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Kriegseintritt Englands

Krieg und Lebensmittelversorgung

Der Krieg dürfte schon bald wirtschaftliche Folgen haben. Besonders der Kriegseintritt Englands erschwert die Lage nicht nur für eine ganze Reihe von Industriezweigen, sondern auch für die Lebensmittelversorgung des Deutschen Reiches.

Der Erfolg im heutigen Kriege hängt nicht allein von der Masse der aufgebotenen Truppen, der Qualität der Massen und der guten oder schlechten Führung ab, sondern nicht minder von der Finanzlage und vor allem von der Möglichkeit ausreichender Ernährung der im Felde stehenden Truppen wie der in ihrem Heim zurückgebliebenen Bevölkerung – kurz davon, das Wirtschaftsgetriebe im eigenen kriegführenden Lande, soweit es unter solchen Verhältnissen möglich ist, aufrechtzuerhalten. In dieser Hinsicht ist das Eingreifen Englands von großer Bedeutung. Es kommt nicht nur unser Handel mit England selbst in Betracht, obgleich wir mit England unter allen auswärtigen Staaten bisher die bedeutendsten Handelsbeziehungen unterhalten haben und dieser Handel im vorigen Jahr insgesamt 2314 Millionen Mark betragen hat, wovon 1438 Millionen Mark auf die Ausfuhr, 876 Millionen Mark auf die Einfuhr entfallen. Auch der Handel mit den englischen Kolonien, der im letzten Jahr ungefähr 112 Millionen Mark betragen hat, kann durch die Blockade unterbunden werden und ferner der Schiffsverkehr mit allen übrigen überseeischen Ländern.

Da über die russische, französische und belgische Grenze nichts herüber und hinüber kommt, so bleibt nur ein sehr eingeschränkter Handelsverkehr mit dem ebenfalls im Kriege befindlichen Österreich, mit der Schweiz, Holland, Dänemark und vielleicht, wenn nicht die englischen und deutschen Flottenoperationen auch diesen unmöglich machen, mit Schweden übrig. Im vorherigen Jahr hat der Gesamt-Spezialhandel Deutschlands mit diesen eben genannten Ländern 4638 Millionen Mark betragen. Infolge der Kriegswirren und des von fast allen diesen Staaten bereits erlassenen Verbotes der Ausfuhr wichtiger Nahrungsmittel kann aber nur auf höchstens ein Drittel des bisherigen Handelsverkehrs gerechnet werden. Da im vorigen Jahr Deutschlands Spezialhandel sich in der Einfuhr auf 10 770, in der Ausfuhr auf 10 097 Millionen Mark stellte, bedeutet also das Eingreifen Englands in den Krieg und die von ihm beabsichtigte Blockierung der deutschen Küsten – vorausgesetzt, dass diese gelingt – eine Verminderung unseres Gesamtaußenhandels um ungefähr 92 bis 93 Prozent.

Was das für unser gesamtes Wirtschafts- und Erwerbsleben bedeuten würde, ist ohne weiteres klar, zumal es sich in der Hauptmasse nicht um leicht entbehrliches Luxus- und Genusswaren handelt, sondern zum Teil um allerlei zur Ernährung des Volkes nötige Lebensmittel und Rohstoffe.

Ungünstig wäre bei einer Blockierung unserer Küsten durch die englische Flotte auch die Aussichten für die Häute-, Pelz- und Lederindustrie, hat sich im vorigen Jahr Deutschland allein für 322 Millionen Mark Rinds- und Büffelhäute, für 95 Millionen Mark Kalbfelle, für 188 Millionen Mark Pelzfelle eingeführt, und für 229 Millionen Mark Oberleder und Lederwaren (abgesehen von Pelzwerk) ausgeführt.

Auch die Eisenindustrie würde in starkem Maße in Mittleidenschaft gezogen. Bis zum Herbst vorigen Jahres befand sich die Eisen- und Stahlindustrie in einer sehr günstigen Lage, dann griff die Wirtschaftskrise auch auf dieses Gebiet über, doch gelang es der Stahlindustrie durch Forcierung ihres Absatzes nach dem Auslande ihre Lage zu erleichtern. Würde dieser Absatz nach dem Auslande durch die Blockade völlig unterbunden, während zugleich die Zufuhr der feinen Eisenerze aus Schweden, Spanien, Frankreich aufhört (1913 wurden 227 Millionen Mark Eisenerze in das deutsche Gebiet Auslöschungen der Hochöfen und Betriebseinstellungen die unausbleibliche Folge – und im weiteren Verlauf Arbeiterentlassungen.

Noch eine ganze Reihe anderer Industrien steht, wenn der englischen Flotte die Absperrung des Seehandelsverkehrs gelingt, vor großen Betriebseinstellungen oder zum mindesten vor ganz beträchtlichen Einschränkungen, darunter die Elektrizitätsindustrie, die die Zufuhr von Rohkupfer (1918 wurden für 335 Millionen Mark eingeführt) nicht zu entbehren vermag, ferner die Maschinenindustrie, Farbwahrenindustrie, Zinnindustrie, Kautschuk- und Guttaverchaindustrie, Ölindustrie, verschiedene Zweige der Holzindustrie usw.

Auch die Bierbrauerei würde, wenn sie auch vorerst noch guten Absatz hat, bald die Folge des Krieges verspüren, teils infolge des Rückgangs des Bierkonsums, teils infolge des Aufhörens der Gerstezufuhr; denn auch Österreich-Ungarn das im vorigen Jahr Deutschland für 21 Millionen Mark Malzgerste lieferte, ist durch den Krieg als Lieferant ausgeschaltet. Vor allem würde dem Kohlenbergbau eine gewaltige Krise drohen; nicht nur durch die Entziehung vieler Arbeitskräfte und durch das Aufhören bzw. die Verminderung der Ausfuhr von Steinkohlen nach Belgien, Frankreich, Holland, Österreich-Ungarn, Russland, der Schweiz usw., sondern mehr noch durch die starke Einschränkung der industriellen Tätigkeit im Deutschen Reiche selbst.

Dazu würde auch eine beträchtliche Preissteigerung einer Reihe der wichtigsten Lebensmittel kommen. Mag immerhin die deutsche Getreide- und Kartoffelernte ein im ganzen gutes Resultat ergeben, so ist, wenn die Blockade gelingt, doch mit größter Sicherheit auf eine starke Preiserhöhung verschiedener anderer Nahrungsmittel zu rechnen: zwar nicht des Salzes und des Zuckers, denn beide erzeugt Deutschland zur Genüge, wohl aber verschiedener Kolonialwaren. So sind zum Beispiel im vorigen Jahr, um den Bedarf des deutschen Marktes zu decken, für nicht weniger als 1964 Millionen Mark frische Fische, für 56 Millionen Mark lebendes Federvieh in Deutschland eingeführt worden.

Die einzige Hoffnung bleibt ein baldiger Friedensschluss.

Schon im vorigen Jahr hat die Textilindustrie, besonders die Baumwollindustrie, unter einem schweren Druck gelitten; nur einzelne Zweige der Band- und Seidenwarenfabrikation haben, unterstützt durch die Mode, gute Geschäfte gemacht. Würde jetzt die Zufuhr von Baumwolle, Wolle, Baumwollen- und Wollengarn, Rohseide, Jute durch die Blockade abgeschnitten und zugleich die Ausfuhr der aus solchen Roh- und Halbstoffen hergestellten Waren verhindert, so würde dadurch die ganze Textilindustrie lahmgelegt. Welche enormen Werte dabei in Betracht kommen, beweist die Tatsache, dass im vorigen Jahr allein für 607 Millionen Mark Rohbaumwolle, für 413 Millionen Mark rohe Schafwolle, für 224 Millionen Mark Baumwollen- und Wollgarne, für 158 Mill. Mark ungefärbte Rohseide, für 94 Millionen Mark Jute in das deutsche Zollgebiet eingeführt worden sind, und dass, ganz abgesehen von dem Verbrauch im Inlande, für 717 Millionen Mark Woll- und Baumwollwaren, für 202 Millionen Mark Seidenwaren und für 152 Millionen Mark Wollen- und Baumwollgarne ausgeführt worden sind.