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Urlaubszeit

Die Trinkgelderplage

Besonders in der Urlaubszeit fällt Reisenden auf, welche Summen sie für Trinkgelder aufbringen müssen. Doch ein Gastwirt, der sich um eine bessere Lösung des Trinkgeldproblems bemühte, stieß auf unerwartete Widerstände.

Die Reisezeit hat ihren Höhepunkt erreicht und demnach auch das Klagen über die Trinkgelderplage. Wer an einem bestimmten Orte wochenlang bleibt, den drückt ja diese Frage weniger. Anders ist es mit dem Reisenden, der heute hier und morgen dort ist, der gezwungen ist, im Hotel zu übernachten. Wenn der am Schlusse seiner Ferienreise nachrechnet, was sie ihm dieses Jahr gekostet hat, da wird er erst zu seinem Erstaunen bemerken, was für eine Summe von Beträgen er für Trinkgelder aufwenden musste.

Es ist daher nicht zu verwundern, wenn die Reisenden nach einer Reform im Trinkgelderwesen verlangen. Es sind in dieser Hinsicht schon viele Vorschläge gemacht worden, aber noch keiner von ihnen hat einen durchschlagenden Erfolg gehabt. Auch Gastwirtskreise sind dieser Frage nähergetreten, denn sie haben ja das größte Interesse daran, dass der Gast bei ihnen billig wohnt, verpflegt und beköstigt wird. Doch auch hier hat keine der vorgeschlagenen Reformen durchdringen können. Woran das Übel liegt, dürfte aus der Arbeit einer rheinischen Handelskammer, die Material zu diesem Thema sammelte, zu erblicken sein. Der dem Gastwirtsgewerbe angehörende Berichterstatter schildert seinen fehlgeschlagenen Versuch folgendermaßen:

Um eine Grundlage zu schaffen, erkundigte ich mich bei den verschiedenen Angestellten nach ihrem Saisonverdienst. Auf Grund des Ergebnisses wurde den Angestellten monatlich die doppelte Besoldung bezahlt. Diese Besoldung sollte den Angestellen ohne Rücksicht auf den Ausfall der Saison gezahlt werden. Den Gästen des Hauses wurde von diesem Vorhaben mit der Bitte um dessen Unterstützung Mitteilung gemacht. Für Trinkgelder wurden 5 v. H. der Wochenrechnung in Ansatz gebracht. Am Schlusse der Saison sollten die auf diese Weise eingegangenen Trinkgelder als Gratifikation verteilt werden, abzüglich der Zahlungen, die in Form von Gehalt schon verabfolgt waren. Ich war mir zwar bewusst, dass dieser Versuch mir selbst Geld kosten würde, denn bei einer schlechten Saison, in der die angerechneten 5. v. H. nicht die Höhe des Gehaltkontos erreichten, hatte ich zu zahlen, was auch tatsächlich der Fall war. Doch war mir der Versuch zur Lösung dieser so wichtigen Frage wohl ein Opfer wert.

Die Schwierigkeiten begannen mit dem Engagement der Angestellten: ich konnte keine bekommen. Die Leute wollten lieber ohne Gehalt arbeiten und das Risiko einer schlechten Saison tragen, als festes und gesichertes Gehalt haben. Schließlich hatte ich mit unendlicher Mühe meine Angestellten beisammen. Alles schien, soweit die Angestellten in Betracht kamen, leidlich zu gehen, bis die Hausdiener und Bademeister die Höhe der für sie noch zu zahlenden Gratifikationen zu wissen verlangten, was ich natürlich nicht im voraus bestimmen konnte. Am Saisonschlusse war keiner der Angestellten zufrieden; jeder behauptete, diese oder jene Familie hätte ihn persönlich gut bezahlt, hätte er Trinkgelder annehmen dürfen, oder er hätte seine Zimmer oder Etage besser besetzt gehabt als ein andrer und darum Anspruch auf höhere Gratifikation. Am Schlimmsten war jedoch das Verhalten eines Teils der Gäste. So dankbar und entgegenkommend sich verschiedene Gäste über diese Art der Trinkgeldverteilung äußerten, so tadelnswert handelten die anderen. Nur einige Beispiele:

Ein Gast will die Trinkgelder selbst geben, weil er fürchtet, schlecht bedient zu werden. Nach seinen eigenen Erklärungen ist er gewohnt, die Angestellten schon bei der Ankunft mit Trinkgeldern zu bedenken. Bei guter Bedienung wird dann noch bei der Abreise ein gutes Trinkgeld in Aussicht gestellt. Diese Art Gäste sind sich gewiss darüber nicht klar, dass ihre Handlungsweise den Angestellten gar leicht zu einer Unredlichkeit dem Prinzipal gegenüber verleitet.

Ein andrer Gast findet Übervorteilung in der Rechnung und meint, die Kellner ließen jede Kleinigkeit im Bureau verrechnen und gäben wohl auch mehr an, als verabfolgt worden sei.

Ein dritter befürchtet schlechte Bedienung und wenn er wirklich gut bedient worden sei, so müsste er sich schämen, ohne besondere Vergütigung abzureisen. Einem vierten endlich sind die in Rechnung gesetzten 5. v. H. noch zu hoch, einige Damen fragten, ob sie auch ungehindert abreisen könnten. Aber das Schönste wurde geleistet, indem Zweifel geäußert wurden, ob auch wirklich die aufgeschriebenen Trinkgelder den Angestellten zugute kämen und nicht etwa zur Bereicherung des Wirtes verwendet würden. Man scheute sich nicht, den Hausdienern vorzurechnen, wie hoch ihr gezahlter Anteil an der Trinkgeldkasse sei und verlangte, der Hausbursche sollte ihnen später schreiben, ob er auch wirklich seinen Anteil empfangen hätte. Und aus welchem Grunde all dies? Um ja die Angestellten zu willfährigen Bedienten zu haben. Das Ende vom Liede war, dass der Portier heimlich die Rechnungen und Bücher auf die Einnahmen durchsah, wobei er die Gesamteinnahmen um 50 000 M. überschätzte. So gern ich eine Regelung des Trinkgelderunwesens im Interesse der Gäste, der Angestellten und des Wirtes durchgeführt hätte, so weit bin ich wieder davon abgekommen und ich werde keinen zweiten Versuch mehr unternehmen.