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Gewerkschaften rücken zusammen

Das Ergebnis des Gewerkschaftskongresses

Der Gewerkschaftskongress hätte durchaus die Meinungsverschiedenheiten unter Gewerkschaften verstärken können. Stattdessen haben die Gewerkschaften einen Schritt aufeinander zu gemacht - für die Arbeiterschaft und gegen die Unternehmer.

Gesteigerte Aktionsfähigkeit, das ist das unzweifelhafte Ergebnis der arbeitsreichen Woche, die nun für die Vertreter der deutschen Gewerkschaften beendet ist. Es ist der neunte der Kongresse gewesen, den die Gesamtheit der deutschen Gewerkschaften seit Ablauf des Sozialistengesetzes abhielt. 21 Jahre, nachdem die Generalkommission geschaffen wurde.

Damals, als die Gewerkschaften kaum eine Viertelmillion Mitglieder zählten, war das ein schüchterner Versuch. Heute ist der Kongress eine gewaltige Heerschau gewesen, nicht nur über die gewerkschaftlich organisierten Massen, nicht nur über die älteste und festgefügteste Organisation Deutschlands zur Wahrung von wirtschaftlichen Interessen, sondern auch eine Heerschau über den geistigen Inhalt dieser großen Massenbewegung. Nicht nur die 2.5 Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen imponieren, sondern auch der Geist, der sie erfüllt, die Zielkraft ihres Strebens, die Einheitlichkeit ihres Wollens.

Sicherlich hat dieser Kongress nicht restlos auszuschalten vermocht, was an den Differenzpunkten zwischen den Gewerkschaften bestanden hat und wir haben die Schwierigkeiten dieses Ausgleichs von Anfang an hervorgehoben. Aber selbst bei der großen Frage der Grenzstreitigkeiten hat der Gewerkschaftskongress zuletzt einen sehr versöhnenden Standpunkt eingenommen; bei allen Abweichungen einzelner Gruppen wurde das Ergebnis dieser schwierigen Verhandlungen zwar von niemandem als endgültig, aber doch als ein unter den gegebenen Verhältnissen guter Ausweg, als eine versuchte Ausgleichung von Differenzen anerkannt.

Wer das Ergebnis der Erörterungen über die Grenzstreitigkeiten wegen der großen, aus ökonomischen Ursachen erwachsenden Verschiedenheit der Anschauungen und der Bedürfnisse der Gewerkschaften kein allgemein befriedigendes, so hat der ganze sonstige Verhandlungsstoff die vollständige Übereinstimmung aller Mitglieder dieses Kongresses zum augenfälligen und überaus bedeutenden Ergebnis gehabt.

Sicherlich sind all die Probleme, die dem Gewerkschaftskongress unterbreitet wurden, und die zahlreichen Anträge und geplanten Verfassungsänderungen sehr verschieden zu beurteilen. Es wäre durchaus nicht verwunderlich, wenn sich darin stärkere Meinungsverschiedenheiten ergeben hätten. Aber dass bei all der Freiheit der Diskussion, bei all der Verschiedenheit der Ansichten bei den Organisationen über diese Fragen eine vollkommene oder fast vollkommene Einheit der Überzeugungen, wie eine Übereinstimmung über die einzuschlagende Taktik festzustellen war, ist ein Ergebnis von höchster Trageweite und von größter Wichtigkeit. Für die gesamte Arbeiterbewegung muss dieses Ergebnis als ein überaus bedeutsamer Gewinn festgestellt werden.

Es wäre aber verfehlt, die Bedeutung dieses letzten Kongressergebnisses zu messen an ihren Vorteilen für die Arbeiterbewegung. Auch für unsere Gegner, mögen sie in Ministerien oder in Scharfmacherburgen oder in den Redaktionsstuben der bürgerlichen Zeitungen sitzen, ist das Ergebnis von großer Wichtigkeit. Nicht nur um deswillen, weil ihre Hoffnung stets auf Meinungsverschiedenheiten unter den Arbeitern gerichtet ist, sondern auch weil der Inhalt der Referate, die von den leitenden Männern der Gewerkschaftsbewegung erstattet wurden, wie die einmütig gefassten Revolutionen ihnen klar zeigen, wohin ihre arbeiterfeindliche bereits geführt hat.

So mancher Gegner hat auf die Gewerkschaften seine Hoffnungen gesetzt, vielleicht gar nicht mit Unrecht, wenn wir eine weniger profithungrige, nicht so kurzsichtige und nicht so durchaus missgünstige Bourgeoisie und nicht eine jede Selbstständigkeit der Arbeiter fürchtende Regierungsgewalt hätten. Sicherlich sind die Gewerkschaften ihrem ganzen Wesen nach eingehegt durch die kapitalistische Produktionsweise; deshalb ist ihr Wirken nr möglich innerhalb dieser Produktionsweise, und in diesem Rahmen müssen sich Gewerkschaften bewegen. Die englische Bourgeoisie hat es trefflich verstanden, weit mehr als ein halbes Jahrhundert die Gewerkschaftsbewegung als eine rein im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft wirkende Bewegung zu erhalten.

Aber in Deutschland versteht man es, ununterbrochen den Gewerkschaften Schwierigkeiten aller Art zu bereiten. Die Voraussetzungen der Gewerkschaftsbewegung will man womöglich ganz zerstören. Was Caprivi einst gesagt hat, dass er immer an die Sozialdemokratie denke, wenn er ein Gesetz mache oder eine Verwaltungsmaßregel ins Auge fasse, dass kennzeichnet heute auch die Haltung der Regierungen zur Gewerkschaftsbewegung. Während die Gewerkschaftsbewegung ihre Selbstständigkeit in jeder Hinsicht zu wahren bemüht ist, suchen die Polizeibehörden und die an der Gesetzgebung mitwirkenden Organe der Regierungen alles, was sie tun und lassen, zum Schaden unserer Gewerkschaften zu gestalten.

Überall erkennen wir, wie die Interessen der Reichsten und Mächtigsten gleichgestellt werden denen des Staates und der öffentlichen Ordnung.

Die Handhabung der Gesetze, die Richtlinien, die den Behörden gezogen werden, die Umgestaltung unserer Gesetze, die Auslegung längst klarer und eingebürgerter Gesetze wird ebenso bestimmt nach den Bedürfnissen der Besitzenden, wie nach dem Schaden, den sie den Arbeitern und Arbeiterinnen zufügen. Wenn ein künftiger Geschichtsschreiber aus unserer Zeitepoche für die innere Geschichte Deutschlands kein anderes Aktenstück überliefert erhielte als das stenographische Protokoll dieses Gewerkschaftskongresses, so könnte er sich einen großen Teil unserer Unkultur ausmalen; er könnte ein Bild gestalten von den schroffen Gegensätzen der Herrschenden und der Beherrschten und dem ungleichen Recht, das in Deutschland gilt unter Bevorzugung der Besitzenden, unter Unterdrückung der Schaffer aller Werte.

Das ist es, was herausklingt aus all den Debatten über die Handhabung des Reichsvereinsgesetzes, über den Arbeitswilligenschutz und den Unternehmerterrorismus, über die Bestrebungen des Verbandes deutscher Arbeitsnachweise, über die Arbeitslosenfürsorge und ebenso bei den Erwägungen über die gesetzliche Regelung der Tarifverträge wie über den Einfluss der Lebensmittelteuerung auf die wirtschaftliche Lage der Arbeiterklasse; die gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft fühlt sich unterdrückt, fühlt sich in jeder Hinsicht geschädigt.

Das schärfste Misstrauen gegen alle Organe der Regierungen, die Überzeugung von der Abhängigkeit dieser Regierungen von dem Großunternehmertum beherrschte den ganzen Kongress. Es liegt sicherlich nicht im Wesen der Personen, die aus diesem Kongress gesprochen haben, es entspricht auch keineswegs der allgemeinen Stimmung, die die Telegierten beherrschte, dass dieser Kongress der Gewerkschaften eine weit radikalere Note hatte als irgendeiner seiner Vorgänger. Dieser Radikalismus entsprang weit weniger den Absichten der Redner und Beschließer auf diesem Kongress als dem Verhalten unserer Gegner.

Kein Gewerkschaftskongress hat so entschieden wie dieser betont, wie gering die Hoffnungen sind, die die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter heute noch auf den guten Willen der Herrschenden setzen, auf die Gerechtigkeit, die den Arbeitern innerhalb der Gesellschaft werden könnte. Dieser Neunte Deutsche Gewerkschaftskongress war, von den Eröffnungsworten Legiens bis zu den Schlussworten Schlickes, sicher ein ununterbrochener scharfer Protest gegen die arbeiterfeindliche Gesetzesmacherei und gegen die von dem Widerwillen gegen das Proletariat erfüllte Anwendung dieser Gesetze.

Eine Atmosphäre des Protestes beherrschte diesen Kongress, obgleich er durchaus bereit war, rückhaltlos anzuerkennen, wo irgendwie ein guter Wille für die Arbeiter zu vermuten war.
Wer die alten Protokolle unserer Gewerkschaftskongresse durchblättert, findet hier und dort ein unzufriedenes Wort gegen die sozialdemokratische Partei. So sehr auch dieser Kongress keinen Zweifel darüber ließ, dass die Gewerkschaften durchaus selbstständige und auch von der Sozialdemokratie durchaus unabhängige Gebilde sind, so wird der schärfste Nachürüfer und der hoffnungsvollste Raumann aus den Verhandlungen dieses Gewerkschaftskongresses kein Wort herauslesen können, das gegen die Sozialdemokratie, auch mit größerer Kunst, gedeutet werden könnte. Die Gewerkschaften wissen, dass alles und alle in der bürgerlichen Welt, von vereinzelten und durchaus nicht ins Gewicht fallenden Ausnahmen abgesehen, den Gewerkschaften feindlich, zum mindesten unfreundlich gesinnt ist. Weit über den Kreis des Kartells der schaffenden Stände geht die intime Solidarität aller derer, bei denen alles Widerspruch erregt, was erhöhte Selbstständigkeit, was Aufstieg der Arbeiterklasse bedeuten könnte.

Immer wieder wurde auf diesem Kongress betont, dass die organisierte Arbeiterschaft allein auf sich vertrauen müsse, dass sie ihre eigene Kraft zu stärken habe, und dass sie für deren Wachstum ununterbrochen besorgt sein müsse.

Gestählte Waffen und, wenn es notwendig wird, ihre rücksichtslose Anwendung, das ist nach der Meinung dieses Gewerkschaftskongresses die unbedingte Notwendigkeit, das Lebensinteresse, die Existenzfrage unserer Gewerkschaften.

Dass zur Verteidigung des Koalitionsrechtes auch der Waffenstreik in Frage kommt, unterstrich Schlicke in seinem Schlusswort, in dem er dies als eine Selbstverständlichkeit bezeichnete, über die Erörterung gar nicht vonnöten sei; und Binnig vom Bauarbeiterverband wies darauf hin, welche Schädigung für die Arbeiter, zum Beispiel bei der Frage der Arbeitslosenversicherung, das ungleiche Wahlrecht habe.

Eine frohe, eine stolze, die Schwierigkeiten nicht unterschätzende, die Siegeshoffnungen aber nicht unterbindende Stimmung beherrschte diesen Kongress, wohl den besten Gewerkschaftskongress, den die deutsche Arbeiterschaft zu verzeichnen hat.

So klar und einheitlich in dieser Hinsicht die Stimmung aller Beteiligten war, so selbstverständlich betrachteten sie die Notwendigkeit eines einheitlichen Zusammenwirkens. Das ergab sich auch aus der Kürze der Diskussion über die Tätigkeit der Generalkommission. Auch hier zeigte sich ein ganz bedeutsamer Unterschied gegen frühere Zeiten. Früher wurde über die Generalkommission. Auch hier zeigte sich ein ganz bedeutsamer Unterschied gegen frühere Zeiten. Früher wurde über die Generalkommission auf den Kongressen nicht weniger debattiert und es hat auch an scharfen kritischen Worten wie an manchem Misstrauen nicht gefehlt. Davon war auf diesem Kongress auch nicht das geringste zu erkennen. Mit der höchsten Zeitung unserer gewerkschaftlichen Organisation ergab sich vollständige Zufriedenheit. War auf früheren Gewerkschaftskongressen mancher Wunsch der Generalkommission nicht in Erfüllung gegangen, weil man einer Machtsteigerung der Generalkommission nicht freundlich gesinnt war, so hat dieser Gewerkschaftskongress mit seiner Beschlussfassung über das neue Regulativ der Generalkommission ihr erhöhte Bedeutung gegeben, ihr auch eine bedeutsame finanzielle Kräftigung verschafft und ihr das, was Genosse Legien so oft gewünscht hat, endlich in weitgehendem Maße gewährt: die Möglichkeit großer finanzieller Unterstützung bei Streiks und Aussperrungen und dabei auch naturgemäß eine starke Einwirkung auf die Taktik wichtiger, entscheidender Kämpfe zwischen der Arbeiterklasse und dem koglierten Unternehmertum.

Es ist eine gute und große Arbeit, die die deutsche Arbeiterklasse von ihren Gewerkschaftsdelegierten auf diesem Gewerkschaftskongress ausführen ließ. Sicherlich nichts Vollkommenes und Unbedingtes, aber das ist ja etwas Selbstverständliches. Jeder Tag stellt neue Aufgaben, die der gestrige nicht kannte, niemals sind wir fertig und immer müssen wir uns neu wappnen, neu uns schützen, an neue Wege denken. Aber dass wir das können, das ist wichtig und bedeutsam und das hat der Neunte Deutsche Gewerkschaftskongress in überaus bemerkenswerter Weise Freund und Feind klar und deutlich gesagt. Sicherlich wird ein künftiger Gewerkschaftskongress wiederum große Aufgaben haben.

Man kann nur den Wunsch haben, dass er ihnen ebenso sich gewachsen zeigt, dass er sich ebenso klar zu meistern versteht und ebenso deutlich keinem Willen und der Stimmung der Arbeiterklasse Ausdruck geben wird, wie der Münchener Gewerkschaftskongress. Bleibt auch nach diesem Ziel uns zu wünschen übrig, so wäre es undankbar und ungerecht, nicht einzugestehe, dass dieser Neunte Deutsche Gewerkschaftskongress die Mehrhaftikgkeit und Schlagfertigkeit der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter gehoben und gesteigert hat, dass nach diesem Gewerkschaftskongress die deutsche Arbeiterklasse dem Unternehmertum beser gerüstet gegenüberstehen wird als vor diesem Kongress.

Und ebenso ist sicher, dass die Arbeiter in ihre gewerkschaftlichen Leitungen und in die Absichten und Methoden der Generalkommission mit Recht ein größeres Vertrauen setzen können als bisher schon. Der Wunsch nach friedlichem Zusammenwirken innerhalb der Gewerkschaften, nach kräftigere Abwehr aller Gegner des Gewerkschaften kommt in der Arbeit dieses Parlaments des deutschen Proletariats zum unzweifelhaften Ausdruck. Hat die deutsche Arbeiterschaft ihren Stolz darin gesehen, das Vertrauen der Gewerkschaften des Auslandes zu besitzen, von ihnen als Lehrmeister, als Kamerad und hilfsbereiter Freund betrachtet zu werden, so hat dieser Gewerkschaftskongress diese Stimmung sicherlich von neuem gefestigt und weiter gestärkt.

Die Worte, mit denen Alexander Schlicke, der Vorsitzende der größten Gewerkschaft der Welt, des Deutschen Metallarbeiterverbandes, diesen Gewerkschaftskongress geschlossen hat, kennzeichnen seine Arbeit. Freudig stimmen wir in dieses Urteil über die Münchener Tagung ein:

Uns zu Nutz, den Unternehmen zum Trutz!