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Wegen eines Hexenschusses

Die Reise des Kaisers nach Wien abgesagt

Kaiser Wilhelm II. muss seine Reise zur Beisetzung des Thronfolgerpaares wegen Rückenschmerzen absagen. Aus Wien wurde bekannt, wie die Kinder des Thronfolgerpaares die schlimmen Nachrichten erfuhren.

Die österreichisch-ungarische Botschaft hat heute Mittag ein kurzes Telegramm vom Oberhofmarschall Freiherrn v. Reischach erhalten, in dem mitgeteilt wird, dass der Kaiser nicht an der Trauerfeier in Wien teilnehmen wird. Als Grund wird eine leichte Indisposition des Kaisers angegeben, und von privater Seite wird erklärt, dass der Kaiser an einem Hexenschuss leide. Wer mit der Vertretung des Kaisers bei der Trauerfeier betraut wird, ist noch nicht bekannt. An dem morgigen Requiem, das um 11 Uhr in der St.-Hedwigs-Kirche stattfindet, wird die Kaiserin teilnehmen. Die Vertretung des Kaisers ist noch nicht bestimmt. Die Beisetzung des Erzherzogs Franz Ferdinand und der Herzogin von Hohenberg erfolgt in Artstetten am Sonnabendvormittag um 10 Uhr 30 Minuten. Außer den Kindern des Thronfolgerpaares sollen, wie verlautet, Erzherzog Karl Franz Joseph mit Erzherzogin Zita, die Erzherzoginnen Maria Annunziata und Marta Theresia, der Erzherzog Max, der Bruder des Thronfolgers, Erzherzog Karl Franz Joseph, und die Angehörigen der Herzogin von Hohenberg anwesend sein.

Über die Art und Weise, wie die Kinder der Ermordeten von dem schrecklichen Ende ihrer Eltern in Kenntnis gesetzt wurden, wird in Wiener Hofkreisen noch folgendes mitgeteilt: Am Sonntagmittag traf die Schreckensnachricht aus Sarajewo auf Schloss Konopischt ein. Niemand wagte es, den Kindern die furchtbare Nachricht mitzuteilen. Am Nachmittag kam aus Prag die jüngste Schwester der Herzogin Hohenberg, die Gräfin Henriette Chotek. Als die Kinder der Tante ansichtig wurden, stürzten sie ihr jubelnd entgegen. Der 13-jährigen Prinzessin Sophie fiel der Ernst der Tante auf. „Tante, was ist dir, warum bist du so traurig,“ fragte sie teilnehmend. Die Gräfin bemühte sich, mit ruhiger Stimme zu antworten: „Kinder, ich habe heute ein Telegramm aus Sarajewo bekommen. Papi und Mami sind plötzlich schwer erkrankt. Fasst euch, geht in die Kirche und betet für eure Eltern.“ Einen Augenblick starrten die armen Kinder die Tante wie geistesabwesend an, dann brachen sie in herzzerbrechendes Weinen aus, und unter Strömen von Tränen bestürmten sie die Tante mit Fragen. „Erkrankt? Warum? Woran? Und gleich alle beide?“ Die Gräfin, die nun selbst zu schluchzen begann, wehrte die Kinder ab, so gut es ging. Weinend gingen alle in die Kirche, und die der Kinder beteten dort innig für ihre Eltern.

Inzwischen waren fast alle Verwandten der Herzogin im Schloss erschienen. Sie hielten Familienrat, zu welchem auch der Erzieher Stanowski zugezogen wurde. Dieser erhielt schließlich den schweren Auftrag, den Kindern die schreckliche Wahrheit zu sagen. Stanowski teilte den Kindern mit, es sei ein zweites Telegramm aus Sarajewo gekommen, dass es den Eltern schlechter gehe, man müsste sich auf das Schlimmste gefasst machen. Plötzlich wurde der Erzieher von der Prinzessin Sophie mit einem Schrei unterbrochen. „Sie sind tot, nicht wahr, sie sind tot? Ich weiß schon alles!“ schrie die unglückliche Prinzessin und ihre beiden kleinen Brüder, der zwölfjährige Prinz Max und der zehnjährige Prinz Ernst schluchzten mit der Schwester und gebärdeten sich wie wahnsinnig. Aus dem Nebenzimmer eilten die Verwandten herbei, allen voran die Gräfin Henriette, welche beim Anblick der verzweifelt jammernden Kinder in Ohnmacht fiel. Draußen vor den Türen standen die Diener und Kammermädchen und schluchzten und weinten. Die ganze Nacht bemühten sich die Onkel und Tanten, den vor Schmerz sinnlosen Kindern Trost zuzusprechen. Erst gegen Morgen fielen sie vor Erschöpfung in Schlaf.