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Aus dem Berliner Jugendgericht

Rückgang der Kriminalität der Jugendlichen

Entgegen dem Trend im Deutschen Reich stehen in Berlin immer weniger Kinder und Jugendliche vor Gericht. Dabei hängt viel vom familiären Hintergrund der jungen Menschen ab.

Aus dem Berliner Jugendgericht.

Die Ergebnisse der neuesten Statistik des Jugendgerichts Berlin-Mitte bringen ein überraschendes Resultat: im letzten Jahre ist die Kriminalität der Jugendlichen wieder erheblich zurückgegangen. So, dass es lohnend ist, den Ursachen dieser Erscheinung nachzugehen. Wir haben uns deshalb an die Vertreterin der deutschen Zentrale für Jugendfürsorge beim Jugendgericht, Frau Amtsgerichtsrat Dunkelberg, gewandt, die uns im Nachstehenden folgende beachtenswerte Mitteilungen zukommen lässt:

Während die Kriminalität der Jugendlichen im Deutschen Reiche alljährlich im Wachsen begriffen ist, können wir beim Amtsgericht Berlin-Mitte, vor dessen Forum die Kinder der Armenviertel des Ostens und Nordens abgeurteilt werden, eine ständige Abnahme feststellen. Im Jahre 1910 standen dort zur Anklage 1834 Jugendliche unter 18 Jahren, im Jahre 1912 sank die Ziffer auf 1501, und im Jahre 1913 auf 1202. Wenn auch in Betracht gezogen werden kann, dass nach der Gepflogenheit der letzten Jahre die Fälle, die unter §51 (krankhafte Störung der Geistestätigkeit) und §56 (mangelnde Erkenntnis der Strafbarkeit) fallen, von der Verhandlung von vornherein ausgeschlossen werden, so hebt das Anwachsen der Kinderzahl in den Armenvierteln, in denen der Geburtenrückgang noch nicht in die Erscheinung tritt, und der Zuzug von außerhalb diesen Ausfall wieder auf.

Ganz überraschend wirken zwei Momente aus dieser ziffernmäßigen Zusammenstellung. Von den 1202 Kindern stammten 476 von Eltern, die keinen gemeinsamen Haushalt mehr führten, Kinder, deren Mütter verwitwet, geschieden, eheverlassen waren oder von ihrem Mann getrennt lebten, ein kleiner Teil war ganz verwaist, und eine stattliche Zahl entfiel auf die Kinder unehelicher Geburt.

Die Tatsache, dass die Jugendlichen aus Mangel an Beaufsichtigung leichter der Versuchung verfallen, weil der zurückbleibende Elternteil gezwungen ist, seinem Broterwerbe außerhalb des Hauses nachzugehen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Leidensgeschichte dieser Kinder.

Auf der anderen Seite wirkt höchst erfreulich das Sinken der Rückfälle der jugendlichen Kriminellen. Im Jahre 1910 waren vorbestraft 248 Kinder: diese Zahlen verminderten sich 1912 auf 199 und im Jahre 1913 gar auf 143. Neben der tatkräftigen und weit umfassenden Arbeit der Vereine, die die heranwachsende Großstadtjugend unter ihren Schutz nehmen, gebührt der Berliner Jugendgerichtshilfe das Hauptverdienst an diesem beachtenswerten Erfolge. Die Jugendgerichtshilfe stellt eine Einrichtung dar, die nach amerikanischem und englischem Beispiel bei der Einführung der ersten Jugendgerichtshöfe von Amtsgerichtsrat Dr. Roehne ins Leben gerufen wurde, ohne jede staatliche oder sonstige Hilfe.

Die deutsche Zentrale für Jugendfürsorge; die die Durchgangsstation für alle soziale Arbeit an Jugendlichen in Groß-Berlin bildet, erbot sich, diese Arbeitsgemeinschaft zu organisieren. Welcher Erfolg diesem Wirken beschieden ist, sieht man an den eingangs angeführten Zahlen.

Die deutsche Zentrale für Jugendvorsorge ließ zum Zwecke dieses Zusammenschlusses Aufrufe an alle ihr angeschlossenen Wohlfahrtsvereine ergehen, was zur Folge hatte, dass sich jetzt allwöchentlich einmal Vertreter von 60 Vereinen und 40 kirchlichen Gemeinden im Berliner Polizeipräsidium um die Geschäftsführerin der Zentrale sammeln, um die zur Anklage stehenden Fälle in Empfang zu nehmen. Ein Mitglied des Vereins, in dessen spezielles Arbeitsgebiet die Angelegenheit zu passen scheint, übernimmt die Recherche in der Familie des jugendlichen Sünders und legt seine Erfahrungen in einem Bericht nieder, der vor der Hauptverhandlung dem Richter zugeht.

Dieser Bericht soll ein möglichst anschauliches Bild der Häuslichkeit geben, aus der das Kind stammt, Wohn- und Schlafverhältnisse, häusliche und sittliche Führung. Urteile von Lehrer, Prediger oder Lehrherren kurz skizzieren, ferner wohnt jeder öffentlichen Sitzung eine Vertreterin der Zentrale bei, die einen Verhandlungsbericht für die Akten der Zentrale und den helfenden Verein aufzunehmen hat. Hält der Richter es für nötig, so behält der Verein das Kind im Auge, und der Helfer übernimmt die Schutzaufsicht über den Jugendlichen. Diese Schutzpflicht ist durch amtliche Autorität in keiner Weise geschützt, aber mit Taktgefühl und Gewandtheit gewinnen die Helfer und Helferinnen, die sich aus allen Gesellschaftskreisen zusammensetzen, meist nicht nur einen wesentlichen Einfluss auf das Kind, oft werden sie Freund und Berater der ganzen Familie.

Von den 1202 jugendlichen Angeklagten des Jahres 1913 wurden 430 Kinder unter Schutzaufsicht gestellt, die je nach der Führung des Angeklagten ein bis drei Jahre währen kann. Von Bedeutung für das Strafverfahren gegen Jugendliche ist ferner das Moment, dass in der Personalunion des Jugend- und Vormundschaftsrichters dem Vorsitzenden des Jugendgerichtes die Macht und das Recht gegeben sind, bei Straffälligkeit eines Gliedes der Familie eventuell das ganze Familienverhältnis zu ändern, den Eltern die Erziehungsrechte zu entziehen, die anderen Kinder aus der elterlichen Behausung zu entfernen, sie in geeignete Anstalten und gute Pflegestellen zu bringen, in denen sie unter gesunden Verhältnissen dem Leben entgegenreifen können und vor der Straffälligkeit bewahrt bleiben.

Solche Entlastung der Gerichte birgt eine große Belastung der sozial arbeitenden Vereine in sich. Darum muss immer wieder der Wunsch ausgesprochen werden, dass sich gebildete Frauen mit warmem Herzen für diese Arbeit zur Verfügung stellen. Der Mangel an Erfahrung schrecke niemand ab. Jede Recherche schafft aber in kurzer Zeit höchst anschauliche Einblicke in die Nöte und Sorgen der arbeitenden Klassen, sie bringt der Frau der gebildeten Kreise zum Bewusstsein, dass die Kinder der sozial bessergestellten Stände an sich nicht besser sind als die Kinder des Volkes, sondern nur besser behütet und daher weniger den Versuchungen und der Verführung ausgesetzt. „Ihr stoßt ins Leben uns hinaus und lasst den Armen schuldig werden“, nie findet das Goethesche Wort eine lebhaftere Illustrierung, als in einer Sitzung des Jugendgerichts.

Die Kosten der Jugendgerichtshilfe, in deren Händen sämtliche Fäden des umfangreichen Apparates zusammenlaufen, müssen leider nur aus privaten Mitteln bestritten werden. Sie beliefen sich im Jahre 1913 auf 13 500 Mark. Es ist schwer verständlich, dass der Staat keinerlei Zuschüsse gewährt für eine Einrichtung, die – in großzügiger Weise durchgeführt – enorme Ersparnisse an Kosten für Fürsorgeanstalten, Gefängnisse und Zuchthäuser mit sich bringen würde; ganz abgesehen von der Bedeutung, die sie für die Aufwärtsbewegung der Menschheit haben könnte.