten Lohnbetrieben fertigstellen lassen.
  2. Nur die bei Eintreffen dieser Benachrichtigung bereits geölten und gewölften Spinnpartien dürfen noch fertiggesponnen werden.
  3. Nur bei Eintreffen dieser Benachrichtigung in der Färberei bereits in Angriff genommene Partien dürfen fertiggefärbt und getrocknet werden.
  4. In der Wollwäscherei befindliche Partien dürfen fertiggewaschen und getrocknet, aber nicht mehr gefärbt werden.
  5. Die Musterstühle dürfen zur Herstellung von Schablonen vorläufig noch in Betrieb bleiben; das hierfür notwendige Material darf vorbereitet werden.
  6. Die noch für die neue Sommerkollektion notwendigen Musterkupons (für Kollektions-, Referenz- und Reisemusterzwecke) dürfen angefertigt werden. nicht aber Probekupons für Modellzwecke und Musterkupons für Versender.
  7. Neue Lohnarbeit, einschließlich Heimarbeit, darf von jetzt an nicht mehr herausgegeben werden, auch nicht an Firmen anderer Bezirke. In Lohnspinnereien bereits auf den Maschinen befindliche Partien dürfen fertiggestellt werden. in Lohnwebereien auf den Stühlen befindliche angefangene Ketten dürfen abgewebt, aber nicht weiter fertiggestellt werden.
  8. Den von der Aussperrung betroffenen Arbeitern sind die Entlassungspapiere nur auf ausdrückliches Verlangen jeder einzelnen Person auszuhändigen.
  9. Denjenigen Arbeitern, welche die Entlassungspapiere verlangen und demzufolge auch erhalten haben, ist der Restlohn sofort zu zahlen, den übrigen Arbeitern nach Möglichkeit ebenfalls sofort, spätestens jedoch am kommenden Montag.
  10. Wegen der Abmeldungen bei den Ortskrankenkassen bitten wir Sie, sich an Ihren Ortvorsitzenden zu wenden, der zum Zwecke der Vereinfachung besondere Abmachungen mit der Krankenkasse treffen wird.

Alle im Vorstehenden erwähnten und gestatteten Arbeiten dürfen nur von den nicht von der Aussperrung betroffenen Personen (siehe unter 1) ausgeführt werden.

Kottbus, den 18. Juli 1914.

Arbeitgeberverband der Lausitzer Tuchindustrie, E. V.

Diese Ausführungsbestimmungen sind am vorigen Freitag beraten worden; sie zeigen, dass trotz alle nach außen hin zur Schau getragenen Einigkeit der Argwohn der Konkurrenten doch sehr stark vorhanden ist. Man befürchtet offenbar nicht mit Unrecht, dass der eine und andere im Trüben fischen wird. Trotzdem die Unternehmer ihre Arbeiter so brutal behandeln, scheinen sie doch Angst zu haben, dass sie ihre Leute verlieren. Sie haben daher die geheime Fehme gegen ihre Opfer zur Anwendung gebracht, schon zu einer Zeit, wo die Aussperrung noch nicht vollzogen war. Am Dienstag, den 14. Juli er., wollte ein Arbeiter von der Firma Robert Cattien in Forst wegen der angedrohten Aussperrung das Arbeitsverhältnis lösen. Er sagt dem Chef, dass er schon andere Arbeit angenommen habe. Darauf erwiderte der Chef:

„Ich zahle Ihnen 30 M., wenn Sie bei der Firma, bei der Sie nach Ihren Angaben Arbeit erhalten haben wollen, eingestellt werden, die Firma wird mit 500 M. bestraft, wenn sie Leute, die aus der Lausitz kommen, einstellt.“

Regierung, bitte, hier ist Material für die Denkschrift über Terrorismus. Krasse Fälle von Terrorismus, wie dieser, wo die Unternehmer 30 000 Arbeiter und Arbeiterinnen existenzlos machen und diese unschuldigen Opfer der ganzen Reiche von allen Fabriktoren weggejagt werden – wirklich, krassere Fälle von Terrorismus lassen sich nicht denken. Also, Regierung herbei!

 

Die traurige Lage der Niederlausitzer Tucharbeiterschaft kommt in einem Briefe, den eine 68- jährige Veteranin der Arbeit an die Ortsverwaltung des Deutschen Textilarbeiterverbandes in Forst geschrieben hat, recht drastisch zum Vorschein. Die Greisin, die in Spremberg wohnt, klagt gar bitter, dass durch die Aussperrung großes Leid über Tausende von Arbeiterfamilien gebracht werde. „Ich“ – so beginnt sie den Brief –, „die diese Zeilen schreibt, bin eine arme alte Frau, welche trotz täglicher ehrlicher Arbeit es nicht hat davon bringen können, soviel zu ersparen, um im Alter von schon 68 Jahren davon leben zu können. Ich bin daher angewiesen, von Arbeiterleuten zu leben, indem ich Kinderfrau bin.“

Ja, so ist das Leben der meisten Niederlausitzer Tucharbeiter und –arbeiterinnen. Schinden können sie für die par Fabrikanten ihr ganzes Leben lang, d.h. nur so lange, wie den Fabrikanten die Ausbeutung der Arbeitskraft lohnend genug erscheint. Wenn die Ausbeutung bei vorgeschrittenem Alter nicht mehr lohnt, dann kümmert sich das Unternehmertum nicht mehr darum, dass diese alten Leute auch Menschen sind; sie können gehen und nun sehen, wie sie sich ihre alten Tage mit dem Leben durchschlagen.

Dass die Unternehmer den von den Forster Walkereiarbeiten geforderten Lohn ganz gut zahlen könnten, bewies am vorigen Sonnabend die Firma Kehrl in Kottbus. Sie trat an ihren Walker heran und forderte ihn auf, zu einem Wochenlohn von 25 M. einen Kontrakt auf vier Wochen mit ihr abzuschließen. Also hier kann man 25 M. zahlen, in Forst lehnt man 23 M. – die herabgeminderte Forderung der Arbeiter – rundweg ab. Natürlich fällt es jetzt keinem Walker ein, auf vier Wochen einen Kontrakt abzuschließen, um dann nach vier Wochen zu hören, dass nunmehr wieder weniger gezahlt oder gesagt wird: Mohr, du hast deine Schuldigkeit getan, Mohr jetzt kannst du gehen.

Die Arbeiter sind in ganz zuversichtlicher Stimmung. Die Mitgliederversammlungen, die der Deutsche Textilarbeiterverband abgehalten hat, verliefen überall in mustergültiger Weise. Ein Zustrom fand zu den Versammlungen statt, wie ihn die Arbeiterbewegung der Niederlausitz noch nie gesehen hat. Vor den Lokalen standen die Unorganisierten und man konnte es ihnen ansehen, dass sie von Gewissensbissen gequält wurden, als sie sahen, wie selbstbewusst ihre organisierten Kollegen auftraten, die mit Stolz ihr Mitgliedsbuch aus der Tasche zogen, um es der Kontrolle vorzuzeigen. Da heben wohl alle, die da außen standen, empfunden, dass sie als Unorganisierte heute eine verlorene Rolle im wirtschaftlichen Leben spielen. Am Montag und Dienstag werden die Unorganisierten versammelt werden, und sie werden dann Gelegenheit bekommen, den Anschluss an ihre organisierten Brüder und Schwestern zu nehmen.