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Beobachtungen nach der Mobilmachung

Im D-Zug Berlin-Wien

Auf einer Zugfahrt von Berlin nach Wien fängt man viele Eindrücke ein, wie die Stimmung angesichts der Mobilmachung ist. Unser Autor trifft auf frisch eingezogene Soldaten und sieht so manche Abschiedsszene.

Der Mensch denkt, aber das k.k. Kriegsministerium lenkt. Ich hatte mir das sehr schön gedacht, zunächst nach Prag zu fahren, mich dort ein wenig umzutun und durch Böhmen langsam südwärts gegen Wien vorzudringen. Immer auf der Suche nach „Stimmung“. Aber noch auf deutschem Boden wurde es mir einigermaßen zweifelhaft, ob der reisende Mensch die im Fahrplan kodifizierte „Gewohnheit“ morgen noch zärtlich „seine Amme“ nennen würde. Das Zugpersonal teilte meine Zweifel durchaus. „Heute“, das war der Montag, galt als der Mobilmachung nullter Tag, „morgen“, der Dienstag also, gerade als der erste. Heute war noch eine Möglichkeit, glatt nach Wien durchzukommen, wenn auch mit Verspätung; für morgen wusste niemand nichts Gewisses.

In Tettchen änderte sich das Bild des gewohnten Reiseverkehrs sehr erheblich. Der Bahnhof gesteckt voll Menschen: Bestellungspflichtige, mit ihren Bündel oder Handkoffer neben sich, Angehörige mit verweinten Gesichtern, Neugierige, der der Einwaggonierung zuschauen wollten. Es heißt, 5000 Mann warteten hier heute auf die Beförderung. Die Haltung der Leute ist ernst und ruhig. Und dieses Bild wiederholt sich von nun an auf allen Stationen. In ganz Böhmen scheint heute niemand Lust zum Arbeiten zu haben. Die Ernte liegt noch größtenteils auf den Feldern, hie und da sieht man paar junge Frauen und junge Mädeln bei der Arbeit, sonst drängt sich die ganze Bevölkerung auf und um die Bahnhöfe. Das Wetter ist angenehm kühl, die Sonne bricht meist allzu oft durch die Wolken, zeitweise fegt ein Strichregen über das blühende Land.

In Schreckenstein ist das Gedränge noch ärger als in Tettchen. Die Leute stehen da schon stundenlang, vier Züge haben sie bereits vorbeifahren lassen. Auch unser Schnellzug will niemand mitnehmen, „Reservisten nicht einsteigen!“, rufen die Schaffner. Ein Teil der Leute erklärt höflich, aber bestimmt, die hätten lange genug gewartet, und steigt ein. Die Beamten, die sich durchweg sehr verständig benehmen und im ärgsten Trubel nicht den Kopf verlieren, lassen sie gewähren. Warum auch nicht? Je mehr vorweg fahren, desto leichter wird der Transport der übrigen. Im Handumdrehen ist der Korridor des D-Zuges dicht mit Menschen gefüllt. Aber die Leute bewahren auch jetzt fast ausnahmslos ihre Haltung; sie wollen mit und glauben ein Recht darauf zu haben, da es ihre Haut ist, die sie zu Markte tragen. Einmal im Zuge, machen sie keinen überflüssigen Lärm und stören niemand ohne Not.

Ein Arbeiter setzt sich, freilich erst auf ausdrückliche Aufforderung, auf den gerade freien Platz neben mir. Es ist ihm nicht unangenehm, sitzen zu können, er sieht übernächtigt aus und hat gerötete Augen. „Man hat ja die ganze Nacht nicht geschlafen,“ sagt er wie entschuldigend. „Der Abschied – das Weinen der Frau und der Kinder.“ Und langsam, ohne sich aufzudrängen, erzählt der Mann. Er hatte guten Verdienst, gestern – am Sonntag – kam die Einberufung, heute ist das ganze große Werk geschlossen. Ein Bruder muss auch mit, zwei Schwäger desgleichen. – Ob die Eltern noch leben? – Die Mutter! Er selbst – er ist schon 37 Jahre alt – lässt eine Frau und vier unmündige Kinder zurück. Das alles erzählt der Mann ganz sachlich, ohne den geringsten Unterton von Klage oder Wehleidigkeit. Er meint, es sei wohl unumgänglich, für das Wirtschaftsleben, dass mit der ewigen Beunruhigung durch das schlechte Verhältnis zu Serbien einmal Schluss gemacht werde. Nur rasch müsste es gehen. Deshalb findet er‘s auch ganz in Ordnung, dass man so hohe Jahrgänge mit einberufen hat. Nur nicht mit zu schwachen Kräften anfangen! Lieber den Gegner mit Übermacht totdrücken, wenn‘s irgend geht. – Wo er seine Montur bekomme? – In Bunzlau, so wird er um 4 Uhr dort sein, hätte er noch länger gewartet, wird‘s sieben.

Auf der nächsten Station bittet ein Pionieroffizier, ans Fenster treten zu dürfen. Eine sympathische, echt männliche Erscheinung. Draußen wartet eine größere Gesellschaft auf ihn, man schüttel sich die Hände, hastige Worte fliegen hin und her, etwas abseits steht eine alte Frau, und weint still vor sich hin. Aus den Bruchstücken des Gesprächs, die hin und her fliegen, weiß man bald Bescheid. Der Offizier und seine fünf Brüder sind unter die Fahne berufen. Gestern wollte er mit Frau und Kind die Sommerreise antreten, heute ist er auf dem Wege nach Krems, Brückenmaterial abholen und auf der Donau nach Semlin schaffen. – „Also gar keine Gefahr,“ ruft er tröstend zum Fenster hinaus. Durch die Gestalt der alten Mutter geht ein Zucken, sie weint still weiter vor sich hin.

In Melnik wird‘s gemischter und lebhafter. Hier überwiegen die Tschechen – rein deutsche und rein tschechische Regimenter gibts im übrigen nicht mehr – und bei den Böhmen geht‘s ohne einigen Lärm nicht ab. Man sieht zum ersten Mal auf der Fahrt ein paar, die nicht ganz fest mehr auf den Beinen stehen. Doch ist von Ausschreitungen auch hier nichts zu bemerken. Und weiter eilt der Zug, an Militärzügen vorbei, in denen gelacht, gesungen und Hurra gerufen wird, an Stationen vorbei, die alle das gleiche Bild zeigen, nur, je weiter wir nach Süden kommen, in immer abgeschwächterem Maße. Dennoch bleibt der Krieg das Thema, zu dem das Gespräch stets zurückkehrt. Alle sind sich der schweren Ernstes der Zeit bewusst, alle wünschen, dass die gewohnte Ruhe und Ordnung bald zurückkehren möge, alle glauben, ohne Ruhmredigkeit, das Österreich mit Serbien allein rasche und kurze Arbeit machen werde – aber nicht eine Stimme zweifelt auch nur andeutungsweise, auch nur hypothetisch daran, dass der Krieg notwendig war. Ein Fabrikant aus der Nähe von Wien, der mit seiner Familie schleunigst von einem Besuch bei norddeutschen Freunden zurückgekehrt ist, überlegt, ob er seine Fabrik nicht morgen schließen solle; die Überlegung, ob der Krieg hätte vermieden werden können, ist ihm offenbar nicht einmal im Traum gekommen.

Ob die öffentliche Meinung so einheitlich urteilen wird, hängt natürlich vom Gange der Geschehnisse ab. Zurzeit aber macht sie, in ihrer ruhigen Gefasstheit, die gleichweit entfernt ist von bramarbasierender Übertreibung wie von skeptischer Schwarzseherei, einen vorzüglichen Eindruck. Niemand wünscht einen Weltkrieg, aber eine endgültige Auseinandersetzung mit Serbien wünscht jedermann, sie gilt als Erlösung aus unhaltbarer Lage. Man sagt sich, Österreich-Ungarn musste so handeln, wie es gehandelt hat, wenn es nicht als Großmacht abdanken wollte, und blickt allen Möglichkeiten, die jenseits der Auseinandersetzungen mit Serbien liegen, in gutem Vertrauen auf das deutsche Bündnis entgegen. Die österreichische Liebenswürdigkeit, die sich auch in diesem kriegerischen Zeiten nicht verleugnet, bekommt eine gehaltene Note, die sie noch liebenswürdiger macht. Und was das Seltsame daran ist: es macht kaum einen Unterschied, ob sie einen aus jungen oder alten Augen anlacht.

Dann aber beginnen alte und junge Augen ängstlich hin und her zu fahren, und das Handgepäck – wovon liebenswürdige Österreicherinnen sicher noch mehr mitführen als die kühlere nördliche Weiblichkeit – aus allen Ecken und Winkeln zusammen zu suchen. Vater schilt und erklärt sich für den ersten Blessierten im Serbienkriege, denn eine gewichtige Handtasche fiel ihm aus dem Netz auf den Magen.Die jungen Mädchen lachen nicht nur mehr, mit den Augen, man schüttelt sich die Hände, man wünscht sich, nicht ganz so ohnehin wie sonst, alles Gute, man ist in Wien.

Wien ist, wie immer, zwischen elfter und zwölfter Stunde: eine Stadt, die sich rüstet, Schlafen zu gehen. Der großserbische Ehrgeiz, sich Nacht für Nacht um die Ohren zu schlagen, ist hierorts noch unbekannt. Und die Zeiten sind nicht danach, ihn einzuführen. Um eins fuhr ich aus unruhigem Schlummer jäh auf. Irgendwo, aus gedämpfter Ferne, hör‘ ich eine Menge Hurra schreien. Nein, es ist doch nicht ganz das alte Wien, es ist ein neuer Ton hinein gekommen.