Kaserne A.R. 11, Kassel Turnen am Querbaum

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Wie der "Vorwärts" die Statistiken für seine Zwecke auslegt

Jeder Tag ein Kasernendrama

Jeden Tag bringt sich mindestens ein Mann in Uniform um - so die Statistik. Aber stimmt das wirklich? Ein Widerruf.

Unter dieser Überschrift veröffentlicht der gestrige „Vorwärts“ nach der Chemnitzer „Volksstimme“ statistisches Material des Reichstagsabgeordneten Vinkau, über die Selbstmorde in der Armee. Es wird darin gefragt: „Nach der amtlichen Statistik vergeht in den deutschen Kasernen im Durchschnitt kein Tag, an dem das System des Militarismus nicht auch ein Kasernendrama in diesem Sinne hervorriefe.“
Das Beiheft 3 des „Militärwochenblattes“ von 1894 wird ausdrücklich, neben den amtlichen Sanitätsberichten als Quelle für diese Behauptung angeführt. Diese Quellen ergeben nun zweifellos, daß durchschnittlich im Jahre 0,0633 v.H. Selbstmorde im deutschen Heere in der Zeit von 1876-1880 vorgekommen sind, was 282 Fälle im Jahresdurchschnitt ergibt. Unter Hinzurechnung der Marine gibt der „Vorwärts“ für 1907 bis 1911 jährlich rund 400 Selbstmorde und Selbstmordversuche im Jahre an, eine Zahl, die ich zurzeit nicht nachprüfen kann, deren Richtigkeit ich aber hier annehmen will. Danach hält der „Vorwärts“ den Beweis für erbracht, daß täglich mindestens ein Kasernendrama vorkäme, was an sich leider richtig ist: er vergißt aber ganz und mit nicht zu verkennender Absicht seine vorher angeführte Behauptung, wonach das System des Militarismus diese Dramen hervorriefe. Wenn er seine Quelle, das Beiheft 3 des „Militärwochenblattes“ von 1894, weiter anführte, würde er folgende Sätze finden, die seinen Trugschluß offen darlegen. Das genannte Blatt schreibt wörtlich:
„Unberechtigt ist die Meinung derer, welche die Höhe der Selbstmordziffer beim Militär auf unangemessene Behandlung oder gar Mißhandlung der Soldaten zurückführen. Die gerichtlichen Erhebungen über jeden Fall von Selbstmord haben dargetan, daß nur bei einem kleinen Bruchteil der Selbstmörder (etwa 1,5 v.H.) Anhaltspunkte für eine derartige Veranlassung vorhanden waren. So sehr jeder einzelne dieser Fälle zu beklagen ist und zum Gegenstande strenger Ahndung gemacht wird, so sehr die Unterdrückung auch solcher vereinzelten Vorkommnisse von der Militärverwaltung erstrebt und betrieben wird, ein bestimmender Einfluß auf dem Umfang und das Austreten der Selbstmordsterblichkeit bei den Mannschaften ist ihnen nicht beizumessen. Es wäre sonst abgesehen von der doppelt so großen Selbstmordzahl der Unteroffiziere, bei welchen doch diese vermeintliche Ursache von vornherein auszuschließen ist, nicht zu verstehen, wie bei der gleichmäßigen Ausbildung und Behandlung der Mannschaften in allen Armeekorps diese letzteren so große regelmäßig wiederkehrende Unterschiede in der Selbstmordziffer, die sich von 2,27 bis 9,3% der Iststärke bewegen, ausweisen können.
Diese Unterschiede, welche sich im wesentlichen mit den provinziellen Verschiedenheiten der Selbstmordverbreitung im Staate decken, zwingen zu der Annahme, daß die Höhe der Selbstmordsterblichkeit in der Armee von den für die Bevölkerung selbst in Betracht kommenden allgemeinen Einflüssen beherrscht wird. Wenn sie sich für die Armee größer darstellt als in der zum Vergleich herangezogenen Gruppe der 20- bis 30jährigen Männer, so liegt dies daran, daß eine Vergleichswertigkeit dieser Klasse zwar hinsichtlich des Lebensalters, nicht aber für eine Reihe anderer Bedingungen vorhanden ist, die für die Neigung zum Selbstmord bestimmend sind und auf die bürgerliche Altersklasse entweder überhaupt nicht oder nur auf einzelne Teile derselben bezw. in vermindertem Maße einwirken.“
Also 1,5 v.H. der „jährlichen 400 Selbstmord- und Selbstmordversuchsfälle, können nur dem „System des Militarismus“ angerechnet werden; das sind jährlich in der deutschen Armee und Marine bei rund 900 000 Köpfen 6 Fälle oder 0,0006 v.H., die mit Mißhandlungen und dergleichen im Zusammenhange stehen. Es sind das immer noch zu viele solcher Fälle, die aber durch die stetige Fürsorge der Kommandostellen und der Heeresverwaltung sich noch mindern werden.
Der Zweck dieser Erwiderung, zu zeigen, daß die dem Heere feindlichen Elemente, die jedem zugänglichen Statistiken nicht einwandfrei anwenden wollen, dürfte dem unbefangen und gerecht Urteilenden hiernach einleuchtend sein.