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Französischer Politiker

Jean Jaurès erschossen

Er hat sein Leben lang überzeugt für den Frieden gekämpft. Ausgerechnet nun, wo der Weltkrieg heraufzieht, hat ein Attentäter den französischen Politiker Jean Jaurès ermordet.

Paris, 1. August.
Gestern Abend gab ein Unbekannter in einem Kaffeehaus mehrere Revolverschüsse auf den Abgeordneten Jaurès ab. Jaurès wurde am Kopf getroffen und starb bald darauf. Der Mörder heißt, wie jetzt festgestellt wurde, Raoul Billain. Er ist 29 Jahre alt und Sohn eines Schreibers am Zivilgericht in Reims.

Auch in der bangen Erregung dieser schicksalsschweren Stunden kann die Kunde von dem plötzlichen Tode Jean Jaurès nicht ohne Eindruck bleiben. Er ist einer bis jetzt in ihren Beweggründen noch unaufgeklärten Gewalttat zum Opfer gefallen, die Frankreich eines seiner bedeutendsten Parlamentarier, einer seiner einflussreichsten politischen Persönlichkeiten beraubt hat. Jean Jaurès war gleich stark als Redner wie als Parteiführer, als Organisator wie als Theoretiker. Er war der erste Kopf der internationalen Sozialdemokratie überhaupt, und er verstand es, in seinem Lande die Macht seiner Partei, soweit es selbst die parlamentarische Verfassung ermöglicht, zur praktischen Geltung zu bringen. Seiner geschickten Führerschaft verdankt die Partei die Geschlossenheit und den Einfluss auf die Massen, die ihr bei den letzten Wahlen so große Erfolge verschafft und den Friedenswillen der französischen Nation so deutlich zum Ausdruck gebracht hat. Das ist eine bedrückende Erinnerung in diesem Moment, in dem die chauvinistische Minderheit durch die Politik der mit ihr verbündeten panslawischen Mächte die Erfüllung ihrer Träume reifen sieht. Und es liegt eine seltsame Tragik darin, dass Jaurès in eben dem Augenblick aus dem Leben scheidet, in dem der Weltkrieg, für dessen Verhütung er sich so ehrlich eingesetzt, auszubrechen droht. Er ist immer ein entschiedener und aufrichtiger Anhänger einer friedlichen Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland gewesen. Das muss auch von denjenigen anerkannt werden, die über die Mittel, die zu dieser Verständigung führen könnten, nicht seiner Meinung waren. Seine ruhige und sympathische Persönlichkeit stand auf den beiden Verständigungskonferenzen in Bern und Basel im Mittelpunkt des Interesses, und alle deutschen Teilnehmer haben die Überzeugung von seiner Befähigung dem Versöhnungsgedanken im französischen Volke weitere Verbreitung zu schaffen, mit nach Hause genommen.

Dazu hätte ihn unter günstigen Zeitumständen freilich, auch das große Vertrauen geeignet gemacht, dass seiner bei hundert Gelegenheiten bekundeten patriotischen Gesinnung von der Mehrheit auch der anderen Parteien entgegengebracht wurde. Wenn Jaurès sprach, mit seiner starkvollen, fesselnden, aus tiefer Überzeugung quellenden und doch für einen Sozialistenführer fast zu vornehmen Beredsamkeit – und er sprach oft viele Stunden lang –, dann hörten ihm fast immer Haus und Tribünen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu. Er war der glänzendste Redner des Hauses, aber zugleich einer seiner unermüdlichsten Arbeiter. Seine Detailkenntnis in den Verwaltungsangelegenheiten, namentlich in den Dingen des Heeres und der Marine, war verblüffend. Die Anklagen, die er bis in die neueste Zeit hinein, vornehmlich gegen das Kriegsministerium erhob, machten unzählige Male das Kabinett erzittern. Eine kurze Spanne lang ermöglichte es ihm das Vertrauen der Kammer auch, sich in der Rolle des Lenkers der Geschichte Frankreichs zu gefallen; das war jüngst, als er in der nach dem Calmette-Attentat wieder einberufenen Rochette-Kommission den Vorsitz führte. Das salomonische Urteil, das die Kommission fällte, hat den Glauben seiner Freunde gerechtfertigt, dass er sich seiner staatsmännischen Aufgabe bewusst war.

Die Laufbahn Jaurès‘ ist nicht die gewöhnliche der französischen Parlamentarier gewesen. Er kam weder aus der Advokatur, noch aus dem geschäftlichen Getriebe, sondern aus der stillen Philosophenstube, und der tiefe Ernst, das manchmal auffallende idealistische Pathos, die seine politischen Kundgebungen auszeichneten, entsprangen dieser Schuldung seines Geistes, die er nie verleugnete. Nur das Temperament des Südfranzosen (er war am 3. September 1859 in Castres im Department Tarn geboren und wirkte jahrelang als Professor der Philosophie in Toulouse) gab seiner Beredsamkeit die lebhafte Färbung. Der Kammer hat er als Vertreter seines Heimatdepartment schon seit 1885 angehört, aber erst während des großen Bergarbeiterstreiks der neunziger Jahre trat er mit Bestimmtheit als Verfechter der sozialistischen Idee auf. Dann gewann er, die große Masse der Genossen um mehrere Kopflängen überragend, ganz die Führerschaft. Seit zehn Jahren hat er dann durch sein Blatt, die „Hummanité“, die er halb allein schrieb, seine Stellung immer mehr befestigt.

Vor nun acht Jahren hat Fürst Bülow Jean Jaurès als er in Berlin über die Friedenspolitik des Proletariats sprechen wollte, am Reden verhindert. Überall in Deutschland bezweifelte man schon damals die Weisheit dieses Entschlusses, und heute berührt es eigentümlich, wenn man sich erinnert, dass der wahre Beweggrund des Verbots augenscheinlich die Furcht gewesen ist, Jaurès könnte etwas gegen den Zaren von Russland sagen.