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Kriegszustand

Große, ernste Erregung in Berlin

Die Nachricht von der Erklärung des Kriegszustandes hat in Berlin zu großer Erregung geführt. Überall versammelten sich Menschenmengen, um die neuesten Nachrichten mitzubekommen. In einigen Banken sorgte der Ansturm von Kunden für Chaos.

Die elektrische Spannung, die seit zehn Tagen über der Reichshauptstadt gelegen hatte, löste sich heute mittag mit einem Male, als die Extrablätter des „Berliner Tageblattes“ die Nachricht verbreiten konnten, daß der Kriegszustand erklärt worden ist. Mit fieberndem Interesse wurde die Meldung aufgenommen. Vor dem Geschäftshause des „B.T.“ spielten sich, als die ersten Tausende der denkwürdigen Blätter ausgegeben wurden, turbulente Szenen ab. Den Boten wurden die Blätter aus der Hand gerissen und in erregten Gruppen lasen einzelne Menschen den Inhalt des Blattes laut vor.

Wie ein Lauffeuer wälzte sich die Kunde weiter, groß und inhaltreich. Wie eine Lawine donnerte die Nachricht über die sonnenbeschienene Stadt, die Leipziger Straße, Friedrichstraße und die Linden entlang. Es war eine einzige, große, wallende Aufregung, eine einzige Bewegung, die sich nur erklären läßt durch den Ernst der Stunde, durch die Bedeutung des Tages und durch die fieberhafte Spannung, die seit Tagen über dem Lande gelegen hatte. Wenn auch die Würfel im eisernen Spiel noch nicht gefallen sind, so bleibt die Erregung in Berlin aber doch groß und anhaltend. Und als erst die Kunde in alle Adern der Riesenstadt drang, als in den Vororten die Nachricht laut wurde, da strömte alles, alles ins Innere der Stadt. Der Kaiser kommt nach Berlin. Endlich, sagen viele, die, allzu ungeduldig, die Ungewißheit der letzten Tage nicht mehr ertragen konnten. Die Straßen sind bewegt und bunt, der Andrang wächst, und Ernst liegt auf den Mienen aller denkenden Menschen. Das Deutsche Reich und sein Herz, die Stadt Berlin, stehen am Vorabend großer Ereignisse. Ein Wunsch flammt heute aus den Herzen aller auf: Möge sich das Geschick zum Wohle unseres Landes und des deutschen Volkes lenken!

Unter den Linden verursachte die Kundgebung der Extrablätter naturgemäß die größte Erregung. Wenn auch die Menschen die Nachricht mit allem Ernst und mit abwägender Ruhe entgegennahmen, so äußerte sich doch die Spannung in nicht zu verkennender Weise. Als dann später verschiedene Generalstabsoffiziere die Linden in Automobilen entlangfuhren, wurden sie mit lauten Hochrufen und mit Hüteschwenken begrüßt. Im goldenen Sonnenglanz, der über dem Schloß lag, kreuzte gerade in der entscheidenden Stunde ein Schütte-Lanz in großer Höhe. In den folgenden Nachmittagsstunden nahm der Verkehr Unter den Linden in sehr erheblichem Maße zu. Es sammelten sich große Menschenmassen zu beiden Seiten des Fahrdammes, um den Kaiser zu erwarten. Automobile, die immer neue Massen unserer Extrablätter herbeibrachten, konnten an der Ecke Friedrichstraße und der Linden nur mit großer Mühe vorwärtsdringen. Die Zettelverteiler schleuderten die Extrablätter in großen Ballen über die Köpfe der Menge. Geschäftiges Leben herrschte am Gebäude des Großen Generalstabs. Zahlreiche Offiziere gingen hier ein und aus.

Der Aufzug der Wache trug auch heute mittag wieder ein ganz anderes Bild als an sonstigen, ruhigeren Tagen. Die Bürgersteige und die Mittelpromenade waren dicht besetzt. Als vom Brandenburger Tor her die Klänge der Kapelle der aufziehenden Wache erschallten, die vom 4. Garderegiment gestellt wurde, lief dahin alles zusammen. Mit klingendem Spiel, gefolgt von einer unübersehbaren Menschenmenge, zog die Wache die Linden entlang. Der Zufall wollte es, daß die Kapelle gerade vor der russischen Botschaft mit dem Lied „Deutschland, Deutschland über alles“ einsetzte. Trotzdem deutlich zu erkennen war, daß sich die Menge in lebhaft erregter Stimmung befand, verhielt sie sich ganz ruhig und sang nicht mit.

Wie gewöhnlich flutete der Verkehr am Potsdamer Platz um die Mittagsstunde zum und vom Bahnhof, als die ersten Extrablätter des „Berliner Tageblattes“ erschienen. Wild wurden die ersten Automobile, in denen die Extrablätter transportiert wurden, umdrängt; einer riß dem anderen das Extrablatt aus der Hand und im Augenblick war der ganze erste Stoß der Extrablätter verteilt und ungeduldig erwartete die immer stärker herbeieilende Menge weitere Extrablätter. Kaum kam ein neuer Stoß, so wiederholte sich das gleiche Spiel. Ja selbst die Blumenhändlerinnen, die sich, wie gewöhnlich, neben dem Telegraphenamt aufgestellt hatten, wurden von der anstürmenden Menge umgerannt und konnten sich nur mit Hilfe ihrer Blumenspritzen etwas Luft verschaffen. Und wer kein Extrablatt mehr erhaschen konnte, der fragte schnell einen Anderen und erhielt willig Auskunft. Bald hatte sich denn auch am Potsdamer und am Leipziger Platz eine unübersehbare Menge angesammelt, die die Nachricht zwar ernst, aber mit sichtbarer patriotischer Erregung aufnahmen.

Der Andrang zu den Sparkassen
Der Verkehr in den Groß-Berliner Sparkassen war auch heute vormittag, namentlich bei der Berliner Sparkasse am Mühlendamm, der Neuköllner Sparkasse und der Friedrichsberger Bank außergewöhnlich groß. Der Andrang in der Sparkasse am Mühlendamm war so gewaltig, daß berittene Schutzleute zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Burgstraße requiriert werden mußten. Wie an den vorhergehenden Tagen, haben auch heute nur Sparer mit kleinen Einlagen Beträge abgehoben.