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Judenfeindliche Artikel

Eine „Wandervogel“-Flugschrift unter Anklage

Ein Berliner Jurastudent musste sich vor Gericht verantworten, weil er antisemitische Texte geschrieben und herausgegeben haben soll. Er selbst konnte in seinen Artikeln allerdings keinen Antisemitismus erkennen.

Die Ablehnung der Juden als Mitglieder des „Wandervogel“ hatte eine Anklage gegen den Rechtskandidaten Otto Herrmann in Charlottenburg, der unter dem Pseudonym Paul Erlach schriftstellerisch tätig ist, zur Folge. Die zweite Strafkammer des Landgerichts III hatte gestern gegen ihn eine Anklage wegen Beschimpfung der jüdischen Religion zu verhandeln. Der Angeklagte gab eine Flugschrift unter dem Titel „Der Wandervogel deutsch! Blätter für entschiedenes Deutschtum“ heraus, die unter den „Wandervogel“-Führern verbreitet wurde. In der am 13. September verbreiteten Nummer waren Artikel enthalten, die zu der vorliegenden Anklage geführt haben.

Unter der Überschrift „Jüdische Selbstbekenntnisse“ wurden „Lichtstrahlen“ aus dem Talmud aungeführt, die beweisen sollen, daß nach dem Talmud dem Juden alle möglichen Schlechtigkeiten gegenüber dem Nichtjuden erlaubt seien, der christliche Gott der „Oberste Teufel“ genannt werde usw. usw. In einem anderen Artikel „Urteile aus vier Jahrtausenden“ wurden Urteile großer Deutschen über das jüdische Volk zusammengestellt, darunter Urteile des bekannten Th. Fritsch über den alttestamentarischen Judengott Jahwe (Jehova), in denen eine Gotteslästerung erblickt wird.

Der Angeklagte erklärte hierzu: Die Gruppe des Wandervogels, der er angehöre, unterscheide sich dadurch von anderen, daß sie etwas tiefer in den Sinn der deutschen Heimat eindringt und das deutsche Volkstum pflegt; deshalb sei es für ihn selbstverständlich, daß nur Geburtsdeutsche Aufnahme finden sollen, die ein vertieftes Heimatsgefühl haben, nicht aber Personen, deren Vorfahren nie einen Spatenstich in deutscher Erde getan haben. – Er bestreite, daß in den Artikeln eine Beschimpfung der jüdischen Religion enthalten sei; der alttestamentarische Judengott Jehova sei nicht mehr der Gott des heutigen Judentums. Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Böttcher-Budstedt beantragte die Verlesung des Beschlusses des Leipziger Landgerichts, durch das seinerzeit das Verfahren gegen Th. Fritsch eingestellt worden ist. Die Einstellung erfolgte auf Grund eines ausführlichen Gutachtens des Geheimen Kirchenrats Professor Dr. Kittel und anderer Gutachten. Der Verteidiger beantragte, die Verhandlung zu vertagen und die in den Akten Fritsch enthaltenen Gutachten des Geheimen Rats Dr. Kittel, des Professors Meinhold, Bonn, des Professors Dr. Behr, Heidelberg und des Privatdozenten Kahle, Hall a.S. auch für diesen Prozeß heranzuziehen. – Der Gerichtshof beschloß, diesem Antrage entsprechend, die Verhandlungen auszusetzen und zur Vorbereitung der Entscheidung Gutachten von Sachverständigen einzuholen. Über den Umfang der Beweisaufnahme und die Auswahl der Sachverständigen behielt sich der Gerichtshof weitere Beschlüsse vor.