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Die Kriegslust der „schwarzen Hand“ in Serbien

Die vermittelnden Schritte der Mächte

Deutschland, Frankreich, England und Italien bemühen sich gemeinsam, im österreichisch-serbischen Konflikt zu vermitteln, damit aus der Krise kein Weltkrieg entsteht. Eine entscheidende Rolle wird allerdings Russland spielen.

Ein Wiener Blatt hat gemeldet, dass die Serben die Eisenbahnbrücke über die Donau zwischen Belgrad und Semlin in die Luft gesprengt hätten. Die Nachricht ist bisher von anderer Seite nicht bestätigt worden. Wie kaum erst gesagt zu werden braucht, wäre die Sprengung der Donaubrücke ein Akt von unbestreitbarer strategischer Wichtigkeit. Sie würde zugleich die erste wirkliche Kriegstat sein und Serbien hätte dann, da die Brücke österreichisches Eigentum ist, den Krieg begonnen. In unterrichteten Kreisen erklärt man im Übrigen die allgemein auffallende Tatsache, dass die Österreicher Belgrad noch nicht besetzt haben, nicht mit diplomatischen, sondern mit rein militärischen Gründen. Es scheint, dass die Aktion erst beginnen soll, wenn der österreichische Aufmarsch vollendet ist.

Es gibt – wie immer, wenn in solchen Zeiten vierundzwanzig Stunden lang nichts geschieht – Skeptiker, die bereits meinen, es werde zu dieser Aktion überhaupt nicht kommen, und es werde gar nichts geschehen. Diese Auffassung teilen wir nicht. Österreich-Ungarn ist diesmal absolut entschlossen, mit militärischer Gewalt vorzugehen und in Serbien eine Situation zu schaffen, die – soweit das möglich ist – die Niederhaltung oder doch die Minderung der großserbischen Gefahr verbürgt. Nur wenn Serbien in letzter Stunde selbst bereit sein sollte, eine solche Situation schaffen zu lassen, könnte der österreich-serbische Krieg zu vermeiden sein. Dass die Bedingungen, die in dem österreichischen Ultimatum gestellt wurden, jetzt noch zur Grundlage einer Einigung werden könnten, ist, nachdem die im Ultimatum vorgesehene Frist verstrichen ist und die Dinge sich weiter entwickelt haben, nicht ohne weiteres anzunehmen. Wir für unser Teil sind der Meinung, dass diese Bedingungen schon deshalb sehr kritisierbar waren, weil sie einen praktischen Wert nicht besaßen.

Inzwischen werden die Bemühungen der zunächst nicht direkt beteiligten Großmächte, den Krieg zu lokalisieren, fortgesetzt. Wie wir schon im Morgenblatt sagten, ist die Haltung Frankreichs, das seinen Einfluss in Petersburg in friedlichem Sinne geltend zu machen sucht, erfreulich und anerkennenswert, und ebenso geschieht von englischer Seite alles, um eine Ausdehnung der Kriegsgefahr zu verhindern. Es ist ganz selbstverständlich, dass Deutschland sich andauernd diesen Bemühungen anschließt, und ein Beweis für das Zusammengehen dieser Mächte liegt auch in einer offiziösen Depesche aus Paris, die von einer neuen Unterredung zwischen dem interimistischen Ministerpräsidenten Bienvenu-Martin und dem deutschen Botschafter Freiherrn v. Schoen berichtet. Aus Rom kommt die Meldung, der englische und der italienische Botschafter hätten heute in Wien gemeinsam eine Vermittlung versucht. Ob man von diesem Schritt, falls er erfolgt sein sollte, schon eine Lösung oder eine entscheidende Wendung erwarten darf, erscheint und zweifelhaft.

Wir halten – immer mit dem nötigen Vorbehalt – an der Hoffnung fest, dass es den gemeinsamen Bemühungen Deutschlands, Frankreichs, Englands und Italiens gelingen wird, einen Weltkrieg zu verhindern, der keiner einzigen dieser Großmächte erwünscht sein kann. Es ist wahr, dass von einigen Seiten sehr alarmierende Nachrichten über die Haltung Russlands verbreitet werden und dass der Petersburger Korrespondent der „Kölnischen Zeitung“ seinem Blatte telegrafiert: „Viele Anzeichen sprechen dafür, dass die Kriegspartei, ihren Willen der bewaffneten Einmischung durchsetzt.“ Diese Meldung steht im Widerspruch zu dem Telegramm, das der – im allgemeinen vortreflich informierte – Petersburger Korrespondent des offiziösen Wolffischen Bureaus gestern in später Abendstunde sandte und in dem es hieß, dass nach einer Unterredung Sajonows mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter der Eindruck günstiger sei, wenn auch die Lage kritisch bleibe. Wir glauben, dass für den Augenblick diese Darstellung das Richtige trifft, aber wir betonen ausdrücklich: für den Augenblick. Diese Affäre steht erst am Anfang, und das russische Eingreifen kann, wenn es jetzt nicht erfolgen, oder in den Tagen, wo es sich um die Regelung der serbischen Frage handeln wird. Das sind Möglichkeiten, mit denen jeder vorsichtige Beurteiler natürlich fortgesetzt rechnen muss. Aber zwischen solch vorsichtigen Abwägen und einer absolut pessimistischen Anschauung ist der Unterschied noch groß.