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Nach der Mobilmachung

Ein Stimmungsbild aus Stuttgart

Das Stuttgarter Geschäftsleben ist durch den Krieg sehr ruhig geworden. Ganz anders verhält es sich da mit den Bürgern und den Polizisten auf der Straße: Sie schrecken vor wenig zurück, wenn jemand "ausländisch" aussieht.

Aus Stuttgart wird uns geschrieben:

Die Mobilmachung hat das gewerbliche Leben Stuttgarts fast vollständig zum Stillstand gebracht. Nach amtlichen Mitteilungen in der Stuttgarter Presse sind bereits 30 000 Einwohner Stuttgarts, darunter 15 000 Familienväter, zum Kriegsdienst einberufen. Die meisten Fabrikbetriebe stehen still oder suchen mit kleiner Arbeiterzahl den Fortgang der Produktion aufrecht zu erhalten. Am schwersten sind die Handwerker und kleinen Industriellen getroffen, ebenso die kleinen Geschäftsleute. Nur die Lebensmittelgeschäfte haben Hochkonjunktur. Sehr segensreich wirkt der Konsumverein, der den größten Teil der Bevölkerung mit Brot versorgt. Trotz der scharf gestiegenen Mehlpreise hält er noch am alten Brotpreis fest und zwingt so die Bäckermeister, das gleiche zu tun. Dem Lebensmittelwucher der Bauern und Markthändler tritt die Behörde mit anerkennenswerter Entschiedenheit entgegen. Die Preise für Frühkartoffel waren bereits um 100 Proz. in die Höhe getrieben. Die Drohung mit sofortiger Konfiskation bewirkte, dass man sie wieder zum alten Preis haben kann. Auch gegen Hausbesitzer, die den zum Kriegsdienst Einberufenen die Wohnung kündigen, geht das Generalkommando mit rücksichtsloser Energie vor. Die Anwälte Stuttgarts haben zudem beschlossen, Austreibungsklagen nicht anzunehmen.

Die Stadt hat eine umfassende Hilfsaktion für die Familien der Reservisten und Landwehrleute organisiert. Unterhalts- und Fürsorgebedürftige Kinder werden auf Kosten der Stadt verpflegt. Ein großer Teil dieser Arbeit liegt in den Händen der sozialdemokratischen Gemeindevertreter, soweit sie nicht zum Dienst eingerückt sind, in allen Bezirken der Stadt haben sich Frauenhilfsgruppen unserer Genossinnen gebildet, die wiederum einem Zentralkomitee unterstehen. Sie arbeiten mit dem städtischen Hilfskomitee Hand in Hand. Die vier Waldheime der Stuttgarter organisierten Arbeiterschaft mit ihren Spielplätzen, Unterkunftsräumen usw. sind den Familien der Reservisten und Landwehrmänner zur Verfügung gestellt. Brot und Getränke werden an die Kinder unentgeltlich abgegeben.

Über die Hälfte der Mitglieder des Sozialdemokratischen Vereins steht unter den Fahnen. In manchen Bezirken sind fast alle Ausschussmitglieder, Vertrauensmänner und Einkassierer einberufen worden. Unsere Alten und die Frauen haben an deren Stelle die Parteiarbeit übernommen. Rechtzeitig vor der Mobilisation waren alle notwendigen Maßregeln zur Fortführung der Geschäfte getroffen. Mit ruhigem Ernst hat die organisierte Arbeiterschaft das Unvermeidliche hingenommen. Anders das Bürgertum. In unverantwortlicher Weise suchte die bürgerliche Sensationspresse die chauvinistischen Leidenschaften aufzustacheln und „Kriegsbegeisterung“ zu fabrizieren. Ein klassisches Dokument dieser Zustände ist der Tagesbefehl des Stuttgarter Polizeidirektors Dr. Bittinger an die Schutzmannschaft, den der „Vorwärts“ ja bereits wiedergegeben hat.

Die Veröffentlichung dieses Dienstbefehls in den Tageszeitungen Stuttgarts hat die erhitzten Wirrköpfe einigermaßen abgekühlt. Wie toll solch gemeingefährliche Müßiggänger – wie der Polizeidirektor die Schuldigen richtig charakterisierte – gegen harmlose und durchaus unverdächtige Menschen vorging, zeigt ein Erlebnis des stadtbekannten Hofschauspielers Georg Stiegert, der in den Tageszeitungen folgende Darstellung veröffentlichte:

„Eine Stunde vor meiner Einrückung sende ich Ihnen diese Zeilen mit der Bitte, darüber zu urteilen!

Ich bin guter Deutscher und kämpfe als Kriegsfreiwilliger Feldartillerist im Regiment … Bei meinen letzten Vorbereitungen in der Stadt wurde ich vielfach verhaftet, und trotzdem viele mich als Schauspieler Stiegert erkannten und ich mich ausweisen konnte, ließ man mir keine Ruhe – wegen meines ausländischen Aussehens. Ich trage das Haar militärisch kurz, war in Begleitung einer jungen Dame aus einer ersten hiesigen Bürgersfamilie. Die Dame verhaftete man „als Spionin“!

Nun ging die Hetze los. Schutzmannschaft konnte nicht genügen. Das Publikum schrie: „Das ist ein Schauspieler? Das ist kein Schauspieler mehr, das ist a Ruß, a Spion, schießt ihn nieder, schießt sie zusammen!“

Stöcke flogen gegen mich. Faustschläge sausten mir an den Kopf – es ging so weit, dass man Revolver gegen mich zog. Dank eines Schutzmanns, der nur immer rief: „Er ist ein Bürger!“ (doch die Menge glaubte es nicht), kam ich in eine der drei Wachtstuben am Bahnhof.

Nach stundenlanger Verfolgung kam ich daheim an. Ein Fußtritt in den Unterleib, den ich vorher mit der liebenswürdigen Bemerkung: „Da, du ausländischer Hund!“ bekommen hatte, machte mich körperlich haltlos. Ich hatte oft unterwegs um Bedeckung gebeten, Polizisten angerufen, sie halfen mir nicht. Die Menge glaubte nun im Recht zu sein, und umso stärker zog man gegen mich.

Die ganze Sache hatte zur Folge, dass ich daheim zusammenbrach und einen starken Krampfanfall erlitt. Herr Sanitäter Weil leistete mir durch eine Morphiumeinspritzung Hilfe. Ich bin in schlechtem Zustand. Trotzdem fahre ich nach …, weil ich weiß, was eines guten Deutschen Pflicht ist. Herr Sanitätsrat Weil, Olgastraße, der diese rohe Art aufs strengste verurteilte, will selbst noch öffentlich sprechen.

Sehen Sie, soweit geht es! Trotzdem man wusste, ich bin kein Spion, schlug man mich – aus Sensation! Dazu ist Zeit!

Es sind noch Reden gefallen, u.a., warum solche „Bande“ am Theater wäre usw. Ich erwähnte nicht alles. Es ist keine Zeit, zu klagen – nur warnen möchte ich, dass man nicht so weiter verfährt.

Georg Stiegert.“

So etwas musste man in Deutschland, ja im gemütlichen Schwabenländle erleben – und da entrüstet man sich über Belgien!

Die sinnlose Furcht scheint auch etliche Zivilbehörden angesteckt zu haben. So wurde das Haus der Genossin Zetkin längere Zeit durch „Bürger“ mit Schießprügeln bewacht. Diese Leute lebten offenbar der „guten Hoffnung“, russische „Spione“ fangen zu können. Die Arbeiterschaft war über diese Maßregel gegen die Genossin Zetkin derart erbittert, dass ein Unglück unausbleiblich gewesen wäre, wenn die betreffende Behörde die Bewachung nicht schleunigst aufgehoben hätte“ Allem Anschein nach hat eine öffentliche Erklärung der Genossin Zetkin mit dazu beigetragen, dass das Generalkommando der „nachgeordneten Instant“ den Standpunkt klar gemacht hat.