Politik > International >

Reaktionäre Presse

Dumme Verleumdungen

Obwohl allen klar sein sollte, dass das Attentat von Sarajewo auf den übersteigerten, serbischen Nationalismus zurückzuführen ist, hetzt die reaktionäre Presse gegen den Sozialismus.

Obwohl nicht der mildeste Zweifel darüber bestehen kann, dass die Bluttat von Sarajewo auf wahnsinnig überreizten nationalen Fanatismus zurückzuführen ist, suchen die internationalen Scharfmacherhyänen den Sozialismus mit dem Verbrechen in Zusammenhang zu bringen. Diese Versuche werden von Belgrader Zeitungen unterstützt zu dem offenbaren Zweck, die Anklagen gegen den großserbischen Nationalismus auf den Sozialismus abzulenken. Demgegenüber sei noch einmal mit allem Nachdruck betont, dass gerade unsere serbischen Genossen seit langem den erbittertsten Kampf gegen alle chauvinistischen Treibereien im serbischen Volke geführt haben und noch führen. Es ist sicher, dass es den beiden Attentätern nicht möglich gewesen ist, mit den Sozialisten Belgrads in Fühlung zu kommen, da diese mit solchen nationalistischen Wirrköpfen nichts zu tun haben wollen.

Aus Wien wird uns dazu noch geschrieben:
„Ihnen gereichen alle Dinge zum Gemeinen. So muss man sagen, wenn man die Stimme liest, die in der reaktionären Presse sich zu dem Attentat in Sarajewo äußern. Noch sind die Leichen zweier Menschen, die einem künftlich großgezogenen Wahnwitz zum Opfer fielen, nicht erkaltet und schon schlachtet die Presse die Bluttat aus für ihre reaktionären Pläne gegen das Volk, mit denen sie sich immer trägt.

Das Attentat ist aus derselben Fieberhitze entstanden, die vor mehr als hundert Jahren dem Wunfiedeler Studenten Sand den Dolch gegen den russischen Spitzel Kotzebuc in die Hand drückte. Serbien hat einen Krieg hinter sich, eigentlich deren zwei. Der Krieg ist stes der Nährboden alles Schlechten und Gemeinen. Der Waffenmord im Krieg stumpft die Gewissen ab gegen den Einzelmord. Der Krieg war siegreich; er steigerte ein an sich schon krankhaftes Nationalgefühl, das nichts gemein hat mit der Liebe zum Vaterland oder zum Volke, zur Siedehitze. Die abgestumpfte Moralität in Verbindung mit dem krankhaften Nationalismus treibt dann einzelne Individuen zum politischen Mord in der törichten Meinung, dadurch politische Ziele erreichen zu können. Und aben diese Individuen nichts selbst miterlebt, dass man Kriege, den Waffenmord der Völker nicht um der Verteidigung und des Schutzes des Volkes Willen, sondern dass man die Kriege begann und unter schrecklichen Schlächtereien durchführte, um dynastische und politische Zwecke zu erreichen!? Gibt es nicht in allen Ländern eine Presse, die um politischer Zwecke, um neue Rüstungen gegen den Willen und Wunsch des Volkes durchzuführen, zum Kriege treibt und hetzt? Ist nicht der ganze offizielle Geschichtsunterricht in den Schulen darauf zugeschnitten, die Kriege als den höchsten Ausdruck der sittlichen und physischen Kraft des Volkes hinzustellen?

Wo also sitzen die intellektuellen Urheber – es ist dies ein staatsanwaltlicher Begriff – der Bluttat von Sarajewo? Sie sitzen im Lager der nationalistischen Kriegshetzer. Und wie ein Verhängnis, wie eine mahnende Lehre der Geschichte erscheint es, dass in diesem Falle Täter wie Opfer – von der unglücklichen Frau und Mutter abgesehen, die mit zum Opfer fiel – aus demselben Lager hervorgegangen sind. Der österreichische Thronfolger war der ausgeprägteste Typus eines Imperialisten. Der junge serbische Mörder ist zu seiner Tat aufgestachelt worden von den serbischen Imperialisten, Nationalisten, Kriegstreibern.

Jeder Versuch also, das Attentat von Sarajewo im reaktionären Sinne gegen das Volk auszuschlachten, müsste für einen ehrlichen Reaktionär völlig ausgeschlossen sein. Die deutschen Reaktionäre sind anderer Meinung. Ihnen ist die unselige Tat Wasser auf die Mühle, auf der sie ihr Pulver mahlen gegen das Volk. Das ist der Charakter der deutschen Reaktion!

Die gesamte internationale Sozialdemokratie ist gewiss einig in dem ehrlichen Bedauern und dem aufrichtigsten Mitleid für die beiden Opfer nationalistischen Wahnwitzes. Sie weißt aber auch auf die Wunde an dem Körper der Völker hin, woraus derartige Verbrechen entstehen. Sie zeigt die Gefahr und warnt vor ihr; nicht um die Tat von Sarajewo irgendwie politisch auszuschlachten, sondern in dem aufrichtigen Bestreben, solche die Menschheit immer schändende Taten zur Unmöglichkeit zu machen. Die Soziale Demokratie hat es dem Volke gelehrt, dass es nicht durch individuelle Taten des Impulses und der Leidenschaft, dass es nicht durch Putsche seine großen Ziele erreichen kann, sondern nur dadurch, dass die Arbeiterschaft, die breite Masse des Volkes, der sittlich, geistig, wirtschaftlich und politisch höher stehendere, der gebildetere Teil des Volksganzen werde. Alles Wirken und Arbeiten der Sozialdemokratie geht darauf hin, das Volk zu geistiger, moralischer und politischer Reife zu bringen. Dadurch freilich wird die Sozialdemokratie zur eminenten Gefahr für die gegenwärtige „Ordnung“ und für den Klassenstaat. Mit den gleichen ehrlichen Waffen der Volksaufklärung und sittlichen Hebung kann die Reaktion nicht kämpfen – sie kämpft deshalb mit allen Mitteln der Gewalt und mit allen Mitteln der Gemeinheit, indem sie selbst solche aus ihrem Geiste geborenen Taten wie das Attentat in Sarajewo der ringenden aufstrebenden Arbeiterklasse an die Rockschütze hängen will. Ihnen reichen alle Dinge zum Gemeinen!“