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Streit im französischen Senat

Frankreichs mangelhafte Rüstung

In Frankreich wird erbittert über den Zustand der eigenen Armee diskutiert. Zum Teil wird die Debatte von innenpolitischen Gründen getrieben. Doch wie ist es tatsächlich um Frankreichs Truppen bestellt? Und was kann Deutschland für Schlüsse aus der Diskussion ziehen?

Seit im August 1897 Felix Faure auf der Rede von Kronstadt zuerst das Wort von den „befreundeten und verbündeten Nationen“ sprechen durfte, das Zar Nikolaus in seiner Antwort bestätigte, ist es der höchste Ehrgeiz jedes französischen Präsidenten, gen Petersburg zu fahren und sich beim Zaren sozusagen zu „melden“. Erst dadurch erhält seine Präsidentschaft die höheren Weihen der Bestätigung. Von Poincaré, dessen Ehrgeiz in mancher Bezeihung dem Felix I. verwandt zu sein scheint, darf man annehmen, dass er auf die russische Reise brennt. Mit dem gleichen Recht aber wird man annehmen dürfen, dass nicht wenig Leute in Frankreich ihm den Dämpfer von Herzen gönnen, den die Senatsdebatten der Vorfreude wie der eigentlichen Feststimmung bei der Präsidentenreise aussetzen werden.

Im Senat war ein außerordentlicher Kredit von beinahe 40 Millionen Francs zu beraten, den die Kammer dem Ministerium für die Durchführung der dreijährigen Dienstzeit bereits gewilligt hatte. Niemand zweifelt daran, das die Sache in einer halben Stunde gemacht sein würde. Da platzte der Berichterstatter des Heeresausschusses, Senator Humbert, mit einer Rede in die hochsommerliche Idylle, die alle Berechnungen über den Haufen warf und letzten Endes sogar eine Verschiebung der Abreise des Präsidenten nötig machte. Zum besseren Verständnis de Landstreichs wird es nötig sein, zweierlei hervorzuheben. Einsam sind die Enthüllungen über Frankreichs angebliche Wehrlosigkeit Humberts Spezialität; er betreibt sie nicht seit gestern, sondern seit Jahren. Und dann ist Senator Humbert wohl ein wenig – und vielleicht ein wenig mit Recht – verärgert darüber, dass Herr Messimy Kreigsminister ist und nicht er. Man braucht an der Reinheit seiner Absichten gar nicht zu zweifeln, und wird doch vermuten dürfen, dass sein Vorsatz, dem Vaterland einen Dienst zu leisten, nur beflügelt wurde durch die Aussicht, dem Kriegsminister dabei einen derben Knüppel zwischen die Beine werfen zu können. Dass die Blätter der Rechten die Bälle auffangen, die Humbert ihnen nicht gerade zugeworfen, aber doch geworfen hat, ist nur zu begreiflich. Sie eröffnen eine frische und fröhliche Kampagne gegen das Kabinett, dem sie seine ein seiner Vorgänger Schuld in gehäuften Maß aufpacken. Herr Viviani wird erleichter aufseuftzen, wenn er endlich auf dem Wasser schwimmt und hoffen darf, gestärkt mit dem Segen des Zaren wiederzukehren, um seinen Gegnern mit den allzeit blendenden Schlagworten von der Allianz heimzuleuchten.

Der Senat, der doch wohl Bedenken tragen mochte, die durch Überlieferung geheiligte Huldigungsfahrt zu ihrem Protektor der Republik zu stören, hat sich aus der Klemme gezogen, indem er keine Zuflucht zum parlamentarischen Allheilmittel einer Untersuchungskommission nahm. Dies Mittel wirkt wunderbar beruhigend und ist sich gänzlich ungefährlich, da es keinerlei Folgen zu haben pflegt. Auch gehört es, wie die Russenreise des Präsidenten, bereits zum geheiligten Bestande republikanischer Einrichtungen. Eine Untersuchungskommission für militärische Missstände wirkt daher nicht aufregend, gibt dem Bürger vielmehr die willkommene Verpflichtung, dass die staatliche Entwicklung in bewährten Gleisen fortschreitet. Im Übrigen ist dies eine innere Angelegenheit der Republik, die die Franzosen unter sich und die Herren Poincaré und Viviani mit dem Zaren und einen Ministern auszumachen haben. Ganz wohl wird ihnen dabei vielleiht nicht sein, da doch die Republik das Zarenreich erst zu außergewöhnlichen militärischen Anstrengungen getrieben hat, und die Versuchung, dafür „Revange“ zu nehmen, den Russen verführerisch nahe gelegt ist. Uns Deutsche aber geht vor allem die Frage an: was an den Schilderungen Humberts Wahres sein mag und was auf Rechnung des parteipolitischen Nebenzweckskommen mag? Da ist vorweg zu betonen, dass Humbert von den Dingen, worüber er redet, etwas versteht, wenn man aus dem Verlaufe der Debatte schließen darf, sogar erheblich mehr als der Kriegsminister. Immerhin wird ma nunterscheiden müssen. Wenn er zum Beispiel das französische Geschützmaterial als dem deutschen unterlegen hinstellt und die ganze französische Presse das als Tatsache hinnimmt, so darf man deutscherseits vielleicht daran erinnern, dass nach den ersten Siegen der Bulgaren über die Türken ganz Frankreich über diese angeblichen Sieg Creusots über Krupp aus dem Häuschen war. Übersehen wir also nicht die Rolle, die hier wie in allen Dingen das erregbare französische Temperament spielt. Übersehen wir auch nicht, dass diese Enthüllungen in eine Zeit hineinplatzen, wo ganz Europa durch Probemobilmachungen, den Mord von Sarajewo und die mit viel Kunst geschhaffene albanische Dauerreibungsfläche hochgradig nervös geworden ist. So nervös, dass Lord Kitchener of Karthum möglicherweise die Gelegenheit für günstig hält, im Quellgebiete des Nils für England einen Hauptfischzug zu tun.

Aber auch nach Ausscheidung aller zweifelhaften Posten aus der Humbertschen Rechnung bleibt zweifellos genug übrig, was zu denken gibt, drüben wie hüben. Was der Berichterstatter des Senatsausschusses über Mängel des militärischen Flugwesens, der Funkentelegraphie, der Verpflegung und der Ausrüstung vortrug, das war alles viel zu detailliert, um aus der Luft gegriffen zu sein. Wenn es aber auch nur zur Hälfe wahr ist, dass das französische Heer zwei Monate nach der Mobilmachung barfuß laufen würde – wie werden sich unsere Geschäftspatrioten mit diesen und ähnlichen Tatsachen abfinden? Sie sind ja auf der ganzen Linie übereifrig an der Arbeit, dem deutschen Volke das ungeheure Opfer, das es mit der Wehrvorlage von 1913 gebracht hat, zu verleiden und zu verekeln. Die Wehrvereinsgeneräle schreiben sich die Finger krumm, um nachzuweisen, dass mir dem Milliardenmehrbeitrag und den 150 000 Mann mehr so gut wie gar nichts geleistet sei, und dass wir jetzt erst daran zu gehen hätten, den gewaltigen Vorsprung einzuholen, den Frankreich – ausgerechnet Frankreich – vor dem Deutschen Reiche mit seinem Plus von 28 Millionen Menschen habe. Man sieht, auf welch gewissenhafter Grundlage diese Hetzartikel aufgebaut sind! Man sieht, welchen Wert es hat, wenn nicht die eigenen politischen Ziele, die man hat oder doch haben müsste, nicht die eigenen wirtschaftlichen Bedürfnisse und die eigene Leistungsfähigkeit das sichere Maß für die Höhe der Rüstungen abgeben, sondern phantastische oder absichtlich aufgebauschte Vorstellungen von dem, was die anderen geleistet haben oder planen sollen. Für uns Deutsche empfiehlt es sich, die aufgeregten Debatten in Frankreich mit kühlster Ruhe, aber aufmerksam zu folgen. Wir sollen nicht alles für bare Münze nehmen, was in einem Augenblicke krisenhafter Aufgeregtheit drüben aufgezählt wird. Aber wir sollen uns auch hüben den Kopf nicht warm machen lassen von den G’schastlerhubern der militärischen Angstmeierei, die die französische „Erzbereitschaft“ ausnützen möchten, um das ehr- und gewinnbringende Geschäft auch nach der großen Wehrvorlage nicht eintrocknen zu lassen. Nehmen wir uns ein Beispiel an der schönen und heiteren Gemütsruhe, womit der Präsident der französischen Republik und sein Premierminister – im Augenblick, wo Frankreichs „Wehrlosigkeit“ frisch enthüllt worden und von der ganzen Presse pflichtgemäß bejammert wird – eine mehrwöchentliche Vergnügungsfahrt ins Ausland antreten!