Politik > International >

Österreichisch-serbischer Konflikt

Ist Russland berechtigt, sich in den österreichisch-serbischen Konflikt einzumischen?

Russland steht offenbar kurz davor, in den Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien einzugreifen. Dabei kann Russland eigentlich nur mit dem Panslawismus argumentieren - und der ist völkerrechtlich sehr zweifelhaft.

Was gibt Russland ein besonderes Recht, sich in den österreichisch-serbischen Konflikt einzumischen? Nirgends grenzt es an Serbien; in weitem Umfang liegt rumänisches, ungarisches und bulgarisches Gebiet dazwischen; schon letzteres hat keine Landgrenze mit Russland. Auch dynastische Beziehungen, die übrigens heute noch weniger als früher als ein Grund zur Einmischung angesehen werden könnten, bestehen zwischen beiden Ländern nicht. Solange Österreich keine territorialen Veränderungen auf der Balkanhalbinsel vornimmt – und es erklärt, das keinesfalls zu wollen –, spielen auch keine Machtverschiebungen mit, die Russland irgendwie gefährlich werden könnten, indem Österreich als eventueller Gegner Russlands einen Kräftegewinn daraus ziehen könnte. – Irgendein Bündnis, das Russland verpflichtete, Serbien, im Fall es angegriffen wird, beizustehen, besteht ebenfalls nicht. Den Schiedsrichter oder die Polizei in Europa zu spielen, wenn sich zwei Völker in die Haare geraten, kann es auch nicht verlangen.

Einzig und allein der Anspruch als slawische Vormacht überall den Schutz der bedrohten Slawen zu übernehmen, ist es, womit es seinen Einsprung zu rechtfertigen versucht. Sein Prestige gegenüber den slawischen Völkern würde leiden, wenn es dem bedrohten Serbien nicht zu Hilfe käme.

Zweifellos ist Russland das Staatswesen, das die meisten Angehörigen der großen slawischen Völkerfamilie in sich umfasst. Aber gibt ihm das ein Recht, sich als Schutzmacht der Slawen aller Länder aufzuspielen? Worin beruht denn dieser slawische Völkerzusammenhang? Etwa in der gemeinsamen Sprache? Der Groß- und Kleinrusse kann weder den Serben noch Bulgaren, weder den Polen, noch Tschechen, noch Letten verstehen. Es gibt keine gemeinsame slawische Sprache und damit kein Kulturelement, das die slawischen Völker untereinander verbindet.

Aber selbst wenn es der Fall wäre, würde der Anspruch einer Macht die Interessen aller Sprachgenossen zu vertreten, ein unerhörter, höchst gefährlicher sein. Dann könnte Deutschland mit dem gleichen Recht die Wahrnehmung der Rechte aller Deutschsprechenden – in Österreich-Ungarn, der Schweiz, Russland – verlangen. Wir sind sehr schmerzlich berührt von den Vergewaltigungen der Deutschen in den russischen Ostseeprovinzen – wir sehen mit Abscheu auf die Rechtlosmachung und Misshandlung der – doch deutschsprechenden – Juden in Russland; aber wir denken nicht daran, uns deshalb in die innerrussischen Verhältnisse einzumischen, so wenig wie Schweden daran denkt, gegen Russland wegen der Misshandlung und Entrechtung seiner Sprachgenossen in Finnland vorzugehen. Nach dieser Theorie könnte Italien sich wegen der italienisch sprecheneden Schweizer, Frankreich sich wegen der französisch sprechenden Schweizer, Belgier, Luxemburger ind die Verhältnisse der Schweiz, Belgiens, Luxemburgs, England sich in die der Vereinigten Staaten oder umgekehrt einmengen usw.

Ja, aber die Blutsverwandtschaft! Blut ist dicker als Wasser; Blut ist ein ganz besonderer Saft; er schafft Sympathien, Zusammengehörigkeitsverhältnisse, Verpflichtungen zu gegenseitiger Hilfe und was der schön klingenden Phrasen mehr sind.

Wenn man von Negern, Mongolen, Malayen, Indianern, Chinesen, Japanern, Eskimos usw. absieht und sich auf die weiße Rasse beschränkt, so gibt es auch in ihr kaum ein reinrassiges Volk. Alles sind Mischvölker – am meisten die interessanten slawischen Völkerschaften an unterer Donau und auf dem Balkan – ein Gemisch von Slawen mit Griechen, Rumänen, Deutschen, Türken und Italienern. Und wir Deutschen, zumindest östlich der Saale und Elbe, sind eine Mischung deutschen und slawischen Blutes; wir würden es uns aber höchstlich verbitten, dass die slawische Vormacht sich deshalb um unsere vermischten oder unvermischten slawischen Blutsverwandten kümmere, oder wenn wir als germanische Vormacht uns in die inneren Verhältnisse der drei skandinavischen Reiche, Englands, der Vereinigten Staaten, Hollands, der Schweiz, Österreichs, Belgiens und schließlich auch Russlands kümmern wollen. Das wäre der Krieg aller gegen alle!

Und wie sollte es bei den romanischen Völkern sein? Natürlich würde da Frankreich anbieten, die Vormacht zu sein, womit Italien und Spanien, die Schweiz, aber auch Belgien wenig einverstanden sein würden, zumal in den beiden letzteren ja auch, und zwar überwiegend, die germanische Vormacht sich zur Geltung zu bringen haben würde.

Der ganze Gedanke des politischen Panslawismus ist so ungeheuerlich, dass man nur nötig hat, einmal seine Konsequenz auch für andere Völkergruppen zu ziehen, um ihn ad absurdum zu führen.

Dabei ist diese angebliche Blutsverwandtschaft etwas recht zweifelhaftes. Man vergleiche nur einmal den südslawischen Typus – Dalmatmer, Montenegriner, Serben oder Kroaten – mit den nördlichen Russen oder Polen. Noch weit verschiedener als die Sprache ist der Mensch. Und die beteiligten Menschen haben auch früher nichts davon gewusst; man hat ihnen durch Fanatiker so lange davon vorgepredigt, bis ein Teil von ihnen es sich hat suggerieren lassen.

Der Panslawismus ist und bleibt nichts als eine Theorie, geeignet zur Agitation – staatsrechtlich ein Ding der Unmöglichkeit. Letzten Endes wehrt sich Österreich-Ungarn – das Reich, das nächste Russland die stärkste slawische Bevölkerung hat – in Serbien gegen die panslawische Idee, die hier in der Teilerscheinung eines Großserbentums auftritt; gegen die Idee, die ein Reich mit rund zur Hälfte slawischer Bevölkerung zerstören muss. – Ob der Weg, den es mit Ultimatum und Kriegserklärung eingeschlagen hat, zu dem erwünschten Ziel führt, ist eine Frage für sich. Jedenfalls wird – auch wer auf dem Standpunkt steht, dass der anarchistische völkerrechtliche Weg der kriegerischen Selbsthilfe im Zeitalter der internationalen Gerichtsbarkeit nicht der richtige ist – bei ruhiger Überlegung den russischen Anspruch zur Wahrung seines panslawischen Prestiges für ungerechtfertigt erklären. Der Panslawismus ist – ebenso wie es ein Pangermanismus oder ein Panromanismus sein würde – völkerrechtlich unmöglich, eine Gefahr für das friedliche Nebeneinander der Staaten. Und das sollten die friedliebenden Elemente aller Völker einsehen.