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Massenausweisungen von Serben aus Bosnien

Oppositionelle serbische Journalisten müssen innerhalb von 24 Stunden Sarajewo für immer verlassen. Einer der Attentäter hat weitere Details des Anschlags auf das Thronfolgerpaar offenbart.

Wien, 3. Juli

Regierungskommissar Dr. Gerde in Serajwo hat heute den serbischen Journalisten der in Serajewo erscheinenden oppositionellen serbischen Blätter mitgeteilt, dass sie aus Serajewo für immer ausgewiesen sind. Es wird ihnen ein Aufschub von 24 Stunden zur Erledigung ihrer Angelegenheiten gewährt. Der Redakteur der „Erbika Rjetsch“ Robasica wurde bereits abgeschoben. Robasica erklärte vorher, dass sein Blatt immer in loyalem Geiste geschrieben gewesen sei.

Er habe bloß gegen das Regime Potiorek agitiert. An der kroatischen Grenze erlebte er noch eine Überraschung, denn er wurde zur Verbüßung einer sechswöchentlichen Gefängnisstrafe verhaftet, zu der er früher verurteilt worden war. Landeschef Feldzeugmeister Potiorek hat heute der Polizei den Befehl erteilt, die in Serajewo weilenden, aber nicht dahin zuständigen serbischen Studenten sofort abzuschieben. Im Laufe des heutigen Tages wurden bereits 25 serbische Studenten abgeschoben. Cabrinowitsch erklärte im Laufe seines gestrigen Verhörs, dass er österreichisches Geld bei sich hatte. Das Geld haber er nicht in Belgrad, sondern in Bosnien erhalten. Sein Mitwisser, der serbische Student Grades, hätte seine Bombe werfen sollen, wenn das Attentat Princips nicht gelungen wäre. Grabes gestand, dass er, obwohl er nur fünf Schritte vom Thronfolger entfernt stand, wegen heftigen Herzklopfens und weil ihn sein Gewissen nicht in Ruhe ließ, die Bombe nicht geworfen habe. Er habe zwei Bomben gehabt. Eine der Bomben befindet sich bei dem neunzehnjährigen Studenten Vafo Enbrokowitsch aus Gradivca. Enbrokowitsch ist geflüchtet. Mehrere Detektivs haben in Automobilen seine Verfolgung aufgenommen.

Die Demonstrationen gegen die Serben in Wien haben sich heute in bedeutend geringerem Maße wiederholt, da die Polizei die Zugänge zur serbischen Gesandtschaft streng abgesperrt hatte, so dass die Demonstranten nicht in die Nähe der Gesandtschaft gelagen konnten. Es kam daher nur noch zu lebhaften Zusammenstößen zwischen den Demonstranten, meist halbwüchsigen jungen Leuten und der Polizei. Infolge der Szenen, die sich gestern in der Favoritenstraße vor der Wohnung des serbischen Gesandten Jowanowitsch abgespielt hatten, hat sich heute der Besitzer des Hauses veranlasst gesehen, in energischer Weise Protest einzulegen und zu erklären, dass der Gesadte für ihn als Hausherr nicht erterritorial, sondern nur ein gewöhnlicher Mieter sei. Der Gesandte erklärte, dass er die auf der Gesandtschaft wehende Fahne nicht zum Zwecke einer Provokation, sondern nur zum Zeichen der Trauer ausgehängt habe und dass die Fahne nach erfolgter Einsegnung des Erzherzogs und der Herzogin, also nach 4 Uhr nachmittags vom Balkon der Wohnung wieder eingezogen werden würde. Um ¾ 5 Uhr wurde die Fahne auch eingezogen. Bei einigen hier lebenden slawischen Studenten haben umfangreiche Haussuchungen stattgefunden, die aber mit dem Serajewoer Attentat nicht in Zusammenhang stehen sollen. Vielmehr soll es sich um eine südslawische Beegung unter den Studenten handeln. Es wurden zahlreich Korrespondenzen beschlagnahmt.