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Österreichisch-serbische Krise

Die Vorbereitungen

Entlang der Donau haben sowohl serbische als auch österreichisch-ungarische Truppen Stellung bezogen. Noch ist nicht ganz klar, wer wo den Angriff des Feindes erwartet. Doch eine Donaubrücke spielt eine entscheidende Rolle.

Serbien schickt sich anscheinend an, die Donausperre nicht ohne ernsteren Kampf einem österreichischen Einmarsch zu überlassen. Truppenzusammenziehungen in größerem Umfang sind in der Gegend Pozarevac – Semendria erkennbar gewesen. Patrouillenplänkeleien vom serbischen Donauufer gegen einen ungarischen Truppentransport deuteten auf eine lokale Bewachung des Stromes hin. Man wird vielleicht den Uferwechsel des Feindes zu stören, aufzuhalten und zu gefährden versuchen. Zu anderen Zwecken, namentlich zu einem serbischen Einmarsch in ungarisches Gebiet, dürften die Drina- beziehungsweise Donau-Division schwerlich im Mündungsgebiet der Morava versammelt worden sein. Knapp 100 Kilometer nördlich von Semendria ist in Temesvar der Sitz des Generalkommandos des 7. Armeekorps und ein ausgezeichnetes, zur Donau führendes Bahnnetz ließe einen solchen serbischen Streich wenig aussichtsreich erscheinen.

Wo die Sammelpunkte österreichisch-ungarischer Streitkräfte nördlich der Donau liegen, ist bis jetzt unbekannt geblieben. Uns scheint auch die hier und da hervorgetretene Ansicht, dass das kaiserliche und königliche Heer es in der Hauptsache auf einen Vorstoß gegen das nördlichste Serbien mittels Donauübergangs abgesehen habe, nicht zutreffend. Viel mehr Aussicht würde das Vortreiben der fast mobilen Armeekorps 15 (Bosnien) und 16 (Herzegowina), gefolgt von starken Reservetruppen, haben. Es scheint auch, als erwarte man serbischerseits den feindlichen Hauptangriff von dieser (westlichen) Seite. Darauf deutet die Lage des serbischen Hauptquartiers Baljevo hin. Am Endpunkt der Strecke Belgrad – Baljevo gelegen, nur fünfzig Kilometer von der Grenze entfernt, und ebenso weit von dem Endpunkt der normalspurigen Linie Risch-Uzize, beherrscht es die Defensive gegen einen österreichischen Feind, der aus den Bergen der Grenze debouchiert, und gestattet zugleich, einem forcierten Donauübergang entgegenzueilen. Andere Nachrichten wollen von einer serbischen Konzentration im Morava-Winkel bei Krusevac wissen; andere von östlichster Versammlung bei Risch. Die letztere Festung ist zu nahe der bulgarischen Grenze gelegen, um zur Konzentration der Hauptarmee zu dienen. Hat Bulgarien auch seine Neutralität bekanntgegeben, so steht es doch „Gewehr bei Fuß“, und ein serbischer Rückzug bei Risch erzwingen, könnte leicht zur Wissenstreckung auf bulgarischem Gebiet nötigen. Sehr wohl möglich ist die Konzentration des zweiten Aufgebots im Morava-Winkel. Übrigens muss, wie die Wiener „Mil. Rundschau“ hervorhebt, Serbien auch immer mit den noch keineswegs beruhigten Gebieten des eroberten Südserbien und mit bulgarischem und albanischem Bandenwesen rechnen.

Beide Staaten befinden sich zur Zeit im Zustande der Mobilisierung. Wer dem andern den Vorsprung abgewinnt, hat einen nicht unwesentlichen Vorteil. Mit nicht gänzlich mobilen Truppen ist der Beginn von Feindseligkeiten heutzutage nicht ratsam, es sei denn, dass es gilt, schnell die Hand auf wichtige Objekte der Grenzen zu legen, wie es die wichtige Eisenbahnbrücke zwischen Belgrad und Semlin und die Pässe der bosnischen Grenze sind. Die Belgrader Eisenbahnbrücke der Linie Badapest-Sofia ist 460 Meter lang und 4,5 Meter breit. Da sie eine feste und geschlossene Fahrbahn besitzt, eignet sie sich für jeden Truppentransport, auch für die Bewegung schwerer Batterien. Sie soll, wie Wiener militärische Blätter melden, an beiden Enden zur Zerstörung vorbereitet sein. Sollte sich die Nachricht von der Sprengung des serbischem Endteiles bewahrheiten (sie ist offenbar unrichtig gewesen. Die Red.), so würde eine Offensive über die Donau beziehungsweise Save nicht unwesentlich verzögert, denn der Bau einer schweren Kolonnenbrücke von rund 500 Metern erfordert eine ungefähre Bauzeit von etwa 18 Stunden und, nach deutscher Organisation, das Material von drei Korps- und 12 Divisionsbrückentrains. Die veralteten Werke Belgrads mit ihren neuen 12- und 15-Zentimeter-Geschützen müssten entweder vorher niedergelegt sein oder es müsste eine andere Baustelle, die außerhalb feindlichen Feuers liegt, erkundet werden. Gerade diese Arbeit soll die serbische lokale Flussbewachung erschweren.

Montenegro mobilisiert. Wenn es keine Kriegsmacht auf dem Papier auch mit 4 Divisionen mit 40 000 Gewehren, 60 Maschinengewehren und 150 Feldgeschützen berechnet, so hat doch Skutaris Belagerung gezeigt, dass dieses Heer zu einer durchgreifenden Offensive nicht befähigt ist. Zudem sind die finanziellen und personellen Schwierigkeiten, die aus dem letzten Krieg resultieren, noch nicht behoben. Das K. u. K. Heer wird die Vereinigung serbischer und montenegrinischer Truppen wohl zu verhüten suchen.