Politik > International >

Nach Einnahme von Lüttich

Ein letztes deutsches Friedensangebot von Belgien abgelehnt

Die deutsche Regierung hat Belgien noch einmal versichert, ihre Soldaten nicht in feindlicher Absicht ins Land geschickt zu haben. Doch das aufrichtige Angebot eines Friedens hat Belgien brüsk zurückgewiesen.

Nach der Einnahme von Lüttich hat, wie die halbamtliche „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ mitteilt, die deutsche Regierung durch Vermittlung einer neutralen Macht in Brüssel folgendes mitteilen lassen:

„Die Festung Lüttich ist nach tapferer Gegenwehr im Sturm genommen worden. Die deutsche Regierung bedauerte es aufs tiefste, dass es infolge der Stellungnahme der belgischen Regierung gegen Deutschland zu blutigen Zusammenstößen gekommen ist. Deutschland kommt nicht als Feind nach Belgien. Nur unter dem Zwang der Verhältnisse hat es angesichts der militärischen Maßnahmen Frankreichs den schweren Entschluss fassen müssen, in Belgien einzurücken, und Lüttich als Stützpunkt für seine weiteren militärischen Operationen besetzen müssen.

Nachdem die belgische Armee in heldenmütigem Widerstand gegen die große Überlegenheit ihrer Waffenehre auf das glänzendste gewahrt hat, bittet die deutsche Regierung S. M. den König und die belgische Regierung, Belgien die weiteren Schrecken des Krieges zu ersparen. Die deutsche Regierung ist zu jedem Abkommen mit Belgien bereit, das sich irgendwie mit Rücksicht auf ihre Auseinandersetzung mit Frankreich vereinigen lässt.

Deutschland versichert nochmals feierlichst, dass es nicht von der Absicht geleitet gewesen ist, sich belgisches Gebiet anzueignen, und dass ihm diese Absicht durchaus fernliegt. Deutschland ist noch immer bereit, das belgische Königreich unverzüglich zu räumen, sobald die Kriegslage es ihm gestattet.“

Die darauf am 13. August eingegangene Antwort Belgiens hat folgenden Wortlaut:

„Der uns von der deutschen Regierung unterbreitete Vorschlag wiederholt die in dem Ultimatum vom 2. August formulierte Forderung. Getreu seinen internationalen Verpflichtungen kann Belgien nur seine Antwort auf dieses Ultimatum wiederholen, umso mehr als seit dem 3. August seine Neutralität verletzt und ein schmerzvoller Krieg in sein Gebiet getragen worden ist, und die Garantiemächte loyal und unverzüglich seinem Hilferuf entsprochen haben.“

 

Man kann es nur begrüßen, dass die deutsche Regierung noch einmal, in so warmen und eindringlichen Worten, der belgischen Regierung den Frieden angeboten hat. Man kann es begrüßen, obgleich die Scheußlichkeiten der Franktireurs und das schmachvolle, ehrlose Verhalten der Belgier gegenüber den deutschen Frauen und Kindern hier jede Sympathie für Belgien ausgelöscht haben. Wir hatten immerhin, wie der Reichskanzler im Reichstags offen zugegeben hat, gegen das Völkerrecht gehandelt und die belgische Neutralität verletzt, und daraus erwuchs der deutschen Regierung die Ehrenpflicht, dem Lande, das nun einmal seine Neutralität verteidigt, bis zum Schluss ihre Versöhnlichkeit und ihren Friedenswunsch zu beweisen. Sie tut das in Wendungen, die keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit ihres Wunsches bestehen lassen können. Sie bedauert das Blutvergießen, sie weist jeden feindseligen Gedanken zurück, sie erklärt nochmals, dass Deutschland nicht die Absicht gehabt habe, „sich belgisches Gebiet anzueignen und dass ihm diese Absicht durchaus fernliegt“, und sie bittet die Brüsseler Regierung, Belgien nunmehr, nach so tapferer Wahrung der Waffenehre, die Schrecken des Krieges zu ersparen. Die belgische Regierung hat dieses Friedensangebot kurz und in kühlen Worten abgelehnt. Sie beruft sich darauf, dass sie durch internationale Verpflichtungen gebunden sei und die Garantiemächte England und Frankreich, nicht im Stich lassen könne. Es mag sein, dass der König von Belgien und seine Minister wirklich von dieser Empfindung geleitet werden. Es kann auch sein, dass sie ihre Hoffnungen auf den Beistand der französischen Armee und, vielleicht mehr noch, auf den diplomatischen Beistand Englands im Augenblick des Friedenschlusses setzen. Leider muss man annehmen, dass die Erklärung der deutschen Regierung dem belgischen Volke, ebenso wie den anderen mit uns im Kriege stehenden Völkern, verheimlicht werden wird. Allerdings sind all diese Völker durch die falschen Nachrichten über deutsche Niederlagen derartig verwirrt und irregeführt, dass es höchst fraglich erscheinen muss, ob gegenwärtig eine deutsche Erklärung Eindruck auf sie machen könnte.