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Francis Ogden

Erben für 500 Millionen gesucht

Das Vermögen von Francis Ogden belief sich bei seinem Tode auf 500 Millionen Dollar. Doch abgesehen davon, dass er öffentlich seine gesamte Familie enterbte, ist kein letzte Wille des Millionärs bekannt.

Der jetzt verstorbene Chicagoer Mammutmillionär Francis Ogden, der bei Lebzeiten dank einer gewissen urwüchsigen Bosheit als die bête noire (frz.: schwarze Bestie, d. Red.) unter den Dollarkönigen der Union galt, hat auch nach seinem Tode noch seinen besonderen, gefährlichen Humor bewiesen. Vor einigen Jahren schon, als sein Vermögen gerade groß genug war, um seinen Verwandten Hoffnungen zu machen, hatte er in aller Öffentlichkeit ein Testament verfasst, das seine sämtliche Verwandtschaft in Corpora enterbte. Der Grund war immerhin nicht gewöhnlich: „Meine Brüder und Schwestern haben sich damit beschäftigt, ihr Kapital in Kindern festzulegen, während ich es in guten Geschäften anlegte. Ich will ihnen nur beweisen, dass sie unrecht daran taten.“

Dieser menschenunfreundliche Philosoph, dessen ungeheurer Landbesitz in Wisconsin, Kansas, Georgia, Washington auf mehr als 500 Millionen Wert geschätzt wird, tyrannisierte seine eigene Person im übrigen nichtweniger als seine Umgebung. Er hatte eine streng befolgtes Schema ausgearbeitet, nach dem er täglich nie mehr und nie weniger als 1,50 Mark für Nahrung ausgab, und wohnt bis zu seinem Tode in einem winzigen Zimmer des ihm selbst gehörigen Prachthotels in Madison im Staate Wisconsin, wo er jeden Tag pünktlich seine Hotelrechnung verrechnete. Dieses Zimmer hatte er sich selbst mit Zeitungsausschnitten, Annoncen und Kalendern an den Wänden ausstaffiert, die nie entfernt werden durften. Diese Seltsamkeiten hinderten ihn allerdings nicht, in geschäftlichen Dingen kühlsten und klarsten Kopf von der Welt zu haben: bei seinem Tode war er der größte Landbesitzer der Union.

Jetzt nun, nach seinem Tode, als alle wohltätigen und wissenschaftlichen Institute hoffnungsvoll auf einen Goldregen des (— rators) (der allerdings bei Lebzeiten weder wohltätig noch wissenschaftlich gewesen war) warteten, gab es noch eine besondere Überraschung. Es zeigte sich nämlich, dass Francis Ogden, der seinen Verwandten sein Vermögen nicht gegönnt hate, sich ebensowenig entschließen konnte, seine 500 Millionen jemand anderem zukommen zu lassen. Es gab ganz einfach überhaupt kein Testament. Die sorgfältigen Nachforschungen halfen nichts; die einzige Willenskundgebung, die existierte, war jener Enterbungsakt seiner Verwandtschaft. Der Verstorbene, der es damit also noch eimmal fertig bekommen hat, alle Welt zu verblüffen, würde jetzt die Genugtuung haben, die gelehrtesten Köpfe der Union in Verlegenheit gegenüber diesem unerhörten Rechtszustand zu sehen.