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Arbeiter gegen den Krieg

Die Völker und der Krieg

Die Engländer haben den Krieg nicht gewollt, sagen sie. Die Franzosen haben den Krieg nicht gewollt, sagen sie. Wir Deutschen haben den Krieg auch nicht gewollt. Das Problem: Kein Volk wurde gefragt, bevor der Krieg erklärt wurde.

Alle sagen dasselbe und beteuern es mit gleicher Leidenschaft: daß sie den Krieg nicht gewollt haben, daß sie zu ihm nur gezwungen wurden, daß sie nur in der höchsten Notwehr gehandelt haben, als sie den Krieg erwählten. In einem gewissen Ausmaß mag das sogar bei allen der Fall sein. Denn keiner von den fünf großen Militärmächten, die nun in einem Ringen auf Tod und Leben begriffen sind, wird sich darüber im unklaren befinden, was ein moderner Krieg bedeutet, was mit ihm aufs Spiel gesetzt wird, was da auf des Messers Schneide gestellt wird. Die Wahrheit wird wohl sein, daß alle den Frieden bewahren „wollten“, alle aber auch mit dem Krieg rechneten, mit dem Kriege, der von ihnen ausgehen solle. Aber wir vernehmen heute noch andere Versicherungen. Wir hören, daß das Volk in England den Krieg nicht wollte, nicht will, ihm ohne jede innere Teilnahme, wenn nicht mit Widerwillen entgegensieht. Wir hören, daß das Volk in Frankreich von der Kriegserklärung aufs peinlichste überrascht worden ist, daß keine Kriegsbegeisterung herrscht, daß die Stimmung bei den großen Massen gedrückt ist. Wir hören, daß die Bauernmassen in Russland geradezu verzweifelt sind, da sie der Befehl zur Einrückung trifft; wir hören dasselbe auch von Serbien, wo sich das einfache Volk gegen die Wahnsinnspolitik der Belgrader Kriegshetzer im hellen Aufruhr befindet. Und wie war es in den deutschen Landen?

Daß heute überall die feste Entschlossenheit waltet, sich der Feinde zu erwehren und die Freiheit und Unabhängigkeit des Vaterlandes zu behaupten, hebt die Tatsache nicht auf, daß die Stimmung des überwiegenden Teils der deutschen Nation – von den allezeit lärmenden nationalistischen Schreiern und Rüstungsinteressenten abgesehen – vor Kriegsausbruch eine friedliche war, daß sich das deutsche Volk aus keiner leichtfertigen Verblendung zu dem Kriege gedrängt hat. Heute hallt es von Kriegsgeschrei in ganz Europa, und doch ist es wahr, daß das Volk überall bereit war, im ehrenvollen Frieden zu leben, die Segnungen der friedlichen Entwicklung zu pflegen, daß es keinem Volke, bevor der Weltkrieg entbrannt war, eine Sehnsucht nach dem blutigen Ringen sichtbar ward. Die Völker waren friedlich, die Völker begehrten nicht nach dem Kriege: und doch ist er ausgebrochen, doch erlebten wir ihn in seiner ganzen furchtbar-schrecklichen Gewalt. Wie ist das zu erklären und zu begreifen?

Die Antwort ist einfach: weil die Völker ihre Schicksale selbst nicht bestimmen. An dieser fundamentalen Tatsache ändert die jeweilige Regierungsform gar nichts. Frankreich ist eine Republik, in der das Volk scheinbar mit souveräner Macht gebietet: aber das Volk ist nicht einmal gefragt worden, ob es das Bündnis mit dem russischen Despotstaaten will, es hat den Inhalt dieses Bündnisses nie erfahren, der Krieg war schon entschieden, ehe die Kammern berufen wurden. Im britischen Reiche reagiert das Parlament: aber von den Verabredungen mit Frankreich und Russland hat dieses allmächtige Unterhaus erst einige Stunden vor der Kriegserklärung gehört. Zwischen Krieg und Frieden liegt sachlich eine Welt; zeitlich scheiden sie sich aber immer nur durch Stunden. Bevor das Volk in England und in Frankreich, wo es nach der Machtverteilung sein Gewicht vielleicht in die Waagschale werfen könnte, sprechen hätte können, bevor es sich über den Umgang der Gefahr halbwegs klar werden konnte, war der Krieg da; die Handvoll Politiker, geradezu eine Clique von Drahtziehern, hatte die Entscheidung schon herbeigeführt, bevor sich das Volk erst aufraffen und zum Widerstand ermannen konnte. Ist aber einmal die Entscheidung gefallen, stehen wir im Kriege, so ist freilich alles Zweifeln und Schwanken ausgeschlossen. Denn wie man in den Krieg auch hineingekommen ist, ob es ein Krieg ist, der gleichsam aus der Notwendigkeit der Entwicklung entspringt, oder ein Krieg, der auch Leichtsinn herbeigeführt worden ist, ein gerechter oder ein ungerechter Krieg also, um diese für ein Weltgeschehen freilich nicht ganz zutreffenden Bezeichnungen zu gebrauchen: ist der Krieg einmal da, so muss er auch von denen, die ihm aus der Gesamtheit und Geschlossenheit ihrer Weltauffassung widerstreben, durchgehalten werden.

Denn wir wissen nicht abseits und jenseits vom Staate, die Arbeiter stehen nicht außerhalb der Nation, sie werden vielmehr, durch den kapitalistischen Prozess, immer mehr sein gewichtigster Teil. Darum ist das Geschick der Nation und des sie ausdrückenden Staates auch für ihre mittelbare und weitere Entlastung von der größten Bedeutung. Aber das ist beileibe kein Widerspruch gegen die tragende Idee unserer Bewegung von der Solidarität der Arbeit, die keine Schranken bannen; das ist keineswegs die Aufhebung des Gedankens der Internationalität der Kultur, wie er leuchtend vor unseren Augen steht. Schon deshalb nicht, weil er leuchtend vor unseren Augen steht. Schon deshalb nicht, weil das heilige Recht, das die Internationale jedem Volk zuerkennt, die Sozialdemokratie doch nicht ihrer eigenen Nation bestreiten wird! Der Krieg ist das „letzte Mittel“, das Verzweiflungsmittel in dem Machtkampf der kapitalistischen organisierten Staaten; aber den Weg aufwärts und vorwärts vollzieht die Menschheit durch die Werke des Friedens, die allein zutage bringen, was an letzter Begabung im Volkskörper lebt. Wir zagen nicht im Kriege; mit eiserner Kraft wollen wir ihn bestehen, um die Bahn frei zu haben für die geistige und sittliche Vervollkommnung der Menschheit!