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Ein Rennfahrer berichtet

Mein Sieg im Automobil-Grand-Prix

Der Deutsche Christian Lautenschlager hat in seinem Daimler den französischen Automobil-Grand-Prix gewonnen. Hier schreibt er über die Vorbereitung auf das Rennen und die Taktik, die ihm den Sieg eingebracht hat.

Als am Ende des letzen Jahres bekannt wurde, dass 1914 wieder ein Grand Prix großen Stiles gefahren werden sollte, und nachdem sich meine Firma, die Daimler-Motorengesellschaft in Untertürkheim, bereit erklärte, an diesem bedeutungsvollen Automobilrennen teilzunehmen, war es für mich beschlossene Sache, einen Wagen zu steuern, und zwar um so mehr, als wir vom vorigen Jahr her noch eine kleine Scharte in Frankreich auszuwetzen hatten, die nebenbei bemerkt infolge ungenügender Vorbereitung eigentlich vorauszusehen gewesen war.

Mit einigem Herzklopfen bestieg ich Ende April zum ersten mal meinen Wagen, da unsere Konstrukteure noch nie einen so hochtourigen Motor gebaut hatten, und groß war meine Freude, als ich schon auf der Fabrikfahrbahn konstatieren konnte, dass in der Maschine etwas drin steckte! Von Kleinigkeiten abgesehen, verlief das Training sämtlicher Wagen außerordentlich zufriedenstellend, so dass wir alle vertrauensvoll in die Zukunft blicken konnten. Doch bald wurden mir meine Illusionen genommen, denn auf Umwegen hatte ich in Erfahrung gebracht, dass die Peugeot- und Delage-Wagen 170 bis 180 Kilometer in der Stunde zurücklegen sollen, während ich auf unseren württembergischen Straßen nur auf maximal 165 Kilometer kam. Erfahrungsgemäß wusste ich aber, dass auf den schönen französischen Straßen stets höhere Geschwindigkeiten erreicht werden als wie bei uns, weshalb ich mich entschloss, nach Frankreich zu fahren, um mir Gewissheit zu verschaffen. Und siehe da, die alte Erfahrung bestätigte sich wieder, denn ich konnte einwandfrei 180 Kilometer Geschwindigkeit auf der Ebene abstoppen. Diese Gewissheit machte mich schon wieder siegessicher und zufrieden, denn sollten tatsächlich andere Wagen noch höhere Geschwindigkeiten erzielen, so gingen diese doch nur auf Kosten der Pneumatiks. Als ich beim offiziellen Training auf der geraden Strecke im Gefälle auf 194 Kilometer kam, da war ich mit meinem Mercedes völlig zufrieden. Nun war meine Hauptaufgabe, die richtige Wahl des zweiten und dritten Ganges für die kurvenreiche Strecke zu treffen, was mir auch infolge freundschaftlichen Zusammenarbeitens aller Mercedes-Leute aufs beste gelang; die richtige Übersetzung hierfür zu treffen, war meiner Ansicht nach die Hauptsache, denn in den vielen Kurven musste sich das Rennen entscheiden.

Der Tag der Entscheidung war da; nach sorgfältigem Studium der Rennstrecke tags zuvor war ich mir sofort klar, mit vier glatten Reifen zu starten und freute mich schon im Stillen, als ich unsere Konkurrenten mit Gleitschutzreifen antreten sah. Der Start mit meinem Fiat-Nebenmann brachte mich sofort an die Spitze, und da ich wusste, dass auch Fiat rasch war, war ich befriedigt. Meine Taktik war nun folgende: Ich wollte fahren ohne zu riskieren, keinesfalls aber so, dass ich überholt wurde. Meinen Mechaniker hatte ich beauftragt, sich jede Wagenmarke, die ich überholt hatte, genau zu merken; schon in der ersten Runde konnte ich konstatieren, dass ich sämtliche Konkurrenzwagen überholt hatte, und da war es mir sofort klar, dass es einen Kampf um die Siegespalme unter den eigenen Mercesdesfahrern geben werde. Ich benützte jede Gelegenheit, meine Pneumatiks möglichst zu schonen und überzeugte mich, so oft ich konnte von dem Aussehen derselben. Beabsichtigt war, nach Schluss der zehnten Runde sämtliche Pneumatiks, ob gut oder schlecht, zu wechseln und gleichzeitig den Benzinvorrat zu ergänzen. Das klappte auch ganz programmmäßig. Die zweite Hälfte des Rennens begann ich genau so wie die erste, also schnell zu fahren, ohne aber alles daran zu setzten.

Durch den auf dem Mercedes-Depot eingerichteten Zeigerdienst wusste ich jederzeit meinen Stand; von der siebzehnten Runde legte ich meine „Kiebitztaktik“ ab und holte meine letzten Reserven aus Motor und Wagen heraus, um unter allen Umständen den Sieg an mich zu bringe, dass diese Taktik von Erfolg gekrönt war, bewiesen mir die von verschiedene Zuschauern (jedenfalls Deutsche) erteilten Beifallsbezeichnungen, und als ich wieder mal die Tribüne passierte, war die langersehnte Zahl 1 auf der Zeigertafel ersichtlich. Mit der festen Absicht, mit jetzt die Führung unter keinen Umständen mehr entreißen zu lassen, doch immer in Ängsten, infolge furchtbar aufgerissenen Straße noch Gummidefekt zu erleiden, beendigte ich auch glücklich die zwanzigste Tour, herzlich froh, dieses überaus schwierige Rennen hinter mir zu haben.