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Interlaken

Die Reisezeit

Interlaken hat zwei Seiten. Die Naturfreunde locken Wälder, Berge und Seen - die feinere Gesellschaft eher Kursaal und Kasino in den schweizer Ort. Auf den Bergen zeigt die Natur ihre Schönheit und ihre Kraft.

Wenn man Interlaken betritt und die großen mehrstöckigen Hotels und die reichen Läden sieht, dann glaubt man in eine Großstadt eingefahren zu sein. Auf den Straßen wogt und flutet es von vielfältigem Leben: elegante Frauen rauschen vorüber; Männer mit gebräunten Gesichtern schreiten in leichtem Schritt froh und wohlgemut vorbei. Es fehlt aber der Staub, der Ruß und das Hasten der Stadt; ein stiller Feiertagsfrieden liegt über den Ort und die Menschen ausgegossen.

Bald ist man auf dem Höhenweg. Eine Flucht von Hotelpalästen öffnet sich, ein Haus größer und luxuriöser als das andere. Gegenüber unter den schattigen Alleen uralter Nußbäume lustwandelt das Publikum. Immer ist ihr Blick auf die eine Seite gerichtet, wo die Jungfrau die „ewig Verschleierte“, in schimmerndem Weiß, von Kanten, Rissen, Falten durchzogen, sich in strahlender Schönheit erhebt. Sie erscheint immer neu und rätselhaft, und ihr schwarz-weißes Farbenspiel verändert sich von Stunde zu Stunde. Am Morgen, wenn das Licht über ihr schneeweißes Gewand niederfließt, erglüht sie im zarten Rot, am Mittag schimmert sie wie frisch gefallener Schnee, am Abend, wenn die Dämmerung sich über die Welt senkt, erstrahlt über ihrem Silberkranz eine goldene Glorie und sie erscheint dann wie von Purpurglut durchtränkt. Am unbegreiflichsten aber ist sie in den klaren Sternenächten, wenn sich der Schnee bläulich färbt. Dann leuchtet sie in einem zauberhaften, gespenstigen Licht, das aus einer anderen Welt zu kommen scheint.

Das hauptsächliche Leben Interlakens spielt sich im Kursaal ab. Aus einem wohlgepflegten Garten mit Springbrunnen, Fontänen und Zapfenbäumen lugt ein turmartiger Holzbau hervor, ganz im Stil der Berner Landschlösser gehalten. Von außen sieht er eher klein und bescheiden aus, drinnen aber öffnen sich weite Prachträume, in denen ein raffinierter Luxus herrscht. Reiches Schnitzwerk leuchtet von den Decken herab, schwere persische Teppiche dämpfen den Schritt, und die Möbel sind gediegen und massiv, ohne protzig zu wirken. Der Lesesaal mit Mahagonischreibtischen und Schränken und den weichen Clubsesseln atmet eine vornehme Ruhe. Am Abend, wenn hunderte von elektrischen Birnen über die Räume strahlen, wenn das Licht über die Wände fließt und in alle Ecken flutet, wenn es über die schimmernden Frauenschultern und Arme liebkosend flimmert, dann wogt hier ein buntes, reiches Leben voller Farben und Glanz. Die Damen erscheinen alle jung und schön, und die Gesichter der Männer, von Geschäften und Sorgen verfinstert und zerquält, heitern sich auf. Es ist, als ob eine unsichtbare Hand alle Male der Kümmernisse von ihnen genommen und die schweren Falten weich geglättet hatte. Man plaudert, trinkt, lauscht den Weisen der Kurkapelle oder sucht das Theater auf, wo man die neuesten Operettenschlager hören kann, ganz wie in einer Großstadt.

Den stärksten Anziehungspunkt bilden jedoch die Spielsäle. Es wird hier nicht hoch gefeut, aber wenn man Glück hat, kann man schon eine ganz nette Summer verlieren. Besonders schlimm ergeht es den Gescheiten, die das verlorene Geld zurückgewinnen wollen. Man soll im Spiel und auch im Leben (das ja ebenfalls ein Spiel ist, nur ein verdammt ernstes!) nicht zu gescheit sein wollen, sonst ist man immer der Dumme. Die Damen geben sich dem ungewohnten Vergnügen mit besonderem Eifer hin. Ihre Gesichter verlieren dann den Glanz und die Ruhe, mit fliegendem Atem, zusammengepresstem Mund und starren Augen verfolgen sie den Lauf des Gummiballs …

Interessant ist es auch, die Croupiers zu beobachten. Ihre faltenreichen Gesichter erzählen von manchen Irrfahrten. Viele scheinen früher selbst leidenschaftliche Spieler gewesen zu sein, die es sich gewiss nicht haben träumen lassen, dass sie einst, wie ihr Name sagt, hinter dem Sattel sitzen werden.

Naturschwärmer ziehen es vor, die nahen schönen Wälder aufzusuchen: viele lockte es hinaus auf den Thuner- oder Brienzersee. Besonders am Abend ist eine Fahrt von großem Reiz. Hoch oben auf den Bergen erstrahlt der Schnee nicht mehr weiß, sondern bläulich. Er wird blässer und blässer und scheint sich zuletzt wie ein weißer Nebel aufzulösen. Von fern blinken die Häuser der Menschen in einem gespenstig-hellen, schimmernden Weiß, wie man es nur aus den Gemälden der ganz großen Meister kennt. Ringsum ist tiefe Stille. Die Menschen schweigen, die Bäume stehen starr, und auch das Schiff scheint sich kaum zu bewegen: Gottes Atem geht durch die Welt.

Viele treibt der Ehrgeiz weiter. Die lockt es zum weißen Firnenschnee der Jungfrau. Man fährt zunächst mit der Berner Oberlandbahn durch saftige Weiden und grüne Wälder nach Zweilütschinen, wo sich die brausenden Bergwälder der weißen und schwarzen Lütschine vereinigen. Dann geht’s weiter nach Lauterbrunnen, das durch seine Wasserfälle berühmt ist. Jetzt besteigt man die Wengeralpbahn. Der Zug steigt höher, immer höher; die Eisenräder graben sich tief in das Herz des Waldes ein, aber höher, immer höher gleitet man, an strahlenden Eisfirnen vorbei, an schäumenden Felsbächen, die zu Tale stürzen, an blühenden Ortschaften. Jetzt kommen wir durch Tannenwälder und grünsaftige Matten, auf denen nur die Alpenflora gedeiht: blauer und gelber Enzian, Gemsbart, Männertreu, Alpenstern und Alpenrose. Nun erreichen wir Höhen, wo nur Zwergbäume wachsen, dann steigen nackte, kahle Felswände auf. Kein Baum, kein Strauch, überall weißer, strahlender Schnee. Als wir oben 2000 Meter hoch auf der kleinen Scheidegg ankamen, lag er metertief. Er war erst vor kurzem gefallen und war zu beiden Seiten des Stationsgebäudes aufgeschichtet. Wir stiegen fröstelnd vom Wagen und besahen uns das Panorama. In Wolken und Dunst gehüllt, ragten die riesigen Gipfel des Eiger, Mönch und der Jungfrau empor; der Eiger mit steiler, unzugänglicher Nordwand, mit breiter Basis beginnend und sich nach oben wie eine Pyramide zuspitzend. Der Mönch, dick, breit und schwerfällig, zwischen Eiger- und Jungfraujech gelehnt, und dann die Jungfrau, breit hingelagert mit dem Silber- und Breithorn. Dem Stationsgebäude entlang, gehen wir an Hotels, Bazars vorbei und steigen in den Zug der Jungfraubahn. Die ist die erste und höchste elektrische Eisenbahn Europas; nur in ihrem Oberbau hat sie das Zahnstangensystem. Sie ist über neun Kilometer; jeder Kilometer hat gegen 1 ½ Millionen Francs gekostet. Wir fahren zunächst zwischen Abhängen, die in tiefen Schnee eingehüllt sind, nach der Station Eigergletscher, die über 2300 Meter über dem Meere liegt. Wieder sehen wir das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau, wild zerklüftet, in Nebel gehüllt. Bei klarem Wetter sieht man von hier die Berge in einem Glanz und in einer Schönheit leuchten, wie am ersten Erdentage, da Gott sie in seinem Schöpferdrang erschuf.

Im Bahnhofsrestaurant erwärme ich mir bei einem heißen Grog meine erstarrten Glieder. Hier oben auf der Station Eigergletscher, so wurde mir erzählt, wohnen Sommer und Winter die zweihundert Beamten und Arbeiter, die am Bau der Jungfraubahn beschäftigt sind. Im Winter sind sie von der eigentlichen Welt ganz abgeschnitten; die Nahrungsmittel müssen schon im Herbst hinaufgeschafft werden, da die Bahn wegen des tiefen Schnees im Oktober ihren Betrieb einstellen muss. Schlimm ist es mit der Beschaffung des Wassers. Vom November bis zum Mai muss jeder Tropfen, den man für Mensch und Maschine benötigt, durch Schmelzen von Schnee auf elektrischem Wege gewonnen werden. Im Winter ist es oben bitter kalt, gewöhnlich -30°C; der Schnee fällt of so hoch, dass er die Drähte und Stangen der Stromleitungen gänzlich zuschüttet. Während des Winters sind die unteren Räume der Häuser gänzlich im Schnee begraben: eine dicke Schneemauer hüllt sie ein. Man muss sich dann durch die Eismassen einen Weg bahnen, aber die Einschnitte, die man mit großer Mühe gräbt, werden bald wieder zugeschneit. Sehr oft stürzen von der Westseite des Eigers Schneelawinen berstend zu Tal. Noch schlimmer wütet aber der Föhn im Herbst und im Frühjahr. Er rast hier oben mit einer solchen Gewalt, dass die Menschen ihm im Freien nicht standhalten können. Sie müssen sich platt auf den Boden hinlegen und sich fest anklammern, sonst werden sie unrettbar in die Tiefe geschleudert. Der Föhn rüttelt hier so stürmisch an den Häusern, dass sie in ihren Grundfesten erbeben, und schon manches Gebäude ist ihm zum Opfer gefallen.

Jetzt geht die Fahrt weiter durch einen langen Tunnel, den höchsten der Welt. In einer Viertelstunde ist man oben auf der Station Eigerwald. Wir steigen aus und gehen durch einen langen Schacht zur Felsenöffnung. Wir sehen nichts als weißen, leuchtenden Schnee; er bläst scharf ins Gesicht und sticht wie spitze Nadeln. Bei klarem Wetter sieht man von hier auf den Rigi, Pilatus und darüber hinweg zum Jura, Schwarzwald und zu den Vogesen. Weiter geht’s: die Bahn fährt in einer Kurve von der Nordseite zur Südflanke des Eiger. Jetzt erreichen wir die Station Eismeer, 3161 Meter über dem Meeresspiegel. Wir blicken hinunter von der Felswand und sehen wieder nichts als Schnee in einer gleißenden Klarheit, dass man wie geblendet die Augen abwendet. Der Sturm rast und heult mit einer Gewalt, als wollte er uns in die Tiefe reißen.

Die Fahrt geht weiter zur Station Jungfraujoch. Vier Kilometer ist noch der Weg, und 4 ½ Jahre wurde Tag und Nacht ohne Unterbrechung an dieser Strecke gearbeitet. Der überaus harte kompakte Gneiß machte die Arbeit so schwierig. An der Station Jungfraujoch, die in der vergletscherten Einsattlung zwischen Jungfrau und Mönch liegt, gehen wir durch einen Schacht, der mit buntfarbigen Lichtern wie eine Märchengrotte erleuchtet ist, in das Restaurant und von da auf die Galerie hinaus ins Freie. Der Sturmwind bläst und pfeift und heult, dass man sich kaum aufrichten kann, und der weiße, schimmernde Schnee blendet, dass die Augen schmerzen. Kein Fernblick, nichts als Nebel, Sturm und Schnee.

Das war die Fahrt auf die Jungfrau. Es ging uns, wie es so vielen Menschen im Leben geht: man steht vor leuchtenden Weiten und darf sie nicht genießen.