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Feste und Feiern

Die praktische Arbeit zur Olympiade 1916

Die Olympischen Spiele 1916 in Berlin werfen bereits ihre Schatten voraus. Mögen Sie ein sportliches und fröhliches Fest für alle Sportler und Zuschauer werden. Für eine Woche soll Berlin der Mittelpunkt der Welt werden.

Man kann der nüchternste Geschäftsmann sein, man kann zum goldenen Kalbe oder zur alleinseligmachenden Muse beten, man kann von Sportverständinis weit entfernt sein, und wird sich doch nicht der gewissen Feierlichkeit entziehen können, die die Olympischen Spiele umgeben. Der kaltschnauzige Rechner beweist an den fünf Fingern seiner Hand, wie gleichgültig es ist, ob Mr. Müller zehn Zentimeter höher in die Luft springt als Mr. Robinson – im Zeitalter des Aeroplans, und der schweigt doch betroffen, unbehaglich berührt von der blühenden Lieblichkeit, wenn die stärkste Jugend der Welt ihren Einzug in ein olympisches Stadion hält.

Denn wie man es auch dreht, so ganz ohne Körper geht es trotz der drahtlosen Telegraphie nicht, und ein vernachlässigter Körper wird aufdringlich dick und unbequem; und so neidet man den Recken ihre Gesundheit und jungfrische Kraft, wenn sie sich anschicken, im Wettlauf, im Sprunge und wo auch immer den Besten zu küren. Ja, man fühlt es ganz in der Ordnung, wenn diese Stunde festlich begangen wird, wenn Feier und Ehrung die Tage umwirken. Am fühlt es mit, wenn man inmitten der Spiele steht, dass die Ehrung, dem Olympioniken dargebracht, gar nicht so seiner Person gilt, als der Idee, die er vertritt, der werdenden Überzeugung, für die er einsteht, der nämlich, dass es notwendig ist, seinen gesunden Leib zu wahren. Der Greis im Herzen selbst wird ergriffen von dem Fluidum, das von olympischen Kämpfen ausgeht, vielleicht weil sie das Hohelied sind zum Preise jenes stahlharten Menschenwillen, der uns Ursprung ist olympischer Siege ebenso wie jedes großen Fortschrittes in unserem Dasein.

Mit Recht soll in diesem Geiste eine gewisse Feierlichkeit die Spiele umgeben, und ein großer Regisseur sollte sie in Szene setzen. Der erste Tag mag da einmal vor unseren Augen entstehen. Das weite Rund des Stadions ist auf den letzten Platz gefüllt. (Da ich heute schon einen ganzen Block verkauft habe, darf man das annehmen.) Die Kaiserloge ist besetzt von den Mitgliedern des Kaiserhauses und ihren Gästen. Darunter, in der neuerbauten Vorstandloge, vereinigen sich die olympischen Häupter der Welt. Von den Masten wehen die bunten Wimpel aller Nationen, und die schönste Julisonne strahlt vom ungetrübten Blau. (Ich bitte sehr, Herr Petrus, sich dies vorzumerken!) Hoch oben vom Rande der Schwimmbahntribühnen schmettern 200 Fanfaren den Einzugsmarsch und 3000 Sänger senden ihre Stimme in die Lüfte, während feierlich Nation für Nation Einzug hält in die Kampfstätte. Blumenstreuende Jugend weist den Weg, steigt empor zur Kaiserloge und umrankt in blütenweißem Kranze den Ort, von wo unsere Herrscher gnädig das Zeichen zum Beginn gibt. 4000 Sportsleute aus aller Welt aber legen die Hände auf die Fahnen ihres Landes und versichern auf Manneswort, ehrlich zu kämpfen und Herrensportsmann zu sein im Sinne des Gesetzes.

Dann mag die Schlacht beginnen!

So ernst und sachlich aber jedweder, Teilnehmer und Zuschauer, die Kämpfe nehmen wird, sie sind nur, wie der Engländer sagt – game, Spiel, fröhliches Spiel, und sie vertragen nicht nur, sondern verlangen sogar fröhliche Feier. Zum ersten muss die gastgebende Nation, also das Deutsche Reich, einmal allen Teilnehmern gastlichen Händedruck entbieten, und ich denke ja nicht an ein Fest in unserem stolzen Reichstage, sondern an eines draußen in der Natur; da wo Wald und Wasser sich vermählen, wollen wir unsere Zelte aufschlagen und bei deutschem Sang und deutschem Trunk sie alle willkommen heißen. Der Sternenhimmel soll unser Dom sein. Mögen Feuerwerk und flammende Weisen mit im Bunde sind, den schönsten Gruß wird ihnen allen die deutsche Erde bieten. Für die hochmögenden Vertreter der Nationen natürlich werden sich auch einmal die Pforten unseres Reichstages öffnen (nachdem wir etwaige Protokolle über olympische Reichtstagsreden hinten in die Regale gerückt haben), und hier an dieser Stätte soll ihnen der Dank für ihren Besuch Deutschlands gesagt werden. unser Kaiser und Königin wird gleichfalls di Gäste aus allen Ländern zu sich entbieten, sei es im Schloss, sei es nach Sanssouci. Die Stadt Berlin wird im Verein mit ihren Schwesterkommunen einen fröhlichen Tag mit ihren Besuchern verleben wollen, denn schwerlich wird sich ähnlicher Besuch im nächsten Menschenalter wiederholen, und der Deutsche Reichsausschuss für Olympische Spiele wird am Schlusse der Stadionwoche alle, die Sieger und die „zweiten usw. Sieger“ ins Stadion laden, und dies wird nicht der traurigste Tag sein. Ist es mir doch von Stockholm her noch wohl in der Erinnerung, wie an langen Tischen alle 3000 Teilnehmer friedlich vereint saßen, mitten unter ihnen der schwedische Kronprinz, und wie sie alle Mutter darauf los tafelten, die dreifach verdünnte „Athletenbowle“ in Hand und Augen. Als mir dann einer von meinen, soeben von Trainigsregeln befreiten Schützlingen weinend um den Hals fallen wollte, so kam das nicht von dem weihevollen Eindruck der schwedischen Volksweisen und von den Flammenzeichen, hoch oben auf den Warttürmen des Stadions.

Kommt zu allem noch das Feiern im Einzelnen. Da ladet man das Internationale olympische Komitee ein, und dieses revanchiert sich. Da laden die Schwimmer und Ruderer, die Fechter und Turner, die Leicht und Schwerathleten usw. usw. ihre Genossen von der gleichen Fakultät zu festlichem Mahle. Schließlich freuen sich darüber noch die Köche und die Magenärzte. Vielleicht gar vermögen wir mit milder Hand den sittlichen Eifer etwas zu mäßigen.

Neben diesen unseren offiziellen Gästen haben wir nun noch sehr viele, ja ihrer viel mehr andere, inoffizielle Besucher, und auch diesen müssen wir etwas bieten. Die Stadt Berlin ist ja eine junge Frau in blenden sauberem Gewande nach neuestem Schnitt. Aber natürlich müssen funkelnde Edelsteine in so festlichen Tagen diese Schönheiten diskret unterstreichen, will sagen, festlicher Schmuck in den Straßen, und erhöhte Freude, nicht nur erhöhte Preise bei den Bewohnern. Unser Verkehrsverein mag zeigen, was er kann. Eine Gelegenheit, „die Berliner Woche“ ein für alle Mal zu machen. Die Oper natürlich muss ein Sommergastspiel geben, auch sonst muss mondänes Leben in allen Adern pulsieren; lasst uns doch versuchen, den Mittelpunkt der Welt von unserem westlichen Nachbar hier zu uns zu rücken. Ist doch selbst das festliches Gebaren nicht nur eitel Freude und Schall und Rauch, sondern laufen doch überall Fäden zum ernst schallenden und werbenden Manne, zum Besitz und Wohlstand der Nation.

Lasst uns die Fäden gelegentlich der Olympischen Spiele recht fest knüpfen.