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Unsinnige Anklagen gegen Deutschland

Die Stimmung in Paris

Frankreich trauert einer verpassten Chance für Verhandlungen nach. Nun erheben die Franzosen immer mehr Vorwürfe gegenüber Deutschland. Ihrer Meinung nach hätte das Deutsche Reich mehr Druck auf Österreich ausüben müssen.

Paris, 31. Juli
Die Minister hatten sich gestern in den Couloirs der Kammer den Deputierten gegenüber ziemlich zuversichtlich ausgesprochen, und unter diesem Eindruck legte sich nachts die Beunruhigung der Bevölkerung etwas. Heute früh ist jedoch alles wieder verschwunden, und die Stimmung ist äußerst gedrückt. Dieser Umschwung ist vermutlich auf drei Gründe zurückzuführen: erstens auf die (falsche, Die Redaktion) Nachricht von der Besetzung Belgrads, zweitens auf die Worte Sir Edward Greys im Unterhause, daß die Lage sich nicht gebessert habe, und drittens auf die Telegramme, die über London aus Petersburg und Berlin kommen und von deutsch-russischen Verhandlungen berichten.

Die Tatsache, daß zwischen diesen beiden Staaten konferiert wird, sollte eigentlich beruhigend wirken. Aber nach dem der Wortlaut der darüber hier vorliegenden Havas-Meldungen könnte man annehmen, daß die Verhandlungen in einem merkwürdig energischen Tone geführt werden. Alle diese Meldungen haben die öffentliche Meinung beunruhigt, und heute morgen ist die Presse sehr trübe gestimmt. Immer deutlicher werden die Anklagen gegen Deutschland als den einzigen Schuldigen an der Gefahr. Auch der bisher vorsichtige und maßvolle „Matin“ schreibt heute: „Die internationale Krisis verlängert sich und wird vermutlch gefährlicher. Wird sie durch den Krieg oder durch den Frieden eine Lösung finden? Deutschland kann allein heute die Antwort darauf geben. Wenn Deutschland endlich sich entschließt, auf Wien einzuwirken, um österreichisch-russische Unterhandlungen zu erleichtern, so kann der Friede noch gerettet werden. Wenn Österreich die ihm angebotenen Unterhandlungen zurückweist, so mag die Verantwortung für die öffentlichen und privaten Katastrophen, die über Europa hereinbrechen, die deutsche Nation tragen. Die Tripleentente kann stolz darauf sein, daß sie treu der Sache der Zivilisation und der Freiheit der Völker gedient hat.

Das „Echo de Paris“ schreibt: „Deutschland hat in Petersburg dasselbe Manöver begonnen, nach dem es in Paris nach dem österreichischen Ultimatum operiert hat. Zuerst einen Einschüchterungsversuch, dann einen Versuch der UNterhandlungen. Es ist das Bismarcksche System der warmen und der kalten Dusche. Wenn Österreich nichts verlangt hätte als berechtigte Genugtuung, wenn Deutschlands Absichten nur auf die Erhaltung des europäischen Friedens gingen, so hätten diese Staaten nicht bis gestern zu warten brauchen, um ein aller Welt annehmbares Arrangement vorzuschlagen (!). Wir wollen also nicht auf eine spontane Kundgebung ihres guten Willens rechnen.“

Im „Figaro“ schreibt Gabriel Hanotaux: „Einen Augenblick konnte man glauben, daß Deutschland wirklich die Dinge regeln wollte, daß es vielleicht sogar die Absicht hatte, mit Frankreich zu unterhandeln. Die Frage ist berechtigt, ob man vor vier oder fünf Tagen bei dem ersten Besuch des Freiherrn v. Schoen nicht eine günstige Gelegenheit verpaßt hat, ob wir uns damals Deutschland nicht hätten anschließen sollen, um von ihm einen wohltätigen Einfluß auf Österreich zu erwirken, während wir unsererseits mit Rußland verhandelt hätten. Aber angesichts der pessimistischen Nachrichten, die jetzt verbreitet worden sind, hat man begonnen, an der Aufrichtigkeit dieses zweideutigen (!) Schrittes Deutschlands zu zweifeln. Vielleicht steht Deutschland unter dem Einfluß einer Militärpartei; vielleicht will es der Epoche zuvorkommen, in der Rußland seine militärischen Rüstungen vollendet hat. Die Sozialisten Jaurès, Sembat und andere, die gestern aus Brüssel zurückgekehrt sind, kündigen eine große Kundgebung gegen den Krieg als bevorstehend an; diese dürfte aber ebenso zwecklos verlaufen wie die früheren. Die Sozialdemokratie steht den gegenwärtigen Ereignissen in Frankreich vollständig ohnmächtig gegenüber.“

In der „Guerre sociale“ schreibt Gustave Hervé: „Das Vaterland ist in Gefahr; das Vaterland der Revolution ist in Gefahr. Den Soldaten und Offizieren, die dort an der Grenze Gewehr bei Fuß stehen, wollen wir nur das eine sagen und wiederholen, daß sie ihren Dienst ohne irgendwelchen Argwohn tun können. Niemand von uns wird ihnen in den Rücken fallen. Hier in Paris haben wir schon aus dem Gesang der Internationalen die Strophe über die Generale gestrichen, und die so gereinigte Internationale ist nichts anderes als die Marseillaise, die unsere Väter vor hundert Jahren gesungen haben.“

In Paris machen sich die wirtschaftlichen Folgen der großen Krisis immer mehr bemerkbar. Alle Restaurants haben heute Plakate angeschlagen, in denen sie erklären, daß sie Fünfzig- und Hundertfrancsscheine nicht mehr annehmen, oder daß sie auf diese Scheine kein Gold- und Silbergeld mehr herausgeben. Um die Geldkalamität zu beheben, hat das Finanzministerium neue Scheine von 20 und 5 Francs herausgegeben. Ein Dekret des Staatsrates hat für die Geldauszahlungen bei den Sparkassen die Sicherheitsklausel ausgeschrieben. Nach dieser Klausel sind alle sofortigen Auszahlungen unterdrückt. Die Sparer erhalten Zurückzahlungen nur bis 50 Francs, wenn sie diese Zurückzahlungen 15 Tage vorher beantragen.