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Berlin-Neukölln

Kindesmord

In Berlin-Neukölln wird ein arbeitsloser Hutmacher verdächtigt, die vierjährige Tochter seiner Nachbarin missbraucht und anschließend erwürgt zu haben. Der Verdächtige ist teilweise geständig, behauptet aber, Mittäter gehabt zu haben. Die Polizei musste den Verdächtigen nach seiner Festnahme vor einer wütenden Menschenmenge schützen.

Im äußersten Süden Neuköllns, in der von der Hermannstraße abzweigenden Warthestraße, ist am Spätnachmittag des Sonntags wieder einmal eines jeder scheußlichen Verbrechen verübt worden, die normal empfindlichen und normal denkenden Menschen unbegreiflich erscheinen. Ein geistig und moralisch völlig heruntergekommener Mensch, der noch dazu verheiratet und Vater eines sechsjährigen Sohnes ist, hat ein im selben Hause wohnendes vier Jahre altes Mädchen in seine Wohnung gelockt, hat sich dort an dem unschuldigen Kind vergangen, hat es dann,  um den Zeugen seiner Tat für immer stumm zu machen, mit einer Schnur erwürgt und die Leiche in der Nacht zu gestern in seinem kleinen Hausgarten, dicht am Kaninchenstall, vergraben. Gestern nachmittag wurde bekannt, das das Kind mit dem Verbrecher zuletzt zusammen war, die Vermutungen, dass es einem Lustmord zum Opfer gefallen sei, wurden immer lauter, und so benachrichtigte man die Polizei, die sehr bald die Leiche fand. Das kleine Opfer war in einem Sack vernäht. Die Suche nach dem Mörder bereitete keine Schwierigkeiten. Er kam gegen 6 Uhr gestern nachmittags nach seiner Wohnung zurück und wurde sofort festgenommen. Er erklärte, dass er das Kind zwar in seinem Garten vergraben habe, dass aber der Mord von anderen verübt worden sei. An dem Ort der Tat hatten sich inzwishen verschiedene Beamte der Neuköllner Kriminalpolizei unter Führung des Kriminalkommissars Berlin eingefunden. Die polizeilichen Ermittlungen ergraben folgendes:

Das Haus Warthestraße 13 ist eine jener großen, grauen Mietskasernen, in denen im Vorderhaus, in den Quergebäuden und in den dazugehörigen Hintergebäude zahlreiche kleine Mieter wohnen. An der hinteren Front des Hinterhauses zieht sich ein schmaler Streifen Gartenland hin, auf dem die Bewohner in dem steinernen Meer ein paar kümmerliche, grüne Inseln angelegt haben. Man pflanzt auf dem engen Raum etwas Obst und Gemüse, und man hat dort auch Kaninchenställe aufgebaut. In diesem Milieu wohnt, im dritten Stock des Bordergebäudes, eine Frau Rapp bei ihren Eltern. Frau Rapp hat drei Kinder, von denen das mittelste die vierjährige Grete war. Das Kind hatte am Sonntag nachmittag mit anderen Kindern zusammen auf dem Hof gespielt, war auch wiederholt auf die Straße hinausgelaufen und war gegen 6 Uhr nochmals zur Mutter hinaufgekommen. Dann ging es wieder zum Spiel. Als es schließlich Zeit zum Schlafengehen wurde, vermisste die Mutter ihr Mädchen. Alles Suchen und Fragen bei den Nachbarsleuten blieb erfolglos, aber die Mutter tröstete sich schließlich mit dem Gedanken, dass ihre Tochter vielleicht zu einer Freundin gegangen sei, um dort zu übernachten.

Am nächsten Morgen erschien das Kind wieder nicht, und die Mutter lief schließlich voller Sorgen zur Polizei, um den Verlust des Kindes anzuzeigen. So verging der ganze gestrige Tag für die Mutter in quälender Unruhe, ohne dass sich eine Spur von dem Kind fand. Da meldeten sich Stimmen, die mit aller Bestimmtheit behaupteten, dass man das Kind zuletzt – also am Sonntag Abend gegen 7 Uhr – in der Gesellschaft des Hutmachers Paul Beständig der im selben Hause wohnt, gesehen habe. Beständig ist verheiratet und Vater eines sechsjährigen Sohnes. Er ist erst vor wenigen Monaten zugezogen und hat im Parterre des Hinterhauses eine kleine Wohnung aus Zimmer und Küche inne. Dazu gehört ein kleiner Garten, in dem sich hinten ein Kaninchenstall befindet. Die Nachbarn erzählen von Beständig, dass er ein Trunkenbold sei, nicht arbeite und seine Frau allein für den Unterhalt der Familie sorgen lasse. Seine Frau ist zurzeit mit ihrem Sohn zu den Eltern nach Graudenz gereist und wird morgen wieder in Berlin erwartet. Ein anderer Hausbewohner machte die wichtige Mitteilung, dass er gehört habe, wie Beständig nachts in seinem Garten gearbeitet habe. Es sei kurz nach Mitternacht gewesen. Und wie ein Lauffeuer verbreitete sich unter den erregten Hausbewohnern die Nachricht, dass er das Kind ermordet und den kleinen Leichnam in seinem Garten vergraben habe. Man eilte zur Polizei, die gestern nachmittag gegen 6 Uhr erschien. Schon eine oberflächliche Besichtigung des kleinen Fleckens Erde zeigte, dass der Boden an zwei Stellen aufgewühlt und notdürftig wieder mit Gras und Kohlblättern bedeckt war. Man grub sofort an der ersten Stelle mach, sie aber leer. Dagegen stieß man an der zweiten Stelle schon nach wenigen Spatenstichen auf einen Sack, der etwa einen Meter tief vergraben war. Darin fand man die nur mit einem braunen Röckchen bekleidete Leiche des Kindes. Um den Hals lag noch die Schnur, mit der das Kind erdrosselt worden war, und an anderen Stellen des kleinen Körpers zeigten sich blutige Verletzungen. Kein Zweifel, dass das Mädchen einem Lustmord zum Opfer gefallen war.

Die Wohnung des Täters war verschlossen. Aber man wusste, dass er in den Abendstunden heimzukehren pflegte. Noch am frühen Nachmittag hatte er mit anderen Hausbewohnern über die gleichgültigsten Dinge gesprochen und sich über die baldige Heimkehr seiner Frau gefreut. Nachmittags gegen 6 Uhr kehrte Beständig, der wohl nicht ahnte, dass sein Verbrechen schon so schnell entdeckt worden sei, nach der Wohnung zurück. Er wurde sofort von den anwesenden Kriminalbeamten verhaftet und nach der nächsten Revierwache gebracht. Dort legte er nach anfänglichem Leugnen das Geständnis ab, dass er die Leiche des Kindes vergraben habe. Den Mord selbst aber hätten zwei ihm unbekannte Leute begangen, die ihn am Sonntag nachmittag in seiner Wohnung besucht hätten. Nach diesen Angaben wurde der Mörder wieder nach seiner Wohnung gebracht, um der Leiche gegenübergestellt zu werden. Auch jetzt blieb er noch bei seinen ersten Angaben, nur sagte er, dass der eine seiner angeblichen Komplizen der 33 Jahre alte Arbeiter Karl Werner sei. Alle drei hätten sich an dem Kind vergangen, und dann habe Werner das Kind mit einer Zuckerschnur erdrosselt, um es am weiteren Schreien zu verhindern. Seine beiden Komplizen seien dann in der Nacht fortgegangen und hätten ihn trotz seiner eindringlichen Bitten allein gelassen. In seiner Angst habe er schließlich das Kind in seinem Garten, dicht am Kaninchenstall vergraben.

Inzwischen war auch Polizeipräsident Becherer mit mehreren Kriminalbeamten und dem Vertreter des Kreisarztes, Dr. Arnheim, an dem Fundort der Leiche erschien. Die amtlichen Feststellungen waren gegen 8 Uhr abends beendet. Unmittelbar darauf erfolgte die Überführung des Verbrechers nach dem Polizeipräsidium. Er wurde mit beiden Händen auf dem Rücken gefesselt. Als man ihn über den Hof führte, spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Auf dem Hof und draußen auf der Straße hatten sich Hunderte von Zuschauern, namentlich Frauen angesammelt. Als sie des Mörders, eines kleinen unscheinbaren Mannes, ansichtig wurden, bemächtigte sich ihrer eine ungeheure Wut. In wild erregten Worten schrien die Leute durcheinander: „Gebt uns den Halunken her! Wir wollen ihn zerreißen!“ Gleichzeitig hagelten Dutzende von Stockhiebe auf den wehrlosen Verbrecher nieder, und es bedurfte der allergrößten Anstrengung der Polizisten, um den Mörder vor dem Lynchgericht zu schützen. Als er draußen auf der Straße endlich im Automobil saß, konnte sich der Wagen kaum einen Weg durch die dichtgedrängte Menge bahnen, und noch zahlreiche Knüppel wurden hinter dem davonfahrenden Automobil hergeschleudert. Die Leiche des Kindes blieb noch eine kurze Zeit im Garten liegen, dann erfolgte die Überführung nach der Friedhofshalle.