Attentat auf Franz Ferdinand Quelle: Wikipedia

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Die Folgen des Attentats

Die Schüsse von Sarajewo

Die Schüsse von Sarajewo sind ein Zeichen der bürgerlichen Revolution, die sich in Bosnien und Herzegowina Bahn bricht. Sollte Österreich-Ungarn sich ihr in den Weg stellen, wird der Staat zerbrechen.

Die Schüsse von Sarajewo haben einen ganzen Schwarm von f.f. Polizisten und Spitzeln nach der Hauptstadt Bosniens gelockt, und eifrig wird geschnüffelt, verhört und verhaftet, um die großserbische Verschwörung nachzuweisen, als deren Opfer angeblich der Erzherzog samt seiner Gattin gefallen ist. Dann gibt’s einen Prozess, die Attentäter werden gehängt und das Land bekommt die eiserne Hand der Wiener Machthaber zu kosten. Sogar die auswärtige Politik der Monarchie soll einen Ruck nach der Richtung der Serbenfeindschaft hin bekommen, und die schwarzgelben Schmocks, denen die Brosamen von den Tischen der Herren Stürgkh und Berchtold zugeworfen werden, denunzieren schon jetzt die Belgrader Regierung, die „solche Mittel“ anwende, der „sittlichen Entrüstung“ des „zivilisierten Europa“. Darauf wäre zu erwidern, einmal, dass die Mitwisserschaft von serbischen Regierungskreisen um die wahnsinnigen Schüsse des überreizten Gymnasiasten bislang nur eine haltlose Vermutung und auch sehr unwahrscheinlich ist, dann aber, dass der Meuchelmord gewiss eine tückische und vergiftete Waffe darstellt, dass aber die systematische Fälschung und der planmäßige Diebstahl von Akten und Briefen auch etwas unendlich schmutziges und schäbiges ist, welch vormärzlicher Gemeinheiten die österreichische Regierung und dem Prozess des serbischen Gesandten in Wien gegen den Historiker Dr. Fiedjung überführt wurde.

Bleiben aber Verfolgungen, Hinrichtungen und eine Politik der starken Hand die einzige Folge der Schüsse von Sarajewo, um so schlimmer für Österreich-Ungarn, denn dann geht der unglückselige Nationalitätenstaat noch schwereren Erschütterungen entgegen, als es die Ermordung eines Thronfolgers ist: Die südslawische Frage schreit nach ihrer Lösung, und wird sie nicht mit Wien gelöst, so muss sie über Wien hinweg oder gegen Wien gelöst werden! Der buntscheckige Habsburger Kaiserstaat hatte einst für Europa eine große historische Aufgabe zu erfüllen: nämlich ein Bollwerk gegen die fiese Türkengefahr zu sein. Der Druck der osmanischen Reiterhorden, die mehr als einmal im Angesicht der Wiener Hofburg ihre Pferde in der Donau tränkten, war es auch, der die verschiedenen innerlich auseinanderstrebenden Nationalitäten Österreich-Ungarns zusammenpresste und beieinander hielt. Ein tiefer geschichtlicher Sinn liegt darin, dass jetzt, da durch den Balkankrieg die Türkengefahr für Europa unwiderruflich und endgültig beseitigt ist, das Habsburgerreich in allen Fugen kracht und auseinanderfallen droht: die gemeinsame Fahne, um die sich, wenn sie gegen den Halbmond getragen wurde, die Völker des Kaiserstaates scharten, sie fehlt!

Im Zusammenhang mit dem Balkankrieg ist auch die südslawische Frage für Österreichs innere und äußere Politik so herrlich in den Vordergrund getreten, dass sie alle anderen Probleme überschattet. Die slawischen Länder der Krone Habsburg wie Kroatien, Slowenien, Istrien und Dalmatien waren früher, als sie noch im Zustand rein agrarischer Wildursprünglichkeit dahindämmerten, für die Wiener Machthaber sehr erwünschte Stauwehre der bürgerlichen Revolution. Als Anno 1848 die revolutionäre Bewegung auch vor der Hofburg nicht Halt machte, wurden flugs die Kroaten aufgeboten, und der Kroat Fellachich war es, der mit seinen wilden Scharen die Feuerbrände der Revolution austrat. Die Zeiten sind ein für allemal vorbei. Heute sind auch die abgelegensten kroatischen und slowenischen Gaue in den Strom der kapitalistischen Wirtschaftsweise hineingegriffen und der Weltwirtschaft angegliedert, und neben einer ausgepowerten bäuerliche Klasse lehnt sich ein slawischer Mittelstand und eine slawische Intelligenz auf gegen das stumpfsinnige Regime österreichischer Bureaukraten und ungarsicher Feudalen. Die bürgerliche Revolution des Südslawentums ist im vollen Gange und die Schüsse in Sarajewo, eine so überspannte und sinnlose Einzeltat sie an sich sind, sind ebenso gut ein Kapitel davon wie die Schlachten, in denen Bulgaren, Serben und Montenegriner für den mazedonischen Bauern das Joch der türkischen feudalen Ausbeutung zerbrachen. Was Wunder, dass sie österreichisch-ungarischen Südslawen Blicke und Sehnsucht zu ihren Stammesbrüdern im Königreich Serbein richten, die das höchste Ziel eines Volkes in der bestehenden Gesellschaftsordnung, die nationale Selbstständigkeit erreicht haben, während Wien und Pest alles, was Serbe und Kroat heißt, mit Rippenstößen und Fußtritten, mit Standrecht und Galgen behandelt.

Wie nationale Fragen den Deckmantel für soziale Probleme abgeben, zeigt sich namentlich in dem Reichsland, in dessen Hauptstadt die unheilvollen Schüsse gefallen sind, in Bosnien und der Herzegowina. Als die österreichischen Bataillone hier einmarschierten, fanden sie soziale Verhältnisse vor, wie sie überall auf der Balkanhalbinsel zur Zeit der Türkenherrschaft bestanden: eine feudale, herrenhafte, mohammedanischen Glaubens, die Spahis, war im Besitz des Bodens, der von slawischen Bauern orthodoxer Religion aufgrund eines Pachtvertrages beackert wurde. Diese Bauern, die sogenannten Kmeten, strebten danach, das Abhängigkeitsverhältnis, das sie mit den Spahis verband, zu lösen und waren gerade drauf und dran, ihr Joch abzuschütteln, als die Österreicher im Lande erschienen. Die neuen Herren gingen nun nicht etwa dem Kmetentum als einer überlebten Form der Agrarwirtschaft energisch zu Leibe, sondern die Sachwalter seiner Apostolischen Majestät stützten ihre Politik auf die mohammedanischen Grundherren gegen die Masse der serbisch-orthodoxen Bauern. Dass die Landwirtschaft Bosniens und der Herzegovina durch das Kmetentum in unaufhaltsamen Verfall geriet, derart, dass diese von Natur fruchtbaren Gebiete aus Ungarn Getreide einführen müssen, störte die schwarz-gelben Machthaber nur wenig. Ganz im Gegenteil! Je trostloser es um die Landwirtschaft der erst okkupierten und dann annektierten Länder aussah, desto weniger brauchten die junkerlichen Agrarier in Österreich und Ungarn die bosnisch-herzegowinische Konkurrenz zu fürchten. Überhaupt ist das Streben, die südslawische Frage mit roher Gewalt zu lösen, zum allergrößten Teil ein Ausfluss agrarischer Unersättlichkeit! Eine entgegenkommende Politik gegen die österreichisch-ungarischen Südslawen bedingt eine Politik des Entgegenkommens gegen Serbien und umgekehrt. Die ganze Politik der österreichischen und magyarischen Junker lief aber seit jeher darauf hinaus, die exportfähige serbische Landwirtschaft in Grund und Boden hinein zu ruinieren, und es wäre ein Desaster, ein schwarzer Tag für diese profitgierige und gefräßige Sippe, wenn hier den österreichisch-ungarischen Südslawen die Autonomie gewährt würde, und dort die billigen serbischen Schweine über die Grenze kämen. Darum eine halsbrecherische Politik nach außen, die, um den Serben den ersehnten Ausfuhrhafen an der Adria abzutreiben, sich für das „selbstständige“ Albanien erhitzt und es fast auf einen Weltkrieg ankommen lässt, darum im Innern eine verständnislose Politik roher Unterdrückung gegen die Südslawen, Diktatur und Belagerungszustand. Mögen Erzherzöge als Opfer dieses Systems fallen, wenn nur die Schweinepreise recht hoch bleiben!

Aber es wird mehr fallen als ein Erzherzog, wenn nicht die verblendeten Machthaber, durch die Schüsse von Sarajewo gewarnt, in letzter, in zwölfter Stunde einlenken. Siebeneinhalb Millionen Südslawen sind es, die, kühner denn je seit den Siegen der Balkanslawen, ihr politisches Recht heischen, und wenn der österreichische Kaiserthron um die Dauer ihrem Anprall zu widerstehen sucht, wird er stürzen und das Reich, mit dem wir unser Geschick verkoppelt haben, wird in Stücke brechen. Denn es liegt auf der Linie der geschichtlichen Entwicklung, dass solche nationalen Revolutionen zum Siege schreiten. Aber es bleibt in jedem Fall ein ewiges Unglück für Österreich-Ungarn, dass, während in anderen Ländern schon die soziale Revolution sich zum Endkampf rüstet, hier nicht nationale Revolutionen dem Tag ihr Gepräge aufdrücken.