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Das Deutsche - tief im Feindesland

Ein Streifzug in Feindesland

Auf dem Weg nach Lüttich begegnet uns Grausames und Trostlosigkeit - aber es gibt auch Grund zur Hoffnung.

Von der deutschen Grenze nach Lüttich. – Der Franktireurkrieg der Wallonen. – Die Wirkung der deutschen Artilleriegeschosse. – In der deutschen Stadt Lüttich.

Von

Dr. Paul Grabein.

Bald nachdem man den Aachener Stadtwald, mit seinen herrlichen Tannen und Buchen, auf sanftem Höhenzug, überschritten hat, wendet sich die Straße, der auch unsere Truppen bei ihrem Vorschub auf Lüttich gefolgt sind, der belgischen Grenze zu. Sie führt zumeist auf einem Höhenrücken dahin, von dem aus das Auge frei und ungehindert in die weiten Talgründe zur Rechten und Linken schaut. Eine überaus fruchtbare Landschaft, die an Holstein erinnert mit ihren saftig grünen Weiden, von dichten Hecken eingesäumt. Hier und da ragen kleine Gehölze auf, die irgendeinen alten befestigten Herrensitz schattend umhegen. Bald hinter der Grenze beginnen auch die Ortschaften, langgestreckte Industriedörfer – der Bergbau ist hier bekanntlich ja zu Hause – deren Häuser die Straßen von beiden Seiten fast unausgesetzt einschließen. Also ein Gelände wie geschaffen zum Kleinkrieg. Und dazu die selbst in Friedenszeiten bei jedem Kenner des Landes verrufene wallonische Bevölkerung! Kein Wunder denn, dass gerade hier der Heckenkrieg mit allen seinen Schrecken eingesetzt hat.

Die Spuren davon drängen sich dem Beschauer auch nur zu bald auf, sobald er die letzten deutschen Häuser hinter sich gelassen hat, die die schwarzweißrote Fahne als solche kenntlich macht. Gleich die erste Ortschaft, die man dann auf der Straße passiert, Henri Chapelle, ist dem gerechten Strafgericht zum Opfer gefallen. Aus allen Häusern heraus hatten hier heimtückische Flinten- und Revolverschüsse unsere durchziehenden Truppen überfallen. Ja selbst von der Kirche her kam das mörderische Feuer. So wurde dann bei der Vernichtung auch das Gotteshaus nicht geschont. Trostlos ist sein Anblick mit dem zerschmetterten Turm und dem zertrümmerten Hauptschiff, von dem nur noch die hochragenden Wände stehen. Wie in einem seltsamen Wunder ist zwischen dem durchlöcherten ersten und dritten Stockwerk des Turms ein Mittelstück unversehrt geblieben, an dem sich gerade die Statue der Maria, der Schutzpatronin der Kirche, befindet. Gläubige Seelen mögen auch dieser Verschonung des Muttergottesbildes vielleicht einen Anlass nehmen, hier an eine waltende höhere Hand zu glauben. Wie erbittert der Widerstand der Dorfbewohner war, das beweisen nicht nur die Brustweheren aus Matratzen und Möbeln oder sandgefüllte Säcke, die man bezeichnenderweise übrigens neben der ausgesteckten weißen Fahne in den Fenstern findet (!), sondern auch der Zustand der Chaussee. Allenthalben waren hier tiefe Gräben quer über den Weg aufgerissen, mächtige Baumstämme über die Straße gewälzt und Barrikaden von Pflastersteinen aufgeworfen worden. All diese Hindernisse haben aber den Aufmarsch unserer Truppen nicht aufhalten können. Die in Automobilen vorausgeschickten Pioniere haben im Handumdrehen all diese Hindernisse beseitigt, so dass die ihnen gleichfalls in Autos folgenden Truppenmassen den Belgiern eben ganz unerwartet über den Hals kamen.

Ypres in Trümmern Quelle: World War Tours

Ypres in Trümmern
Quelle: World War Tours


Ein schauerlicher Kontrast bilden diese verstohlenen Ortschaften, über denen noch der widerliche, kalte Brandgeruch lagert und aus denen hier und da ein Verwesungsgeruch aufsteigt, die Kadaver verreckter Pferde im Chausseegraben, verbrannte und zertrümmerte Automobile, zu dem tiefen Frieden der Landschaft ringsum, den ruhige weidenden Rinderherden auf den Wiesenkämpen. Man kann es da immer wieder noch nicht fassen, wie in diesem Frieden so plötzlich die Kriegsfurie hereinbrechen konnte. Aber dem Grauen gesellt sich alsbald der heilige Zorn über die frevelhaften Anstifter dieses Kriegsbrandes, der wie hier so über zahllose andere Gaue deutscher, belgischer, französischer und russischer Erde seine blutigen Schrecken wälzt.

Dasselbe Bild bietet sich noch ein zweites, ein drittes und viertes Mal auf dem Wege nach Lüttich. Und ebenso beweisen uns die Rauchwolken, die wir tief drunten im weiten Tal nach Visé aufsteigen sehen, dass auch dort der heimtückische Widerstand der Zivilbevölkerung unsere Truppen zu diesen Schutz- und Strafmaßnahmen gedrängt hat. Es ist ja schon genügsam über die in Belgien verübten Gräuel geschrieben worden. Ich kann nur bestätigen, dass mir von zahlreichen Augenzeugen, von Offizieren und Mannschaften, die an diesen Kämpfen teilgenommen hatten, alle diese Gräuel bestätigt worden sind. Ja, es wurde mir glaubwürdig versichert, dass der größte Teil unserer Verluste auf dem Vormarsch nach Lüttich gerade durch die heimtückischen Überfälle der Dorfbevölkerung verursacht worden ist. Und diese haben sich bis in diese letzten Tage hinein wiederholt. Also selbst die furchtbaren Strafgerichte an den Frevlern haben nicht vermocht, den blinden Fanatismus in diesem Teil der belgischen Bevölkerung auszurotten.

So führt unser Weg durch die niedergebrannten Orte dahin, die vordem von betriebsamen Leben gewimmelt haben mögen. Einmal passierten wir einen Bahnhof. Tot und verlassen liegt er jetzt da mit seinen Stationsgebäuden, dem Güterschuppen und den umgestürzten Waggons auf dem Gleise, wo jetzt ein preußischer Landwehrmann gemütlich seine Pfeife rauchend Wache hält. Dasselbe Bild der Verlassenheit bieten auch die vereinzelten Häuser, die am Wege verschont geblieben sind. Wie ausgestorben liegen sie da. Auch kein Mensch sonst zu sehen, weit und breit. Wo mögen all die Tausende sein, die einst hier Obdach und Nahrung gefunden haben? An einem der zerschossenen Häuser, dessen Haustür von Kolbenstößen zerschmettert, dessen Fensterscheiben durchlöchert sind, vor dessen Schwelle wüst durcheinander geworfene Möbeltrümmer übereinander liegen, lehnt in einem Fensterwinkel ein verlassener kleiner Puppenschirm, den eines Kindes spielende Hand hier im Grauen der großen Zerstörung hat stehen lassen. Seltsam fröstelnd streicht es einem über die Seele hin. In manchen der Häuser brennt es immer noch. Dem brenzlichen Geruch gesellt sich nicht selten, aus einem Kellerloch aufsteigend, ein widerwärtiger Verwesungshauch. Vielleicht liegt dort noch ein vergessener Franktireur. Hin und wieder zeigen sich in der Nähe der Häuser auf den Wiesenflächen frisch aufgeworfene Erdhaufen. Sie bergen wohl die Opfer, die der Kampf der entfesselten Furie hier forderte. Dann wieder fällt der Blick auf den Kadaver eines Pferdes im Chausseegraben. Unheimlich starr recken sich die Beine in die Luft, der Leib ist grauenhaft aufgebläht.

Nun ein verbranntes Auto, von dem nur das verborgene und verrostete Choffis zu sehen ist. Dann ein zerschmetterter Munitionswagen. Ein vergessener Tornister, – wo mag sein Träger sein? Am Ende eines dieser dem großen Schweigen verfallenen Dörfer steht am Straßensaum ein kleines Bildstöckel. Um den Leib des Heilands am Kreuz hat irgendwer einen schwarzen Trauerflor gebunden. Und abermals schneidet einem der Anblick tief in die Seele. Eine Ausnahme von der Verwüstung, die ringsum allem den Stempel aufgedrückt hat, mahnt nur ein Kloster, von dessen Zinne die Fahne mit dem roten Kreuz weht. Es beherbergt jetzt Verwundete. Belgier und Deutsche, friedsam nebeneinander.

Nur eine Ortschaft ist von dem gerechten Strafgericht verschont geblieben. Die Bewohner hatten wohl gelernt von dem Schicksal der anderen. Stumm sitzen die Leute hier auf den Schwellen ihrer Häuser. Scheue, verstörte Blicke treffen uns, den langen Zug rasselnder Militärautomobile, die jetzt diese Straße beherrschen zu jeder Tag- und Nachtstunde dahinsausen in wilder Hetzjagd, bald Meldungen überbringend, Offiziere an ihren Bestimmungsort geleitend, bald aber auch wieder in den Dienst des Roten Kreuzes gestellt, das unablässig leichter Verwundete zurückbefördert nach Aachen in die dortigen Krankenhäuser. Männer und Frauen begegnen uns dann weiterhin auf der Straße. Ein Bündel in den Händen, das wohl ihre ganze Habe darstellt, gesenkten Hauptes gehen die Männer an und vorüber. Ihr Blick meidet die Überwinder. Aber aus den Augen der Weiber schießt es nicht selten zu uns herüber in heimtückischem wilden Aufblitzen. In diesen Gesichtern steht nur allzu häufig eine grauenhafte Brutalität, ein nur schlecht verhehlter Fanatismus. Wer diese Leute mit eigenem Auge gesehen, traut ihnen leicht als die Gräuel zu, von denen man hier auf Schritt und Tritt hört.

Dann nähern wir uns dem ersten Forts, die in weitem Gürten die Stadt Lüttich einschließen. Jetzt ist es freilich nur noch ein einziger, riesiger, wild zerstampfter Lehmhaufen. Deutsche Granaten haben diese Verwüstung angerichtet. Aber dass es wohl nur unter Opfern gelang, dieser Befestigung gänzlich Herr zu werden, das beweist der Anblick des niedergetretenen und zerwühlten Geflechts von Stacheldrähten, der die zerstörten Batterien rings umgibt. Todesmutig, nur allzu tollkühn sind unsere Leute hier vorgestürmt. Wie ich aus Soldatenmund selber erfuhr, wartete man das Vorgehen von Mannschaften, mit Gummihandschuhen und Scheren ausgerüstet, nicht erst ab, sondern stürmte so drauflos, im lodernden Verlangen, an den Feind zu kommen. Mach wackeren deutschen Streiter hat da der heimtückische Draht getötet, der mit hochgespannter Elektrizität geladen war, oder die verborgene Mine, die sich unter seinem ahnungslosen Tritt entlud. Ihre verheerende Wirkung lassen uns die hier noch sichtbaren, tief ausgewühlten Gräben ahnen, die sich langgestreckt zwischen den Stacheldrähten zeigen, während die einfallende Granate jedes Mal ein rundes, trichterförmiges Loch in das Erdreich gerissen hat.

Bald wird uns nun auch die Stadt Lüttich selbst sichtbar. Sie liegt in einem weiten Talkessel, rings von grünen Höhen umschlossen, auf deren Rücken sich die Forts befinden. Zwischen ihnen hindurch ging der kühne Vorstoß unserer Truppen, die sich so der eigentlichen Stadt durch einen Handstreich bemächtigten. Vergebens suchte alsbald Artilleriefeuer von den Forts her dieses Eindringen aufzuhalten. Vergebens war auch die Sprengung der schönen, massiven Brücke über die Maas, von der heute mir noch die beiden Brückenköpfe und der riesige Trümmerhaufen des Mittelpfeiler aus dem Wasser ragen. Unsere Truppen ließen sich durch diese Maßnahmen keinen Augenblick aufhalten. Rasch wurden eine Anzahl Lastkähne nebeneinander gelegt und si die Maas von neuem überbrückt, ohne dass das feindliche Feuer überhaupt einmal den Brückenbau getroffen hätte.

Die Stadt Lüttich bietet heute einen vollkommen militärisch-deutschen Anblick. Überall deutsche Posten, die den Schutzleuten den Straßendienst abgenommen. Deutsche Militärautomobile rasseln durch alle Straßen, Patrouillen kommen mit klappernden Hufen geritten, mit klingendem Spiel zieht eine Abteilung Infanterie durch die Straßen, lange Munitionskolonnen rasseln vorüber zur Stadt hinaus, den Kameraden nach, die schon weiter vorgedrungen sind in Feindesland. Aber das Hauptgewimmel herrscht vor dem Justizpalast, der jetzt das deutsche Gouvernement und die Kommandantur beherbergt. Es ist ein prachtvoller aller Palast, der einst den Fürstbischöfen als Residenz gedient hat. In dem Ehrenhof nach der Straße zu hat die deutsche Hauptwache ihr Lager aufgeschlagen, durch ein Gitter von der Straße getrennt. Lange Reihen von Gewehrpyramiden und Tornistern, auf denen die Mannschaften nun ihr Haupt zur Ruhe betten, ungestört vom Straßenlärm. In dem mächtigen Innenhof aber, den schöne gotische Spitzbogengänge umrahmen, steht der Autopark der Kommandantur. An der einen Seite hat auch die Feldpost ihr Quartier gefunden, auf Strohschütten liegen und stehen die schnaubenden Pferde, mit dem Degen bewehrte Postbeamte, die Unterbeamten den Karabiner über der Schulter, laufen eilig hin und her, ein klirrendes, lärmendes, soldatisches Treiben, so echt deutsch und doch tief drinnen im Feindesland wahrlich das Herz schlägt einem höher auf!