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Die Reisezeit

An der Ostsee

Die Abreise aus Heringsdorf gestaltet sich schwieriger als gedacht. Doch als unser Autor dann auf Rügen eintrifft, entdeckt er traumhaft schöne Landschaften, für die die Einwohner gar keinen Blick mehr haben, und eine Stadt voller Geschichte.

Heringsdorf ist wie eine launische Frau. Nachdem sie mich gekost und gestreichelt hatte, setzte sie noch zum Schluss ihren Trotzkopf auf, und ich schied im Zorn von ihr.

Die See sah aus wie ein grünes Haferfeld, in dem der Wind wühlt und zaust, aber die Sonne glitzerte doch über der schaukelnden Fläche, und die geschüttelten Haferähren blitzten bald goldig, bald silbern. Aber als ich mit meinem Koffer an dem äußersten Kopfende der Brücke erschien, um mich nach Rügen einzuschiffen, da raunte man mir von allen Seiten ein unverständliches Wort entgegen. Der Vertreter der Schifffahrtslinie murmelte es achselzuckend, der Brückenwärter brummte es, und der Signalgast hoch oben vom Turm schrie es böse herunter: „Strömungen.“ Ich weiß aus alter Erfahrung, das sind unangenehme Einflüsse und Wiederstände, die sich unter der ruhigen Meeresoberfläche abspielen, und die der Landbewohner nicht begreift. Es geht genau wie im politischen Leben. Alles ist scheinbar ruhig und in bester Ordnung. Aber unten grollt es irgendwo und flutet und strudelt die schönsten Regierungspläne ins Unermessliche von dannen. Und kein gouvernementales Schiff kann landen.

Der Dampfer „Odin“ konnte ebenfalls nicht landen. Er versuchte es zweimal, aber die Stahltrossen, die er auf die Brücke warf, rissen wie Zwirnsfäden. Wir schrieen, wir tobten, wir bettelten, wir flehten, jedoch der Kapitän auf seiner Kommandobrücke tobte und schrie noch arger. Er hatte die Kunst in einem langen Seemannsleben gelernt, und die Menschenliebe hört auf, sobald es sich um einen großen, schneeweißen Dampfer handelt. Gleich einer futtergierigen Seemöwe schoss der Gott „Odin“ in die blaue Ferne und überließ uns Wurmzeug der Verzweiflung.

Bim – bim – bim – bim, so ging es nun den ganzen Tag. Denn die gutmütige, ehrbare Klingelbahn führte mich an allen Stätten meiner Jugend vorüber, durch gelbe, herb duftende Rapsfelder und durch ungeheure Fluten hoch aufgeschossenen Roggens. Solch beschaulich Fahrt hat auch ihr Angenehmes. Aus den Fenstern bequemer Bauernhäuser oder weißer Schlösser sahen alte Bekannte von mir heraus und begannen während des Vorüberrollens eine gemütliche Unterhaltung:

„Bist du auch wieder einmal im Lande? Wohin willst du? Nach Stralsund? Na, glückliche Reise, mein Junge.“

Jedem Pommern geht das Herz auf, wenn er im Abenddämmer in das alte sagenreiche Stralsund einzieht. Da liegt sie vor ihm, die patrizische die vieltürmige Stadt mit ihren grün patinierten Kuppeln und gotischen Spitzen, und ein Hauch der kräftigen Vergangenheit schlägt durch das hurtige Leben der Gegenwart, ganz genauso wie oft ein Wirbel aus dem nahen Strelasund erfrischend und salzfeucht durch Gassen der güterzeugenden Stadt fährt. Denn es gibt kaum ein Gemeinwesen in Deutschland, das so aus seiner Geschichte herausgewachsen scheint, wie diese alte Hansaschöne im Ostmeer. Lärmend und wimmelnd sieht man die Bürgerschaft wohlhabend und selbstbewusst in den Abendstunden durch die Gassen eilen, an hohen Handelshäusern mit blitzenden Auslagen vorüber, und doch glaubt man zu gleicher Zeit mitten unter ihnen die alten Ratsherren mit ihren steifen spanischen Faltenkragen in ihr dämmriges gotisches Rathaus ziehen zu sehen, um weise Zwiesprache zu pflegen, wie man dem Wallensteiner widerstehen könne. Es bildet nämlich keine leere Zeremonie, wenn auch heute noch alljährlich am 24. Juli, am Wallensteintage, nachmittags um drei Uhr, das sogenannte „Hohnblasen“ vom Turm der wunderherrlichen Nikolaikirche herunterschallt. Denn mit Hohn und Spott beladen musste der Generalismus von jenen Mauern weichen, nachdem er dreizehntausend Mann vor den Toren der ungastlichen Feste verloren hatte.

„Ich muss sie haben, die Stadt Stralsund,
Und wäre sie mit Ketten am Himmel geschlossen.“

Noch ein anderes Drama spielte sich in diesen Mauern ab. Hier wurde im Mai 1809 der Major Ferdinand v. Schill, der die Stadt sechs Tage von dem französischen Imperator befreit hatte, durch die Söldner des Kaisers nach hartnäckigem Straßenkampf überwältigt. Ein Gedenkstein auf dem Trottoir kennzeichnet die Stelle, wo das Blut des Heldenjünglings geflossen ist, und sein Leichnam liegt auf dem St.-Jürgen-Friedhof beerdigt. Aber sein Haupt, dieses deutsche Haupt voll stürmender Gedanken, dieses Haupt, das so blutig wilde Poesien gewälzt, wie seine Gesinnungsgenossen Heinrich v. Kleist oder wie nach ihm Theodor Körner, es wurde von den Franzosen abgeschlagen und in die Fremde geschleppt. Jedoch der geschändete Kopf hat wie die lernäische Schlange neue Häupter gezeugt, und es gab eine Zeit, wo die ganze deutsche Jugend solche Schill-Häupter auf den Schultern trug. Diesmal bin ich mit Knut Hamsun einverstanden, eine derartige Jugend wollen wir ehren.

Auch die Stralsunder Bürger kommen von ihren historischen Erinnerungen nicht los. Sie steigen noch heute in den gotischen Ratskeller mit den breiten Bogen herab und bereden das Wohl und Wehe ihrer Stadt. Sie drücken noch jetzt bei hellem Mondschein ihre Stirn gegen die Gitter, welche den Kreuzgang des St.-Johannes-Klosters verschließen und hören zu, was die Schatten der dort auf und nieder schwebenden Mönche Geheimes flüstern. Vor allen Dingen aber, sie schmücken in unserer rasselnden und elektrischen Zeit noch immer ihre Wohnstätten mit denselben gotischen Türmen, unter denen die Vorfahren ihr stolzes Bürgerdasein lebten. Eines der schönsten dieser neuen Gebäude ist das Hotel Artushof auf dem alten Marktplatz. Es sieht dem traumversponnenen Rathaus gerade in die Fenster und steht stolz, bequem und neuzeitlich da. Aber auch auf seine Türme und Söller steigen bereits die Träume und Erinnerungen und so manchen Fremden, der in den großen, geräumigen, englischen Betten übernachtet, wird der steinerne Bürgermeister Lambert Steinwich, der mitten auf dem alten Markt sein kanonenkugelumgebenes Monument besitzt um Mitternacht durch hartes Pochen an der Tür erschreckt haben. Denn der steinerne, protestantische Mann geht noch immer in diesen Gassen um, als hätte er auch heute noch seine Bürger vor Gewissensdrang und fremder Bedrückung zu schützen.

Auf die Trajektdampfer, welche den Stralsunder Hafen mit dem ersten Übergangsort der Insel Rügen, mit Alt-Fähre verbinden, fährt der nordische Express. Ein stolzes Gefühl überkommt den Deutschen, in dessen Land solche Wunder der Technik entstehen. Und wie saugt sich der Blick abschweifend an den gelben Berghöhen von Alte-Fähre fest, in deren Klüften und Riffen sich so wunderliebliche Häuser mit roten Ziegeldächern einnisten. In der glashellen Luft, die über dem Strelasund seine Durchsichtigkeit verbreitet, wie sie sonst nur in Schweden und Dänemark zu finden, mutet der Höhenzug von Alte-Fähre wie ein Böcklinsches Bild an, farbenprunkend, neu geschaffen aus dem Meer aufsteigend, ein Spielplatz für selige Götter.

Aber die Fahrt durch die Insel wird dann irdisch. An allen möglichen kleinen Wellblechbuden, die nichts als [ausgedyute] Rittergüter hinter sich haben, wird haltegemacht, und erst kurz vor Saßnitz merkt man hier im Innenlade etwas von der vielgepriesenen Schönheit des Eilands. Wohlgemerkt, ich allein ahnte etwas davon. Denn als ich den Eingeborenen eine begeisterte Schilderung meiner Entdeckung entwarf, schüttelten sie die Köpfe. Sie wussten nichts davon. In ihrem Weizen bauenden, Kälber züchtenden, Schafe hütenden, vielgeplagten Dasein hatten sie die besondere Herrlichkeit ihrer Scholle verschlafen. Mir aber schwebt die einsame Pracht noch im Traume vor. Und wenn ich einst, geschieden von dem Licht des Tages, über die Asphodeles-Wiese wandeln muss, dann möchte ich, dass mein Schatten den kleinen rügensischen Ort Lietzow erreicht, zwischen den beiden Jasmund-Bodden, damit er dort unbelästigt ein paar Jahrtausende sich in den grünen Wäldern ergehen könne, die Sicht umkrönt diese beiden vergessenen Veilchenseen umkränzen.

Lebe wohl, du märchenstiller Ort. Der Herrgott bewahre dich vor Sanatorien gründenden Aktiengesellschaften und – warte auf mich.