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Porträt

Erzherzog Franz Ferdinand

Die Wiener haben die Nachricht vom Tod des Thronfolgers mit erstaunlicher Gleichmut aufgenommen. Das liegt vor allem am Charakter des Erzherzogs Franz Ferdinand.

Aus Wien wird uns vom Montag, den 30. Juni, geschrieben:

Mit einer Unbewegtheit, die an stumpfen Gleichmut grenzt, hat die Bevölkerung die Kunde von der Ermordung des Thronfolgers aufgenommen. Natürlich weckt ein solches Ereignis jene Neugier, der alles, was außerhalb des Bereiches des Gewöhnlichen und Erwarteten steht, sicher ist: aber von irgendeiner echten Teilnahme, von der schmerzbewegten Erschütterung, die die grause Bluttat bei allen beweglichen Gemütern eigentlich hervorrufen müsste, ist wenig zu spüren. Selbst in allem Äußerlichen macht es sich kund.

Die schwarzen Fahnen werden nur langsam und vereinzelt aufgezogen, es fehlt sogar die drängende Nachfrage der Großstadt nach den Meldungen über die Katastrophe, das Gefühl, einen Verlust erlitten zu haben, zeigt sich nirgends. Wir denken da natürlich nicht an die proletarischen Waffe, die sich bescheiden, das Mordverbrechen zu verurteilen wie jede schnöde Gewalttat: aber selbst in dem so leicht bewegliche, schwarzgelben und für alles Dynastische ungemein empfängliche Wienervolk hat der Mord von Sarajewo, der den Thronfolger in den habsburgischen Ländern aus dem Leben strich, keine tiefen Furchen gezogen. Das hat vor allem in der Persönlichkeit des Toten seinen Grund. Eigentlich müsste der hochgradige Klerikalismus des Thronfolgers, da Wien in der überwiegenden Mehrheit seiner bürgerlichen Schichten im Lager der Christlich-Sozialen steht, bei den Wiener Schwarzen und Schwarzgelben die stärkste Sympathie finden und der Mord die größte Bestürzung und die tiefste Trauer auslösen. Aber dem scheint nur so. In Wahrheit ist Erzherzog Franz Ferdinand den Volksempfindungen sein ganzes Leben durch ein Fremder geblieben. Ihm fehlte alles, was in unserer Zeit einen Monarchen auch nur in dem beschränkten Maße der bürgerlichen Ideologie volkstümlich oder beliebt machen könnte, das, womit der Sinn der patriotischen Menge am ehesten gefangen genommen wird; das Liebenswürdige und Freundliche, hatte in seinem Charakterbilde keinen Platz gefunden. Mit Ausnahme der politischen Spekulanten, die sich von seiner Wesensart politische Vorteile erhofften, also zumeist der klerikalen Scharfmacher, war das Gefühl, das man seinem Regieren entgegenbrachte, das der Furcht – der Beklommenheit, was dieser unberechenbare, autoritäre Wille, dieses ausschweifende Selbstbewusstsein dem Staate an Schwierigkeiten, den Völkern an Leid und Unbill bescheren könnte.

Mit welchen Empfindungen und Befürchtungen man der Ferdinandeischen Ära entgegensah, zeigt sich ja am deutlichsten in der Hartnäckigkeit, mit der man sich an den greisen Kaiser klammert, trotzdem der kühle Beurteiler die Gebrechen dieses Altersregimes an allen Ecken und Enden feststellen muss. Und da man dem Tage, da die Macht und Gewalt in die Hände des Erzherzogs Franz Ferdinand gelangen würde, nur mit Sorge und Angst entgegen blickte, so bleibt, allen offiziösen Trauerzeremonien zum Trotz, das echte und rechte Mitgefühl, die tiefe Trauer aus. Der klerikale Trotz, der sich an die Fersen des lebenden Thronfolgers hänge, der fühlt allerdings, dass er einen Gönner und Schutzherrn verloren, aber in den Volksschichten und Volksklassen hat das Gefühl, dass ein entschiedener Freund ihm geraubt worden, keinen Eingang gefunden.

Es liegt eine merkwürdige, schmerzhafte Tragik in dem Geschichte Franz Ferdinands, der durch den Kronprinzen Rudolf unvermutet in den Vordergrund gerückt wurde, so zähe und ungeduldig nach der vollen Macht giere, dem aber das lange Leben der regierenden Kaisers zum enttäuschten Ausharren zwang und der nun durch die Kugel eines halbwüchsigen Burschen um Leben und Macht gekommen ist. Was den nun ermordeten Mann aus der reihe des Durchschnittes der kaiserlichen Prinzen emporhebt, ist keineswegs eine tiefere Einsicht, ein schärferer Blick, eine zusammenfassende Kraft. Ihm war nur eines eigentümlich: ein starker Wille, der ohne Rücksicht und Schonung seine Laufbahn nimmt, der auf einem gesteigerten Selbstbewusstsein ruht und sich selbstherrlich seine Durchsetzung sucht; aber wohin dieser harte Wille uns getrieben hätte, ist nicht auszudenken. Ganz gewiss hätte es auch so kommen können, dass Franz Ferdinand gelernt hätte, sich den unerbittlichen Notwendigkeiten der Dinge, die alles Imperatorenhafte überwinden, zu fügen, aber dass der Weg zu seiner „Läuterung“ für die Völker Österreichs ein mühseliger und dorniger gewesen wäre, muss nach allem, was man von seiner Wesensart erfahren, angenommen werden. Man erschöpft diese Art nicht damit, dass man Franz Ferdinand einen Klerikalen nennt. Wohl war seine Frömmigkeit und Kirchlichkeit und auch die seiner Frau, deren Einfluss in Folge der Liebesheirat auf den Thronfolger nicht unterschätzt werden darf – in einem wahrhaft beängstigenden Maße entwickelt und derlei Aufgehen in den Ansprüchen der katholischen Kirche erscheint unserer Zeit schon als völlige Verirrung. Aber die Frömmigkeit war hier, weiß Gott, keine „Privatsache“, die wir in Sachen der Religion auch Fürsten zubilligen möchten, sondern in ihm war der streitbare Klerikalismus, der scharfmacherische verkörpert, der Geist, in dem sich die Dreiheit von Religion, Absolutismus und Besitzendeninteresse zu der Einheit bildet, die man Autorität nennt; und was die in schwarzgelber Aufmachung bedeuten kann, weiß man schon von den Zeiten der früheren Ferdinands her.

Nicht ohne Berechtigung hat man von Erzherzog Franz Ferdinand immer berichtet, dass ihn eine geradezu krankhafte Abneigung gegen die Sozialdemokratie beseelt, dass er die gegenwärtige Herrschaft hauptsächlich wegen ihrer „Schwäche“ gegen die umstürzlerischen Tendenzen gescholten hat. Nicht zufällig ist darum der Erzherzog in den Bannkreis jenes Klerikalismus geraten, der nur auf Wiener Boden gedeiht und in dessen Tendenzen die skrupellose Bekämpfung der Sozialdemokratie der Mittelpunkt ist. Indem sich das Volk vergegenwärtigt, welche Schwierigkeiten der demokratischen, der kraftvollen Entwicklung zur Freiheit und Gerechtigkeit und Geistigkeit von der Ferdinandäischen Herrschaft gedroht hätten; wenn es daran denkt, wie oft die Notwendigkeiten der Dinge mit dem harten und selbstbewussten Willen dieses Monarchen in Kampf geraten hätte können, wird es unfähig, die rücksichtslose Verurteilung einer abscheulichen Mordtat zu dem Bewusstsein zu verdichten, dass ihm der Sonntag etwas geraubt hat, was ihm nützlich hätte werden können und lieb und vertraut gewesen ist.

In dem Ernst und der Geschlossenheit seines Wesens war Franz Ferdinand dennoch eine Persönlichkeit und angesichts des hohen Alters des regierenden Kaisers und der jugendlichen Unzulänglichkeit der nunmehrigen Anwärters reizt der Tod in die Geschlechterfolge des Regierens in diesem zerrissenen Staate eine empfindliche Lücke. Wie die Mordtat, die unzweifelhaft aus serbisch-nationalitstischen Beweggründen entsprang, die Mängel und Schwächen dieser Staatlichkeit aufzeigt, so wird die gefährliche Bedrängnis, in der die Monarchie steht, durch den Tod des Thronfolgers, der in seiner Art immerhin eine Energie war nur gemehrt. Der Bluttag von Sarajewo ist in jedem Betracht ein starker Einschnitt in der Geschichte.