Wilhelm II. von Deutschland Quelle: Wikipedia

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Rede Kaiser Wilhelms II.

Die Rede des Kaisers an das Volk

Vom Berliner Schloss aus hat Kaiser Wilhelm II. sich an sein Volk gewandt. Noch bemüht er sich, den Krieg zu verhindern, doch die Hoffnung auf Frieden schwindet.

Als gestern Nachmittag der Kaiser und die Kaiserin im Schloss eingetroffen waren und sich auf dem Schlossplatz gewaltige Menschenmassen angesammelt hatten, erschienen, wie im ersten Beiblatt dieser Nummer ausführlich berichtet wird, um 6 Uhr 30 Minuten der Kaiser, die Kaiserin und Prinz Adalbert an dem Fenster des Rittersaales und wurden stürmisch begrüßt. Der Kaiser richtete eine Ansprache an das Publikum, seine Worte wurden von tosenden Zustimmungsrufen übertönt. Der Kaiser sagte folgendes:

„Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert in die Hand. Ich hoffe, dass, wenn es nicht in letzter Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zum Einsehen zu bringen und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen werden, dass wir es mit Ehren wieder in die Scheide stecken können. Enorme Opfer an Gut und Blut würde ein Krieg vom deutschen Volke erfordern, den Gegnern aber würden wir zeigen, was es heißt, Deutschland anzugreifen. Und nun empfehle ich Euch Gott. Jetzt geht in die Kirche, kniet nieder vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer!“

Hoch- und Hurrarrufe und patriotische Lieder antworteten dem Kaiser. Im königlichen Schloss waren am Nachmittag alle Prinzen und Prinzessinnen der königlichen Familie versammelt. Auf der Fahrt zum Schlosse wurde auch der Kronprinz und die Kronprinzessin, welche in ihrem Automobil ihren ältesten Sohn zwischen sich zu sitzen hatten, besonders herzlich begrüßt.

Ein Zug von mehreren tausend Personen, der sich Unter den Linden formiert hatte, zog unter Gesang und Hochrufen die Wilhelmstraße entlang nach dem Palais des Reichskanzlers. Der Hof konnte die Massen nicht fassen. Schon nach den ersten Hochrufen erschien der Reichskanzler am offenen Fenster, und nachdem Ruhe geboten ward, hielt er eine kurze Ansprache an die Menge, in der er etwa folgendes sagte:

„Hierher in Haus Bismarcks sind Sie gekommen. Seien Sie eingedenk der großen Zeiten des Kanzlers. Seit 44 Jahren haben wir für den Frieden gearbeitet. Unser Kaiser hat in seiner Regierungszeit stets für den Frieden gewirkt. Der Kaiser wirkt in dieser Stunde noch für den Frieden. Sollte es zum Kampf kommen, so ist er uns aufgezwungen. Es sind ernste Zeiten. Jeder wird sein Letztes geben müssen, um die Stellung Deutschlands unter den Mächten zu wahren, seine Ehre zu verteidigen. Wenn der Kampf kommt, so möchte ich an die Worte des Prinzen Friedrich Karl erinnern: Lasset Eure Herzen zu Gott schlagen und Eure Fäuste auf den Feind.