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120 000 Reservisten im Einsatz

Italiens Heeresverstärkung

Dass die italienische Armee so viele Reservisten mobilisiert, hat vor allem interne Gründe: Die Ausbidlung der Soldaten hat unter den zahlreichen Aufgaben gelitten, für die die Armee eingesetzt wird. Außerdem herrscht schlicht Personalnot.

Zur Beurteilung der gegenwärtigen Heeresverstärkung Italiens durch die Einberufung von 120 000 Reservisten zum Dienst muss man zwei Eigentümlichkeiten der italienischen Armee beachten, die diese Maßregel der Heeresverwaltung  auch dann gerechtfertigt erscheinen lassen, wenn äußere und innere politische Vorgänge ganz aus dem Spiel bleiben. Die sehr geringe Stärke der Friedensstände bei den Fußtruppen erschwert die Ausbildung namentlich seit der Zeit der lybischen Ereignisse ganz ungemein. Die Abgänge bei der Infanterie erreichten auch schon vor der Verwendung der Truppen gegen Streikunruhen eine beträchtliche Zahl, so dass sie Kompaniestärke von 80 Mann fast nie erreicht wurde.

Dazu kommt ein so peinlicher Mangel an Offizieren und Unteroffizieren, dass man bereits im letzten Herbst aus Mangel an Ausbildungspersonal beabsichtigte, die Rekruten im Regiments- oder Bataillonsverhältnis auszubilden. Die „Preparazione“ schreib damals über den Zustand vieler Infanteriekompagnien: „Kompaniechef: nicht vorhanden. Subalteroffiziere: einer, der mit dem Dienst des Kompaniechefs betraut und oft nur Unterleutnant ist. Feldwebel: ist nicht vorhanden. Ältere Sergeanten und Rechnungsführer: sind nicht vorhanden. Unteroffiziere und Gefreite: zehn. Soldaten: 70“ Trifft dieses Bild auch nicht für die Mehrzahl der Infanteriekompagnie zu, so ist es doch bedenklich genug, wenn nur ein Teil der Masse unter solchen Umständen minderwertig bleiben muss. Diese Zustände übersteigen noch beträchtlich die Not der kleinen österreichischen Friedensstände und der zugunsten der „Grenzschutztruppen“ in ihrer Stärke benachteiligten französischen Infanteriekompagnien im Inneren des Landes, wie sie wie sie vor dem Dreifahrgesetz vegetierten. – Dazu kommt weiter die ausgiebige Verwendung der italienischen Infanterie und Reiterei im Polizeidienst bei Streikunruhen. Diese wochenlangen Unterbrechungen der Ausbildungszeit haben namentlich in diesem Sommer den äußeren Dienst fast lahmgelegt, während er angesichts der bevorstehenden Herbstübungen eine systematische Steigerung erfordert. Nimmt man dazu die Klagen über den Rückschritt in der Verwendbarkeit der Reiterei, über deren Dienst bei den Manövern seit Einführung der zweijährigen Dienstzeit geklagt wird, so leuchtet ohne weiteres ein, dass zur Schulung der Führer und zum Erreichen einer durchaus nötigen Zuverlässigkeit in der Ausbildung der beiden Jahrgänge eine Verstärkung der italienischen Einheiten dringend nötig war. Auch soll nicht vergessen werden, dass schon während der Winter 1911/12 und 1912/13 sich die Ausbildung unter dem Druck der Ereignisse in Nordafrika unter recht ungünstigen Umständen vollzog. Weil es im Mutterland überall an Offizieren und Unteroffizieren fehlte, wurde 1911/12 die Ausbildungszeit von 16 auf 12 Wochen herabgesetzt. Die Einziehung grade dieses Jahrgangs (1891) zu mehrwöchigen Übung will daher Versäumtes nachholen.