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Ein Abenteurer unter Anklage

Wie sich Frauen betrügen lassen

Ein Heiratsschwindler musste sich für erschlichenes Geld vor Gericht verantworten. Dabei hatte die Anklage so ihre Schwierigkeiten, weil nicht jede der geschädigten Frauen sich auch betrogen fühlte.

Das Schicksal eines Betrügers, der es auf Grund seiner nicht gewöhnlichen Begabung fertig brachte, eine Reihe von abenteuerlustigen Frauen um bedeutende Summen zu schädigen, hat sich gestern erfüllt. Vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts II hatte sich unter der Anklage des Betruges und der unbefugten Führung des Doktortitels der „Schriftsteller“ Franz Hotzen zu verantworten. Der Angeklagte stammte aus einer angesehenen Försterfamilie. Er hat mehrere Semester Medizin studiert, das Studium aber abgebrochen, weil er nach seiner Behauptung sich infiziert hatte und längere Zeit schwer leidend gewesen sei. Dann folgte ein Abstieg von der Höhe in die Tiefe. Und schließlich fristete der Angeklagte, der sich inzwischen mir einem Zimmermädchen verheiratet hatte, sein Leben durch Betrügereien, die er an alleinstehenden Frauen verübte. Es liegt ein ganzes Namensregister von alleinstehenden Frauen bei den Akten, auf die der Angeklagte einen Einfluss ausgeübt hat und deren Mitleid er zu wecken verstand. Er knüpfte mit ihnen Bekanntschaft an, stellte sich als „Doktor Hotzen“ und praktischer Arzt vor, erzählte von einem Unfall, den er auf einer Automobilfahrt angeblich erlitten habe, dass er ganz allein dastehe, und nur dann seine Praxis wieder würde ausüben können, wenn er die Mittel zu längerem Aufenthalt in einem Kurort hätte. Er hatte sich eine romantische Erzählung zurechtgemacht, die ihn doppelt interessant erschienen ließ. Als junger Mediziner habe er in Wien eine ideale Zuneigung zu der Gattin eines Obersten gefasst, dieser habe die Sache aber falsch verstanden und ihn zum Duell gefordert. Er habe dabei seinen Gegner totgeschossen und in Franzensfeste eine fünfjährige Festungshaft verbüßt. Dadurch sei er aus seinem Berufe vollständig herausgerissen worden, seine Nerven und sein Herz hätten diese Schicksalsschläge nicht ausgehalten, und da er auch noch von den Erben des getöteten Oberst mit Geldansprüchen bedrängt werde, so sei er genötigt gewesen, Schulden zu machen, aus denen er gern herauskommen möchte. Diese rührsame Geschichte verfehlte selten ihre Wirkung. Eine Verkäuferin gab dem Angeklagten ohne Besinnen 3000 Mark als Darlehen und will diese Summe voll zurückerhalten haben – Eine Beamtenwitwe lieh im 300 Mark, eine damals 46jährige Privatiere, die auf eine Heiratsannonce hin mit Hotzen in Verkehr getreten war, hat ihm „aus Mitleid“ und weil er „einen überaus günstigen Eindruck“ auf sie machte, 2000 Mark gegeben, die er ratenweise wieder hätte abtragen sollen; eine ältere Dame hat ihm „aus Mitleid“ 500 Mark gegeben, eine andere 700 Mark, eine Witwe, die er im Vorortzug nach Potsdam, kennen gelernt hatte, 1300 Mark; eine Witwe in Heidelberg hat ihn im Lauf der Zeit fortgesetzt mit Geldbeträgen in Höhe von mehr als 10 000 unterstützt; von einer anderen Witwe entlieh er 5000 Mark, auf deren Rückzahlung sie später aus Mitleid verzichtete.

Alle diese Fälle mussten aus dem Strafverfahren ausscheiden, da diese sämtlichen Zeugen sich nicht betrogen fühlten, sondern dabei blieben, dass sie die Geldopfer freiwillig gebracht hätten, um dem armen Mann, der ihr ganzes Mitleid erregt hatte, zu helfen. Zur Anklage stand aber ein besonders merkwürdiger Fall. Eine 60jährige Hauptmannswitwe Frau U., die er auf der Straße sah, imponierte ihm dermaßen durch ihre ganze Erscheinung und ihr weißes Haar, dass er ihr unbemerkt bis zu ihrer Wohnung folgte. Der Herr „Doktor Franz Hotzen“ schrieb dann an sie, und da er sich als „ganz einsam und verlassen dastehender Mann“ gerierte und die Frau Hauptmann sich auch sehr einsam fühlte, so kam es zu persönlichen Zusammenkünften und brieflichem Verkehr.

Vor dem Gerichtsvorsitzenden lag gestern ein Päckchen Briefe, in denen der Angeklagte in überschwänglicher, schwülstiger Weise seine Bewunderung ihres Charakters und ihrer Güte ausdrückte. Gestern erklärte die Zeugin vor Gericht, dass dieses Wesen Lug und Trug und Heuchelei gewesen sei. Sie sei ihm in absolut idealer Weise zugetan gewesen und habe, da er krank und leidend sein wollte, alles mögliche für seine Pflege getan. Aus ihren Mitteln habe er für 70 Mark Sanatogen in kurzer Zeit vertilgt, aus ihren Mitteln sei er nach Baden-Baden gegangen, während sie zu Hause blieb, und erst zu spät habe sie erfahren, dass alles, was er ihr so schön vorerzählte, Unwahrheit gewesen. Die Zeugin hat dem Angeklagten gegen einen Schuldschein 8000 Mark, dann nochmals 2000 Mark und endlich 600 Mark, im Ganzen also 10 600 Mark hingegeben und bis jetzt noch nichts zurückerhalten. Der Angeklagte behauptete, dass er Frau U. das Geld hätte zurückgeben können, wenn er nicht auf deren Strafanzeige plötzlich verhaftet worden wäre. – Nachdem Gutachten des Gerichtsarztes Dr. Marx ist der Angeklagte ein schwer neurasthenischer, psychopathisch veranlagter Mensch. Der Staatsanwalt Assessor Haffert beantragte ein Jahr Gefängnis und zwei Wochen Haft sowie drei Jahre Ehrverlust. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu zehn Monaten Gefängnis und zwei Wochen Haft sowie drei Jahren Ehrverlust. Zwei Monate und zwei Wochen werden als verbüßt erachtet.