Der englische leichte Kreuzer H.M.S. Dublin
Quelle: europeana1914-1918.eu: David Pounder, CC-BY-SA

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Rede Sir Edward Greys

Grey über Englands Teilnahme am Kriege

In einer Rede vor dem englischen Unterhaus hat Sir Edward Grey für die Solidarität mit Frankreich und Belgien geworben. Im Angriffsfall würde die englische Flotte die französische Nordküste gegen Deutschland verteidigen. Auch der belgischen Neutralität maß er große Bedeutung zu.

England lässt keinen deutschen Flottenangriff auf Frankreich zu. – Ein Appell des Belgierkönigs an England. – Teilnahme am Krieg nicht gefährlicher als Passivität – England zur Verwendung aller seiner Streikräfte bereit. – Ein abgelehnter deutscher Vorschlag an Belgien.

Nachstehendes ist der Schluss des offiziellen Berichts über Sir Edward Greys Unterhausrede vom Montag Nachmittag. (Die Red.)

London, 4. August

Sir Edward Grey fuhr fort: Er habe kein Versprechen gegeben, aber sowohl dem französischen wie auch dem deutschen Botschafter erklärt, dass, wenn Frankreich der Krieg aufgezwungen würde, die öffentliche Meinung auf Frankreichs Seite treten würde. Er habe in den französischen Vorschlag auf eine Besprechung militärischer und seemännischer Sachverständigen Englands und Frankreichs eingewilligt, da England sonst nicht in der Lage sein würde, im Falle einer plötzlich eintretenden Krisis Frankreich Beistand zu gewähren, wenn es ihn gewähren wollte, jedoch unter der ausdrücklichen Voraussetzung, dass nichts, was zwischen den militärischen und seemännischen Sachverständigen vor sich gehen würde, eine der beiden Regierungen binde oder ihre Entschlussfreiheit beschränkte. Während der Marokko-Krise von 1911 habe seine Politik sich auf genau der gleichen Linie bewegt. Im Jahre 1912 sei beschlossen worden, dass England eine bestimmte schriftliche Verständigung haben solle, des Inhalts, dass jene Besprechungen die Freiheit der Regierung nicht bänden. Grey verlas den Brief, den er am 22. Dezember 1912 an den französischen Botschafter geschrieben hatte, und der das soeben Gesagte enthielt, sowie Greys Zustimmung dazu, dass, wenn einer der beiden Staaten oder eine der beiden Regierungen ernstliche Ursache hätte, einen nicht provozierten Angriff seitens einer dritten Macht zu erwarten, in Beratung eingetreten würde darüber, ob beide Regierungen gemeinsam handeln wollten, um diesen Angriff zu verhindern. Dies, so sagte Grey, war unser Ausgangspunkt. Diese Erklärung schafft Klarheit über die Verpflichtungen Englands. Die gegenwärtige Krisis ist nicht aus einer Frage entstanden, die ursprünglich Frankreich betraf. Keine Regierung und kein Land hat weniger gewünscht, in den österreichisch-serbischen Streit verwickelt zu werden, als Frankreich. Es wurde ehrenhalber durch seine Verpflichtungen darein verwickelt. Wir hatten eine lange andauernde Freundschaft mit Frankreich, und wie weit die Freundschaft Verpflichtungen modifizieren kann, darüber möge jedermann sein eigenes Herz und seine Empfindungen zu Rate ziehen und das Maß der Verpflichtungen abschätzen. Grey fuhr fort, seine persönliche Ansicht sei folgende:
Die französische Flotte ist im Mittelmeer, die Nordküste ist ungeschützt. Wenn eine fremde, in Krieg mit Frankreich befindliche Flotte käme und die unverteidigte Küste angriffe so könnte England nicht ruhig zusehen. Frankreich sei berechtigt, sofort zu wissen, ob im Falle eines Angriffs auf seine unbeschützte Küste es auf englischen Beistand rechnen könnte. Grey erklärte, dass er gestern Abend dem französischen Botschafter die Versicherung gab, dass, wenn die deutsche Flotte in den Kanal und in die Nordsee ginge, um die französische Schiffahrt oder Küste anzugreifen, die britische Flotte jeden in ihrer Macht liegenden Schritt gewähren würde. (Lauter Beifall.) Diese Erklärung bedürfe der Genehmigung des Parlaments. Sie sei keine Kriegserklärung. Er habe erfahren, dass die deutsche Regierung bereit sein würde, wenn England sich zur Neutralität verpflichtete, zuzustimmen, dass die deutsche Flotte die Nordküste Frankreichs nicht angreifen würde. Dies wäre eine viel zu schmale Basis für Verpflichtungen englischerseits. (Beifall.)

Ferner bestehe die Frage der belgischen Neutralität. Die britischen Interessen seien in dieser Frage ebenso stark wie 1870. England könne seine Verpflichtungen nicht minder ernst auffassen, als Gladstone im Jahre 1870. Als die Mobilsierung begann, telegraphierte er der französischen und der deutschen Regierung, ob sie die belgische Neutralität respektieren würden. Frankreich erwiderte, dass es hierzu bereit wäre, falls nicht eine andere Macht jene Neutralität verletzte. Der deutsche Staatssekretär erwiderte, dass er nicht antworten könnte, bevor er mit dem Reichskanzler und dem Kaiser beraten hätte. Er gab zu verstehen, dass er zweifelte, ob es möglich wäre, eine Antwort zu geben, weil die Antwort deutsche Pläne enthüllen würde. Grey teilte weiter mit, dass England vorige Woche sondiert worden sei, ob es England beruhigen würde, wenn die belgische Integrität nach dem Kriege wiederhergestellt würde. Er erwiderte, dass England seine Interessen und Verpflichtungen nicht verschachern könnte. (Beifall.) Grey verlas ein Telegramm des Königs der Belgier an den König Georg, das einen äußersten Appell an die englische Intervention zum Schutze der Unabhängigkeit Belgiens enthielte. Grey sagte, diese Intervention fand letzte Woche statt. Wenn die Unabhängigkeit Belgiens verloren ginge, so ginge auch die Unabhängigkeit Hollands verloren. Das Parlament sollte erwägen, was für die britischen Interessen auf dem Spiele stände. Wenn man in solcher Krisis weglaufen wollte von unseren Verpflichtungen, unserer Ehre und unseren Interessen betreffs Belgiens, so zweifle ich, ob, was auch immer wir an materieller Kraft am Ende haben mögen, dies großen Wert haben würde angesichts des Maßes an Achtung, das wir verloren haben würden. Ich glaube nicht, dass eine Großmacht, gleichviel ob sie am Kriege teilnimmt oder nicht, am Ende des Krieges in der Lage sein wird, ihre materielle Stärke auszudehnen. Wenn wir mit unserer mächtigen Flotte, die unseren Handel, unsere Küsten und unsere Interessen schützen kann, an dem Kriege teilnehmen, werden wir nur wenig mehr zu leiden haben, als wenn wir uns passiv verhalten.

Ich fürchte, wir werden in diesem Kriege fürchterlich zu leiden haben, gleichviel ob wir daran teilnehmen oder nicht. Der Außenhandel wird aufhören. Am Ende des Krieges werden wird, selbst wenn wir nicht teilnehmen, sicherlich nicht in der materiellen Lage sein, unsere Macht entscheidend zu brauchen, um ungeschehen zu machen, was im Laufe des Krieges geschehen ist, nämlich die Vereinigung ganz Westeuropas uns gegenüber unter einer einzigen Macht zu verhindern, wenn dies das Ergebnis des Krieges sein sollte. Man solle nicht glauben, dass, wenn eine Großmacht sich in einem solchen Kriege passiv verhielte, sie am Schluss in der Lage sein würde, ihre Interessen durchzusetzen. Er sei nicht ganz sicher über die Tatsachen betreffs Belgiens, aber wenn sie sich so erwiesen, wie sie der Regierung augenblicklich mitgeteilt wurden, so sei die Verpflichtung für England vorhanden, sein Äußerstes zu tun, um die Folgen zu verhindern, die jene Tatsachen herbeiführen würden, wenn kein Widerstand stattfände. Grey schloss: Wir sind bisher keine Verpflichtung über Entsendung eines Expeditionskorps außer Landes eingegangen. Wir haben die Flotte mobilisiert, die Armee ist im Begriff zu mobilisieren. Wir müssen bereit sein und sind bereit, den Folgen einer Verwendung unserer ganzen Stärke ins Auge zu sehen, in einem Augenblick, wo wir nicht wissen, wie bald wir uns selbst zu verteidigen haben. Wenn die Lage sich entwickelt, wie es wahrscheinlich erscheint, so werden wir ihr ins Auge sehen.

Ich glaube, dass, wenn sich das Land vergegenwärtigt, was auf dem Spiele steht, es die Regierung mit Entschlossenheit und Ausdauer unterstützen wird. Bonar Law und Redmond versicherten die Regierung ihrer Unterstützung. Ramsay Macdonald sagte, England hätte neutral bleiben sollen. Das Haus vertagte sich bis 7 Uhr.

Nachdem das Unterhaus gestern Abend wieder zusammengetreten war, sagte Staatssekretär Grey, er wolle dem Hause eine Mitteilung machen, die er inzwischen erhalten habe. Die belgische Gesandtschaft in London habe die Nachricht erhalten, dass Deutschland gestern (d. h. Sonntag) Abend 7 Uhr Belgien eine Note gesandt habe, die Belgien freundliche Neutralität mit freiem Durchmarsch deutscher Truppen durch belgisches Gebiet vorschlug, und die Erhaltung der Unabhängigkeit bei Friedensschluss versprach. Belgien habe erwidert, dass ein Angriff auf seine Neutralität eine Verletzung des Völkerrechts sein würde. Die Annahme des deutschen Vorschlages bedeute das Opfer der Ehre. Belgien sei entschlossen, seiner Pflicht bewusst, einem Angriff mit allen möglichen Mitteln zu begegnen. Grey fügte hinzu, die Regierung ziehe die empfangene Information in ernstliche Erwägung; er mache keine weitere Bemerkung.