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Ein Sittenbild aus den USA. Sprachunterricht und die Anti-Saloon-Liga

Einiges über die Deutschen in Amerika

Verschwindet die deutsche Sprache aus den amerikanischen Schulen? Sinkende Einwandererzahlen aus Deutschland machen den Weg frei für andere Sprachen, wie Französisch, Spanisch und Polnisch. Es gibt kaum Gegenwehr.

Unsere Leser

bitten wir, die „Kreuz-Zeitung“ für das nächste Vierteljahr recht bald zu bestellen, damit in der Zusendung keine Unterbrechung eintritt.

Ein genauer Kenner der amerikanischen Verhältnisse schreibt uns:

In den öffentlichen Elementarschulen der Stadt New York ist bis vor kurzer Zeit in den oberen Klassen fakultativer Unterricht in der deutschen Sprache erteilt. Man begründete dies mit der überaus großen Zahl deutscher Einwanderer, die sich in New York niedergelassen hatten. Nicht nur für ihre Kinder, sondern auch für die anderen Einwohner, dich doch vielfach gezwungen waren, mit den Deutschen zu verkehren, erschien daher einige Kenntnis der deutschen Sprache erwünscht, und so gab es Schulen, in denen fast alle Kinder an dem deutschen Unterricht mit teilnahmen.

In den letzten Jahren änderte sich die Situation. Die Zahl der deutschen Einwanderer nahm reißend ab und so verminderte sich auch für die alten deutschen Einwohner die Gelegenheit, Deutsch zu sprechen und die Anglifizierung machte schnelle Fortschritte. Schließlich kam es so weit, dass sogar viele deutsche Eltern ihre Kinder an dem deutschen Sprachunterricht nicht mehr teilnehmen ließen, und da beschloss der Schulrat eine Änderung.
Der deutsche Unterricht, der bis jetzt einige Jahre dauerte, wurde in eine neugegründete Oberklasse (Selekta) verlegt und im übrigen abgeschafft; zugleich wurde aber bestimmt, dass fortan nicht nur im Deutschen, sondern auch im Französischen, Spanischen und Polnischen fakultativer Unterricht gegeben werden sollte. Es ist charakteristisch, dass dieser Beschluss in den meisten deutschen Kreisen New Yorks ziemlich gleichmütig hingenommen wurde und nur bei wenigen Entrüstung erregte.

Vor einigen Monaten wurde noch ein letzter Versuch gemacht, den deutschen Unterricht in der früheren Form wieder zu beleben und dieser ging merkwürdigerweise von einer angloamerikanischen Schulvorsteherin, Miss Marn Lyles aus. Sie beantragte, den deutschen Unterricht, der jetzt, wie schon oben dargelegt, nur im letzten Schuljahr erteilt wird, bereits 3 Jahre früher beginnen zu lassen, da nur auf diese Weise etwas Ordentliches erreicht werden könne.
Der New Yorker Schulrat beriet über den Antrag und beauftragte eine deutsche Schulkommissarin (Vorgesetzte von Lehrerinnen) damit, zu berichten, ob es angebracht sei, diesem Antrage nachzugeben. Die Dame kam, revidierte die Schule und berichtete sodann, das Englisch sei so mangelhaft, dass die für das Deutsche bestimmte Zeit lieber auf den englischen Unterricht verwendet werden solle. Als der Schulrat sodann über das Gesuch beriet, lehnte er es auf Grund dieses Berichtes natürlich ab, zumal der Referent noch hinzufügte, dass sonst noch die Einstellung einer weiteren Lehrkraft für den Unterricht im Deutschen erforderlich sei.
Dieser koste 1100 Dollar (4500 Mark), eine Summe die bei einem 30 Millionen Dollar Budget zwar nicht ins Gewicht falle,, aber doch nicht zu verausgaben sei, wenn der deutsche Unterricht nach dem Bericht der Kommission nutzlos sei. Es ist unglaublich, dass eine deutsche Dame einen solchen Vorschlag machen konnte, aber sie sagt, in Amerika sei auch für deutsche Kinder das Englische wichtiger als das Deutsche. Dabei lernen sie das Englische doch von selber, auch ohne Schulbesuch.

Nun ist eben der New Yorker Staatskonvent des Deutschamerikanischen Nationalbundes zusammengetreten und hier hat der Hilfssuperintendent der öffentlichen Schulen von New York, Dr. Gustav Straubenmüller, eine prächtige Rede gehalten über die Notwendigkeit der Erhaltung des Deutschtums unter den Deutschamerikanern. Er klagte sehr über den steigenden nationalen Indifferentismus der deutschen Bevölkerung der Metropole. Statt sich zu dem im achten Schuljahre stattfindenden deutschen Kursus zu drängen, benutze nur ein kleiner Prozentsatz von den Kindern der eine Million oder mehr zählenden Bevölkerung deutscher Abstammung die vorteilhafte Gelegenheit, die deutsche Sprache leicht und schnell zu erlernen. Diese deutschen Kinder gignen so eines Vorteils verlustig, den sie sich durch ganz geringe Arbeit und Anstrengung verschaffen könnten. Sie verlören die Chancen für Beförderung und bessere Bezahlung.

Der Herr Superintendent hat ganz recht; es ist nur traurig, dass er die materiellen Vorteile in die erste Reihe stellen muss, um zur Erfüllung einer nationalen Pflicht anzuregen.
Weiter sagte er, die Deutschen könnten nicht erwarten, dass andere in enthusiastischer Weise für den deutschen Unterricht in den öffentlichen Schulen einträten, wenn der Deutsche selbst dessen Wert nicht zu würdigen wisse. Er legte dar, wie traurig es in dieser Beziehung bestellt sei. Der Vater oder die Mutter brauchten nur ihren Namen auf ein Formular zu setzen, wo der Wunsch ausgedrückt werde, dass ihre Kinder auch im Deutschen unterrichtet würde, und es geschehe sofort kostenlos aber nicht einmal diese Unterschrift könne man von ihnen bekommen. So spricht ein hochgestellter Schulbeamter der Stadt New York, der auch darauf hinwies, dass der Schulrat sein Wohlwollen für die Deutschen durch Ernennung eines Deutschen, J. Hülshoff, für die Beaufsichtigung des Unterrichts in den modernen Sprachen eingesetzt habe. Die jetzige Stadtverwaltung von New Yorkist überhaupt deutschfrendlich, was sich einfach dadurch erklärt, dass der Mayor, John Burron Mitchel, ein Irländer ist. Wenn es trotzdem mit dem deutschen Unterricht in den New Yorker Schulen zurückgeht, so liegt die Schuld lediglich an den Deutschen selbst. Ein Deutschamerikaner hat uns einmal gesagt, es würde vielleicht besser werden, wenn das Deutschtum und die deutsche prache in Amerika einmal verfolgt würde, aber dazu sei auf Grund der bestehenden Gesetze keine Aussicht.

Weit kräftiger und geschlossener als für den deutschen Unterricht tritt das amerikanische Deutschtum gegen die „nationale Prohibition“ ein. Hier zeigt sich glänzend, welcher Energie die Deutschen fähig sind und wie sie zu kämpfen verstehen. Es ist nämlich mit der Möglichkeit zu rechnen, dass die Poläne der Temperenzler Erfolg haben und im Kongress ein Gesetz durchgebt, welches die Fabrikation und den Verkauf aller alkoholischen Getränke in den Vereinigten Staaten verbietet. Um das radikal durchzuführen, wird freilich ein Verfassungsamentement nötig sein, zu dessen Annahme in beiden Häusern des Kongresses eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist. Aber auch ohne Änderung der Verfassung würde die „Prohibition“ in der Hauptsache durchzuführen sein. Die amtlichen Kreise sind ihr ebenfalls günstig gestimmt. Der Marineminister Daniels hat eine Verordnung erlassen, welche vom 1. Juli an den Alkoholgenuss in der ganzen Marine verbietet. Auch in den Offiziersmessen wird der herkömmliche Alkoholgenuss vollständig untersagt. Der Minister erklärt dabei, die trübste Erscheinung in seiner amtlichen Tätigkeit sei die Bestrafung eines Offiziers oder Seemanns wegen Trunkenheit. Ein Offizier habe aus diesen Grunde durch kriegsgerichtliches Urteil aus dem Dienst entlassen werden müssen, obschon er früher berauschende Getränke nicht einmal versucht habe, bis er in der Offiziersmesse dazu förmlich gezwungen sei.
Die Regierung dürfe solche Versuchungen nicht zulassen, welche oft die höchste Nützlichkeit junger Offiziere zerstöre, denn wenn in irgend einem Beruf ein klarer Kopf und eine sichere Hand nötig sei, so sei es dieser. Der Generalarzt Breisted bekundet dasselbe. Er sagt, dass Alkoholgenuss die Seeleute korrumpiere. Das Trinken beruhe auf Sitten, die sich überlebt hätten.

Übrigens ist in den Offizierskreisen der Genuss von Schnäpsen aller Art schon sowieso verpönt. Es wird nur Wein und zuweilen Bier getrunken. Die Seeoffiziere fürchten, dass sie bei Gelegenheiten, wo sie mit Offizieren anderer Nationen zusammentreffen und wo gegenseitige Einladungen üblich sind, in peinliche Verlegenheit kommen würden, wenn sie fremde Offiziere als Gäste hätten und diesen nichts als Wasser vorsetzen dürften. Die Marine zeigt sich daher über den Erlass sehr unzufrieden; dafür wurde der Minister durch einen Beschluss der Synode der methodisitischen Episkopatkirche getröstet, welche ihm den lebhaftesten Glückwunsch spendet und ihn einen „wahrhaft christlichen Staatsmann“ nennt.

In der New Yorker Legislatur ist auf Betreiben der Ani-Saloon-Liga eine Bill eingebracht, welche bestimmt, dass bis zur Einführung der nationalen Prohibition vorläufig jede Schnaps-, Bier- und Weinflasche mit dem Giftzeichen (Totenkopf und gekreuzte Knochen) versehen sein muss. Darüber soll die Inschrift angebracht werden: „Dieses Präparat (!) enthält Alkohol, ein zum Gewohnheitsneuss verleitendes, errengendes und narkotischen Gift“.
Gegen diese Gesetzgebung machen nun die Deutschen ohne Unterschied der Parteistellung mit aller Kraft mobil. Ein Aufruf des „Deutschamerikanischen Nationalbundes“ wandte sich an alle liberal gesinnten Bürger und beschwor sie, dem Kongress sofort Protestrevolutionen einzusenden, was denn auch in zahllosen Fällen geschehen ist. Ein besonderer Aufruf an die Deutschen trägt die Überschrift: „Stammesgenossen“ und lautet:

„Noch nie in der Geschichte der Vereinigten Staaten sind die persönlichen Rechte des Bürgers mehr gefährdet gewesen, und noch selten hat unser Land vor einer größeren Krise gestanden, als zur Zeit. Nichts Geringeres als „Nationale Prohibition“ soll hier eingeführt werden.
Man will eine der blühendsten und ältesten Industrien des Landes,, in der Milliarden von Dollars angelegt sind, auf einen Schlag zerstören; man versucht, Millionen von gut bezahlten Arbeitern den Lebensunterhalt zu entreißen. Dieser Anschlag auf die freien Institutionen unsres Landes ist so phänomenal und so weittragend, dass man sich unwillkürlich fragen muss: „Wie ist so etwas nur möglich?
Ja, es ist möglich, sogar wahrscheinlich, wenn nicht das gesamte liberale Bürgertum wie ein Mann sich erhebt, im Repräsentantenhause und im Senat seine Stimme dröhnend erschallen lässt und ruft: „Bis hierher und nicht weiter!“.
Wir Deutschamerikaner dürfen nicht gestatten, dass wir des Rechts der Selbstbestimmung beraubt werden, und dass das amerikanische Volk eine Nation von Heuchlern wird.
Bis jetzt hat der Deutschamerikanische Nationalbund diesen Kampf allein geführt, nun aber muss ein jeder, der sich noch zum Deutschtum zählt und genügend Mannesmut besitzt, offen und laut gegen diesen Unfug protestieren.

Deshalb, deutsche Männer, wo immer ihr seid, aber bisher dem Nationalbunde fern standet, tretet heraus aus dem Schmollwinkel und helft uns in diesem Kampfe. Schließt euch uns an und tut mit uns eure Schuldigkeit! Protestiert auf das entschiedenste bei euren Vertretern im Kongress und im Senat, sowie bei den Vorsitzern der Justizausschüsse. Veranstaltet Waffenversammlungen in den Städten oder wo immer es möglich ist, und gebt euren Protesten die weitestgehende Verbreitung. Nochmals ihr, die ihr uns ferne steht, kommt zu uns!“

Wir haben diesen Aufruf hier wörtlich wiederzugeben für gut befunden, weil er von der offiziellen Hauptvertretung der Deutschamerikaner ausgeht und in der Leidenschaftlichkeit seiner Sprache zeigt, wie groß die Erregung ist.

In Philadelphia, Cincinnati und anderen Städten fanden großartige Demonstrationen der Deutschen gegen „Prohibition“ statt. Zu Cincinnati wurde ein Umzug durch die Straßen veranstaltet, an dem 50 – 60000 Menschen teilnahmen, darunter mehrere Tausend Reiter. Viele Häuser hatten geflaggt und die Straßen schienen in ein Meer von Buntfeuer getaucht. Nach dieser „Parade“ wurde ein Meeting abgehalten, wo äußerst kräftige Reden vom Stapel gelassen wurden. Alle Anlässe werden benutzt, um gegen Prohibition zu protestieren, so zum Beispiel sogar die Denkmalsenthüllung in St. Louis für Karl Schurz, Pretorius und Dänzer. Der Festredner Bartholdt sagte hier, diese drei hervorragenden Deutschen hätten sich gewiss nicht träumen lassen, dass die Selbstregierung, der Kern der politischen Freiheit, in ein Werkzeug zur Unterdrückung der persönlichen Freiheit verwandelt werden könne. Aber heute werde die Sonne der Freiheit in Amerika durch die dunklen Schatten des Puritanismus verhüllt und man müsse alles aufbieten, um die Souveränität des Einzelnen gegen die Tyrannei der Majorität zu verteidigen Die Deutschen seien es sich wohl bewusst, dass dies erst der Anfang sei, denn wenn es das Recht der Gesellschaft sei, den Geschmack des Menschen in einer Beziehung zu kontrollieren und ihr persönliches Verhalten zu regulieren, so werde es als ihr Recht betrachtet werden, dies auch in allen anderen Beziehungen zu tun. Die Deutschen aber verträten den Standpunkt, dass der einzige Teil des Verhaltens des Einzelnen, für welchen er der Gesellschaft Verantwortung schule, derjenige sei, welcher andere berühre.
Zu de Dingen, welche nur ihn selbst angingen, sei seine Unabhängigkeit von Rechts wegen eine absolute.

Es ist von Interesse, dass diese Darlegungen eine völlige Absage an das Prinzip der Demokratie – die Herrschaft der Waffe – enthalten. Damit wollen wir die staatsrechtlichen Theorien Bartholds im übrigen freilich nicht akzeptieren. Selbstverständlich zeigt sich die prohibitonische Presse Amerikas über die Deutschen sehr erbittert. Sie behauptet, dass die Deutschen, weil ihnen im „Vaterlande“ das Gefühl für politische Freiheit ausgetrieben werde, unter „Freiheit“ lediglich die Freiheit in wahnwitzigem Konsum alkoholischer Getränke verständen. Schon in den Universitäten würden sie dazu angeleitet und der größte Biertrinker gelte als der größte Held. Ähnlich sei es in Russland, wo es auch keine andere Freiheit gebe, als die des Saufens. Russland und Deutschland seien absolut regierte Staaten mit Parlamenten von Pappe, die in Wirklichkeit nichts zu „sagen“ hätten. Damit die Untertanen nun nicht rebellierten, öffne man ihren Leidenschaften ein Ventil in der völligen Sauffreiheit und so sei auch den Deutschamerikanern das höchste aller geistigen Güter die Völlerei und Freiheit der Trunksucht.

Wir brauchen gegen diese Äußerungen, die der Leser schon selbst richtig stellen wird, nicht zu polemisieren. Übrigens haben sich auch die Irländer, Italiener und andere dem Kampfe der Deutschen gegen „nationale Prohibition“ angeschlossen.