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Wien von Trauer ergriffen

Die Trauerfeier in Wien

In Wien hat die Trauerfeier für das ermordete Thronfolgerpaar Würdenträger und Volk gleichermaßen bewegt. Die Beisetzung der Beiden in der Gruft des Schlosses Artstetten statt.

Tausende und Abertausende defilierten, wie aus Wien gemeldet wird, gestern Vormittag in der Hofburg-Pfarrkirche vor den geschlossenen Särgen des Erzherzogs Franz Ferdinand und der Herzogin von Hohenberg an deren Kopfende zwei weiße Blumenkränze von den Kindern der Verblichenen und zwei Kränze der Gräfin Stephanie Lonyan und ihres Gemahls lagen. Von 8 bis 12 Uhr wurden in allen Kirchen Seelenmessen gelesen, von 12 bis 1 Uhr läuteten von allen Türmen die Glocken. Um 4 Uhr nachmittags fand in der Pfarrkirche der Hofburg die Leichenfeier statt, der Kaiser Franz Josef, die Erzherzöge, Erzherzoginnen, der gesamte Hofstaat, die in Wien eingetroffenen Familienangehörigen der Verstorbenen, die gemeinsamen, die österreichischen und die ungarischen Minister, die Präsidenten der österreichischen und ungarischen Parlament mit den Deputationen derselben, der päpstliche Nuntius, sämtliche Botschafter und Gesandten in Vertretung ihrer Souveräne und Staatsoberhäupter, viele militärische Deputationen, zahlreiche Staats- und Hofwürdenträger, die Generalität und die Bürgermeister von Wien, Budapest und Agram beiwohnten. Auf hohen Katafalk ruhten die beiden silbernen mit Gold verzierten Särge. Der vollkommen schwarz ausgeschlagene Innenraum der kleinen Kirche, in die nur schwaches Tageslicht einfällt, machte einen feierlich düsteren Eindruck. Eine doppelte Reihe brennender Kerzen umschloss das Schaugerüst. Tiefe Bewegung ging durch den stillen Raum, als Kaiser Franz Josef mit den Mitgliedern seines Hauses im Oratorium erschien. Unter großer Assistenz nahm Kardinal-Fürstbischof Piffi die feierliche Einsegnung der sterblichen Überreste vor. In tiefer Ergriffenheit folgten die Trauergäste der feierlichen Handlung, nach deren Beendigung die Kirche geschlossen wurde.

Ein dichtes Menschenspalier umsäumte die Ringstraße bis zur Hofburg. Das Publikum bereitete dem Kaiser und dem Erzherzog Karl Franz Joseph bei der Rückfahrt nach Schönbrunn stürmische Kundgebungen. Die Leichen des Erzherzogs und der Herzogin wurden abends 10 Uhr 50 Minuten in Begleitung des Hofstaates des Erzherzogs nach Groß-Pöchlarn übergeführt und werden mit der Fähre um 2 ½ Uhr nachts über die Donau nach Artstetten gebracht un in der Pfarrkirche aufgebahrt werden. Heute Vormittag treffen Erzherzog Karl Franz Joseph und Gemahlin sowie die nächsten Verwandten in Artstetten ein, darunter Erzherzogin Marte Jesepha und Sohn, die Kinder des verblichenen Paares, die Verwandten der Herzogin von Hohenberg. Nach der Einsegnung erfolgt die Beisetzung der Särge in der Gruft des Schlosses Artstetten, worauf die Trauergäste nach Wien zurückkehren. Der Kaiser tritt die Rückreise nach Ischl am Montag morgen um 8 Uhr an. Am Sonntag erscheint ein Armeebefehl an die Armee, Marine und die beiden Landwehren aus Anlass des Todes des Erzherzogs Franz Ferdinand. Der Kriegsminister ordnet an, dass die Hoftrauer für den Verstorbenen als Armeetrauer zu gelten hat. Gestern Nachmittag 5 Uhr waren unter Führung der Gräfin Henriette Chotek die Prinzen und die Prinzessin v. Hohenberg in Wien eingetroffen. Sie wurden um 6 Uhr in die Hofburg-Pfarrkirche geführt, um an den Särgen ihrer Eltern Gebete zu verrichten. Hierbei spielten sich außerordentlich ergreifende Szenen ab.

Aus Anlass der Trauerfeier haben, wie aus Kiel gemeldet wird, sämtliche im Hafen liegenden Kriegsschiffe, Jachten und sonstige Fahrzeuge halbmast geflaggt, ebenso verschiedene öffentliche Gebäude. Gegen 4 Uhr feuerte die gesamte Kriegsflotte einen Trauersalut von 21 Schuss für den Erzherzog Franz Ferdinand.