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Papier oder Metall?

Geld und Vermögen in Kriegszeiten

Über den Wert von Vermögen, die Vor- und Nachteile von Metall- und Papiergeld , Gold, Thesaurierung und Assignatenwirschaft während der Kriegszeit.

In friedlichen Zeiten nimmt das Publikum in den geordneten Ländern Unbesehens als Geld hin, was der Staat für gut befindet, ihm zu geben. Zwischen Metallgeld und Papiergeld macht es einen ökonomischen Unterschied nicht. Die Vorliebe, die man bald für die eine, bald für die andere Form hegt, wird durch außerökonomische Erwägungen begründet: Erwägungen ästhetischer Natur oder Bequemlichkeitsgründe entscheiden, wenn es überhaupt bis zu einem Entscheide kommt. Man steckt sich lieber fünf Hundertmarkscheine ein, wenn man auf die Reise geht, als fünfundzwanzig Zwanzigmarkstücke; und die Dame mit einem kleinen Geldbeutel weist das silberne Fünfmarkstück zurück, weil es ihr zu unförmig ist. Meist aber richtet sich ein Publikum mehr auf Metallgeld oder mehr auf Papiergeld ein, ohne dass viel erwogen wird, lediglich auf Grund von überkommener Gewohnheit, die in der verschiedenen Form, das Geld zu tragen, ihre festeste Stütze hat. Es gibt dann geradezu Portemonnaieländer und Geldtaschenländer (Deutschland, Österreich), ohne dass sich ein anderer Grund für die Bevorzugung dieser oder jener Geldform anführen ließe, als die auf der verschiedenen Vergangenheit des Geldwesens aufgebaute Volkstradition.

In Kriegszeiten äußert sich dieser Zustand plötzlich. Allerorts erwacht eine leidenschaftliche Vorliebe für das Geld in der Metallform, insbesondere in der Goldform, der eine starke Abneigung gegen alle Arten papierner Zahlungsmittel entspricht. Man sucht so viel als möglich Metallgeld in seinen Besitz zu bekommen und darin zu erhalten und alles Papiergeld so rasch wie möglich loszuwerden. Dieses Bestreben führt, wie man weiß, zu der verhängnisvollen Anlage von „Metallgeldreserven“ in den Kassen der Privatpersonen, die nachteilige Folgen für die Gestaltung des volkswirtschaftlichen Prozesses mit sich führen kann. Verständigerweise haben die Banken schon Fürsorge getroffen, dass solcher grober Unfug, wie es diese Einbehaltung und Aufstapelung von Metallgeld zweifellos ist, wenigstens nicht unter ihrem Schutze verübt werden kann: sie haben die Aufnahme verschlossener Kästchen, in den Gold stecken könnte, in ihre Safes verweigert. Da aber damit natürlich die Gefahr des „Thesaurierens“ nicht aus der Welt geschafft ist, so mag es von Nutzen sein, die Sinnlosigkeit und Verwerflichkeit dieser Vornahme jedermann einmal klarzumachen, um eine weitere Ausbreitung dieser Manie damit vielleicht hintanzuhalten.

Zunächst ist ja diese Vorliebe für Metallgeld ganz unverständig. Denn da man gemünztes Silber und Gold doch offenbar nicht bevorzugt um ihrer metallenen Eigenschaften willen (das heißt, um sich die Möglichkeit offen zu halten, Schmuckgegenstände aus den silbernen und goldenen Münzen herstellen zu lassen), so muss es doch der Geldcharakter der Münzen sein, weswegen man sie liebt. Wie aber? Ist denn Geld nicht ebenso gut das Papiergeld, das bei uns umläuft? Um es genauer zu sagen: die Banknoten und die Reichsklassenscheine? Denn was heißt denn, etwas ist „Geld“? Offenbar doch nicht anderes als dieses: es besitzt die Eigenschaft, dass irgendwelche Verbindlichkeit mit ihm beglichen werden kann, oder, wie es ausgedrückt wird: dass es gesetzliches Zahlungsmittel ist. Gesetzliches Zahlungsmittel ist nun aber im Deutschen Reiche das Papiergeld genau so wie Gold (und in beschränktem Umfange Silber): die Banknoten sind es seit der Novelle zum Bankgesetz von 1909, die Reichsklassenscheine sind durch eines der Kriegsgesetze vom 4. August d. J. dazu erklärt worden.

Welchen Vorzug hat also Metallgeld vor Papiergeld vorauf? Innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs offenbar keinen. Nun muss man sich aber erinnern, dass es außer diesem Gelde, das der Staat – und nur er – schafft, noch ein anderes Geld gibt, dass die Verkehrsgesellschaft als solche durch stillschweigende Übereinkunft eingeführt hat; ein Geld, das sich durch seine Eigenschaft als Ware von dem Staatsgelde unterscheidet, das in seiner stofflichen Substanz den Geldcharakter mit sich trägt und darum Geltungskraft über die Gesetzgebungen der einzelnen Staaten hinaus besitzt: das ist das Gold. Argumentiert nun unser Goldreservist so, dass er sich sagt: die Geltungskraft des in Deutschland umlaufenden Papiergeldes ist an die Existenz des Deutschen Reichs, zum mindesten an die Integrität der Reichsbank und der deutschen Reichsfinanzen, geknüpft, das Gold behält Goldeigenschaft auch über den Bestand des Vaterlandes hinaus, so hat er theoretisch mit diesen Erwägungen recht. Zu erwidern wäre ihm jedoch: 1. dass er ein erbärmlicher Lump sei, wenn er an die ökonomische Erhaltung seiner werten eigenen, n belanglosen Person denkt, auch für den Fall, dass Deutschland staatlich oder wirtschaftlich zugrunde geht; 2. dass er Möglichkeiten ins Auge fasst, deren Verwirklichung außer dem Bereich aller Wahrscheinlichkeit liegt. Denn selbst im Falle, dass das Kriegsglück gegen uns entscheidet, wäre an einen völligen Zusammenbruch der deutschen Finanz- und Kreditwirtschaft doch nicht im entferntesten zu denken. Aber auch selbst die Gefahr besteht kaum, die ein ganz Schlauer vielleicht wittert, wenn er sein Goldhäschen verpackt, dass unser Papiergeld im eigenen Lande wesentlich „entwertet“ werden sollte. Diese Angst vor starker „Entwertung“ des Papiergeldes spukt ja immer noch in unseren Köpfen, die vielleicht gerade gebildet genug sind, um von der „Assignatenwirtschaft“ während der französischen Revolution gehört zu haben, und die deshalb schon einen Zustand wiederkehren sehen, wie damals in Frankreich, als das Pfund Butter einen Silberfranken oder 300 Papierfranken kostete.

Solche Missgriffe, wie sie zur Entwertung der Assignaten führten, sind in keinem anderen Lande, geschweige denn in Deutschland, dem bestgeordneten Lande der Welt, denkbar. In Frankreich wurden seinerzeit für 33 Milliarden Francs Assignaten, also ein in Wirklichkeit „ungedecktes“ Papiergeld, ausgegeben. Wie liegen demgegenüber die Verhältnisse augenblicklich in Deutschland? Die Ausgabe der Reichskassenscheine ist an den Höchstbetrag von 120 Millionen Mark gebunden. Die Banknoten, die heute in größeren Mengen – es werden jetzt über 3 Milliarden sein – umlaufen, sind nach wie vor bankmäßig gedeckt. Darüber scheinen im großen Publikum ganz irrtümliche Meinungen verbreitet. Die Gesetzte vom 4. August haben nur folgende Änderungen des Bankgesetzes bestimmt: Die Einlösbarkeit der Banknoten wird aufgehoben, und zur Deckung zugelassen sind auch Wechsel, die das Deutsche Reich verpflichten und außer diesem keine weitere Unterschrift tragen; außerdem ist die Reichsbank von der Notensteuerpflicht befreit worden. Im übrigen bleiben aber die Grundbestimmungen unseres Bankgesetzes unangetastet: dass jede Note zu einem Drittel bar und zu zwei Dritteln durch gute Wechsel mit mindestens zwei Unterschriften gedeckt sein muss. Die Goldfetischisten können sich also bei dem Gedanken beruhigen, dass auch unter „Papier“geld immer noch auf einem goldenen Boden ruht.