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Reaktion auf deutschen Durchmarsch

Durch Belgien

Trotz der deutschen Zusicherung, Belgiens Souveränität zu wahren und nur durchzumarschieren, haben die Belgier militärisch auf die deutschen Truppen reagiert. Das liegt an der großen Nähe zu Frankreich. Besser haben sich die Niederlande verhalten.

Wir alle verstehen, dass das Volk in Belgien und das französische Grenzvolk heute in keiner Girlandenstimmung sind. Diese Leute wissen nichts davon, dass auch wir aus Notwehr handeln und dass ihr russischer Freund uns wie ihnen diesen Krieg aufgezwungen hat. Aber so sehr wir alle Gefühle achten und begreifen, so sehr müssen wir hoffen und darauf dringen, dass diese Zivilbevölkerung von einer Betätigung ihrer Empfindungen, von meuchlerischen Racheakten, ferngehalten wird. Die amtliche deutsche Bekanntmachung, die von der Kampfwut dieser Menschen und von der Möglichkeit eines Franktireurkrieges sprach, hat gewiss auf jeden, der sie las, einen tiefen Eindruck gemacht. Es ist das Allerfurchtbarste, wenn die uniformlose Menge in den Krieg sich mischt und wenn Abwehrmaßregeln gegen einen Fanatismus ergriffen werden müssen, der an jeder Dorfmauer im Hinterhalte liegt.

Die deutschen Truppen kommen als ehrliche Gegner, nicht zur Misshandlung waffenloser Menschen ins Feindesland, und der Schutz des Zivils ist durch die deutsche Disziplin verbürgt. Auch ein Fremder, der den deutschen Volkscharakter gar nicht kennt, muss schon beim Anblick der hinausziehenden Soldaten sich sagen, dass von diesen Männern kein Gewaltakt gegen Frauen, Kinder und Wehrlose zu befürchten ist. Ein deutscher Maler hat nach dem Kriege von 1870 ein Bild gemalt, auf dem ein Landwehrmann mit einem blonden Kaiser-Friedrich-Bart in einem französischen Bauernhause einem verlassenen Säugling die Flasche gibt. Unsere Landwehrmänner tragen den Kaiser-Friedrich-Bart nicht mehr, aber der deutsche Soldat gleicht noch immer dem blonden Kinderfreund mit seiner Anständigkeit, seiner Gutmütigkeit, seinem Respekt vor dem häuslichen Herd. Das Volk in Belgien und an der französischen Grenze mag – und darf – ein anderes Bild vor Augen haben, aber wie sollte geduldet werden können, dass es die pflichttreuen Söhne unseres Landes an der Buschecke niederknallt? Eine ungeheure Verantwortung fällt auf jeden, der die Buschrache ermutigt und die Abwehr nötig macht.

Dass gerade in Belgien der Hass am wildesten sich entladet, hat diejenigen, die belgisches Wesen und belgische Geistesart kennen, nicht allzu sehr überrascht. Die Verletzung der Neutralität, deren Bitternis durch das Angebot weitgehender Integritätsgarantien gemildert werden sollte, hat die Abneigung gegen alles Deutsche nicht geschaffen, sondern nur still Verborgenes zum Ausbruch gebracht. Geistig und auch politisch war Belgien in der letzten Zeit eigentlich nur eine französische Provinz, und in dieser Provinz wurde – in den etwas krampfhaften Bemühen, hinter der Zentrale nicht zurückzubleiben – jeder Ton, den Paris anschlug, immer noch ein wenig verstärkt. Die Artikel der Pariser Boulevardblätter regten die Bevölkerung Brüssels vielleicht mehr als das französische Publikum auf. In Frankreich nahm die Mehrheit, die über den Wert eines gewissen Journalismus Bescheid wusste, das alles ziemlich skeptisch hin, in Belgien glaubte man daran. Der Pariser schätzt das Französisch der Belgier nicht gerade hoch und „das ist belgisch“ ist eine bekannte ironische Pariser Redensart. Um so eifriger strebten die belgischen Schriftsteller nach einem in Frankreich gewundenen Ruhmeskranz. Mit Ausnahme des einen Verhaeren haben in der letzten Periode alle belgischen Literaten in dieser Abhängigkeit von Frankreich gelebt. Rodenbach, der seine „Ville Morte“ in Paris veröffentlichte, Maeterlinck und Lemonnier haben die französische Schriftsprache gewählt. Als Herr Calmette, der die Verleumdungen und die Millionen gehäuft hatte, von Frau Caillaux getötet worden war, wurde er von Maeterlinck in einem überschwänglichen Briefe an den „Figaro“ das leuchtende Vorbild un der edelste Vertreter der Standesehre genannt. Immer hatte man den Eindruck, die Brüsseler ständen, von einigen Ausnahmen abgesehen, vor der französischen Haustür und riefen die Wagen heran.

Trotz all diesen Stimmungen, die besonders bei den Gebildeten und den Wohlhabenden seit langem vorhanden waren, hatte mancher gemeint, Belgien werde sich mit einem Scheinwiderstand aus der Affäre ziehen. Aber Lüttich ist mit Hilfe seiner neuen und starken Befestigungswerke und Geschütze hartnäckig verteidigt worden, und nur der Heldenmut dieser deutschen Soldaten, die in Tod und Verderben bis ans Ziel drangen hat den schnellen Sieg zu erringen vermocht. Die Versicherungen, die der deutsche Reichskanzler der belgischen und der englischen Regierung für die Zukunft gegeben hat, waren an Bedingungen geknüpft, die nicht erfüllt worden sind. Die belgische Regierung spielte, als sie der deutschen Armee gewaltsam den Weg versperren wollte, ein höchst gewagtes und verlustdrohendes Spiel. Hat sie darauf gerechnet, die Franzosen würden wie der Wind herbeieilen und die berühmten hunderttausend Engländer würden rechtzeitig zur Stelle sein? Wahrscheinlicher ist, dass sie ihre Hoffnungen mehr auf die englische Diplomatie setzte, die im Augenblick des Friedensschlusses helfen soll. Aber auch diese Hoffnungen sind vielleicht trügerisch. Es ist doch wahrscheinlich, dass die Welt nach dem Ende dieses gewaltigen Krieges etwas anders als vorher aussehen wird.

Belgiens Nachbarland, Holland, hütet mit Wachen an allen Brücken, mit Kanonen auf der Küste und mit Regimentern an allen wichtigen Grenzpunkten seine Neutralität, und der Wunsch, dass Holland dem Kampfe ferngehalten werden könne, wird auf deutscher Seite mit herzlicher Aufrichtigkeit geteilt. Das holländische Volk hat bisher mit einem leisen Misstrauen zu dem großen deutschen Nachbar hinübergeblickt, und es erkennt nun zu unserer Freude, dass seine Bedenken unbegründet gewesen sind. Wenige Tage bevor die erregende Kunde von Österreichs Ultimatum an Serbien Europa durchlief, besuchte ich im Haag den noch blank in seiner Neuheit glänzenden Friedenspalast. Dieses Phantasiegebäude erhebt sich in einem Garten, dessen schmiedeeisernes Tor aus Deutschland stammt. Jede Nation hat dem Palast, der eine kunstgewerbliche Kuriosität ist, ein schönes Geschenk gemacht. Und oben an einer Saalwand prangt, als einziges Herrscherbild, der Zar.