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Streik in der Lausitz

Die Tuchmacher-Aussperrung

Die Androhung einer Aussperrung der Textilarbeiter sollte eigentlich nur ein Schreckensszenario werden, das die Arbeitgeber zeichnen wollten. Doch nun ist es tatsächlich so weit gekommen. Besonders die kleinen Unternehmen stellt der harte Arbeitskampf vor Probleme.

Es ist schon heute eine nicht mehr zu bestreitende Tasche, dass sich die Unternehmerorganisation in der Niederlausitzer Tuchindustrie mit ihrer brutalen Gewaltaktion gegen ihre Arbeiter gründlich verrechnet hat. Soviel haben einige Unternehmer schon laut werden lasen, dass sie mit einer Aussperrung nicht ernstlich gerechnet haben. Es solle die Androhung einer Aussperrung nur ein blinder Schreckschuss sein, es ist aber zum nicht ganz geringen Schrecken vieler, insbesondere kleiner Unternehmer, ein scharfer Schuss geworden. Die Unternehmer hatten damit gerechnet, dass wenn die wieder wie 1910, den Unnachgiebigen markieren, vor allem, wenn sie fest auftreten, die Arbeiter wieder alles aufgeben würden. Nun ist es aber anders gekommen und da hängen schon gar viele Unternehmer die Köpfe. Als  in einem Orte die Arbeiter die Blumentöpfe mit aus der Fabrik nahmen, da hat de Unternehmer ein sehr betrübtes Gesicht gemacht und gesagt, nein, das sehe ja gerade so aus, als wenn seine lieben Arbeiter für immer ausziehen wollten.

Besonders übel daran sind die Militärtuchfabriken. Die Militärverwaltung verlangt eine neue Farbe für Militärtuche. Die Fabrikanten sind in Berlin gewesen und mit dem Bescheid nach Hause gekommen, dass sie sofort liefern möchten. Und anstatt nun flott zu arbeiten, wirft man die Leute aus den Fabriken hinaus. Stark geschädigt werden die Betriebe in Spremberg. Die Spremberger Industrie hatte früher einen großen Export nach dem Balkan. Durch den Krieg ist er verloren gegangen. Im vergangenen Jahre herrschte eine schwere Krise. Und nun, wo das Geschäft anfing zu gehen, verlangt der Fabrikantenverein, die Arbeiter zu entlassen.

Mag die Aussperrung ausgehen wie sie will, sie muss mit einemRriesenmanko für Unternehmer enden. Die Verrücktheit dieser Aktion der Unternehmer tritt drastisch zutage , wenn man die Bilanz der Aussperrung aufstellt. Da erscheint auf der einen Seite der Ausstellung die Forderung der Forster Walker mit im Höchstfalle 200 M pro Woche. Und auf der anderen Seite erscheint der riesige Schaden, de das Unternehmertum im besonderen und die Niederlausitzer Tuchindustrie im allgemeinen durch die Aussperrung erleidet. 30 00 Arbeiter sind ausgesperrt. Wie aus verschiedenen Äußerungen in der vergangenen Zeit zu entnehmen ist, rechnen die Unternehmer pro Jahr und Arbeiter mit einem Mindestreingewinn von durchschnittlich 650 M. In Jahren guter Konjunktur werden es durchschnittlich 1000 M. Nehmen wir nur einen Mindestreingewinn von 600 M. pro Arbeiter und Jahr an, so entfällt auf jeden Arbeitstag und Arbeiter 2 M. Durch die Aussperrung der 30 000 Mitarbeiter  gehen also deb Unternehmern täglich rund 60 000 M. Gewinn verloren. Eine Woche Aussperrung bringt also einen Gewinnverlust von 6 x 60 000 = 360 000 M. Mit dieser Verlustsumme einer einzigen Woche könnte man die Lohnerhöhung der Forster Walker volle 35 Jahre lang zahlen. Man kann ohne Übertreibung  sagen; dass die Niederlausitzer Tuchunternehmer alles in allem pro Woche einen baren Verlust von 500 000 Mark haben.

Doch das ist ja erst der kleinste Teil des materiellen Schadens, der durch den leichtsinnigen Streich der Unternehmer angerichtet wird. Die 30 000 Mitarbeiter, die durch diesen Streich der Unternehmer am Werteschaffen verhindert werden, verlieren mindestens täglich 100 000 M. Lohn. Das ist ein Betrag, mit dem die winzige Lohnforderung der Forster Walker für weitere 10 Jahre gezahlt werden könnte. Mit der Summer des Lohnverlustes und des Verlustes an Unternehmergewinn  einer einzigen Aussperrungswoche, könnte die Lohnforderung der Forster Walker rund 120 Jahre gezahlt werden.

Dazu rechne man noch den kollosalen Verlust jener Erwerbsrekreise, die indirekt durch die Aussperrung geschädigt werden. Es kommt da besonders die Konfektionsindustrie in Betracht, dann aber auch die Geschäftsleute der Aussperrungsorte. Wer angesichts dieser Taschen nicht zu der Erkenntnis kommt, dass die Aussperrung der 30 000 Tucharbeiter das Verrückteste ist, was bis jetzt auf dem Gebiete der Aussperrungstaktik der Scharfmacherverbände geleistet worden ist, der gehört selbst in die Kaltwasserheilanstalt.

Also die Rechnung der Unternehmer ist total falsch, nach jeder Richtung hin; insbesondere auch nach der Richtung, dass sie hoffen, die Arbeiter gegeneinander zu bringen. Die Aussperrung hat die Arbeiterschaft mit wuchtigen Schlägen zur Einigkeit geschweißt. Die Aussperrung hat die Arbeiter, die noch immer in dem falschen Glauben dahinlebten, sie hätten eine Organisation nicht nötig, plötzlich zu der Überzeugung gebracht, dass sie auf dem falschen Wege befunden haben. Das bewies der glänzende Verlauf der öffentlichen Versammlungen, die am Montag, den 20. Juli, stattfanden. Die größten Lokale konnten die Massen nicht fassen, und die Redner fanden stürmischen Beifall, als sie die Maßnahmen der Unternehmer kritisierten. Überall kam zum Ausdruck, dass es die Arbeiterschaft, die ohne Grund auf die Straße geworfen worden ist, als eine empörende, verabscheungswürdige Zumutung empfindet, wenn man den unorganisierten Arbeitern angeraten hat, gelbe Vereine zu gründen und bei derselben Unternehmerorganisation um Unterstützung zu betteln, die eben erst die Arbeiterschaft vor den Magen getreten hat. Nein, das Ehrgefühl der Arbeiter ist durch die brutale Behandlung, die ihnen von ihren Unternehmern zuteil geworden ist, aufs tiefste verletzt. Jetzt zu verlangen, die so empfindlich gekränkten Arbeiter und Arbeiterinnen sollen dieselbe Unternehmerorganisation um Unterstützung bitten, das ist eine ebenso empörende Zumutung wie jene, die der Abrichter von Hunden stellt, wenn er verlangt, die Hunde sollen den Stock ablecken, mit dem sie ebenso fürchterlich geprügelt worden sind. Nein, jeden Versuch, die durch die Aussperrung zusammengeschweißten Arbeiter durch Gründung gelber Schmarotzervereine gegeneinander zubringen, wird von der Arbeiterschaft energisch zurückgewiesen werden. Die Arbeiter werden sich jetzt die Unternehmer zum Vorbild nehmen, die haben auch nur eine Organisation. Und so solidarisch wie die Unternehmer, so werden von nun an auch die Arbeiter zusammenstehen.