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Beobachtungen

Mobilmachung in der Nordmark

Obwohl Schleswig-Holstein noch gar nicht lange zu Deutschland gehört, strömt auch hier die Jugend zur Fahne. Allerdings macht sich selbst in der ernstesten Stunde der spezielle Humor der Nordlichter bemerkbar.

Flensburg, im August.

Erst fünfzig Jahre lang gehört Schleswig-Holstein zu Deutschland, ein winziger Zeitraum im Leben der Völker, und doch fühlen und denken unsere jungen Leute hier so deutsch, als hätten sie Jahrhunderte lange Traditionen schon mit dem deutschen Vaterlande verbunden. Mit ihren kleinen Paketen und Köfferchen eilen die frischen Jungen in die Kasernen, und als schmucke Soldaten, in den kleidsamen grau-grünen Felduniformen, verlassen sie sie wieder. Man begreift es nicht, woher auf einmal die vielen, vielen neuen Uniformen und gelben Feldstiefel kommen: „Da sücht man doch, wo dat veele Geld blewen is,“ sagte mir ein guter Bekannter, und ein anderer versicherte mir: „Jik hew sonst immer öwer die hohen Stüern und den verdammten Militarismus schimpt. Nu do ick dat nich mehr, denn ick seh‘ ja, dat dat sien mött.“ So macht der Krieg gute Patrioten.

Es herrscht ein reges Kriegsleben in der Stadt, man sieht fast mehr Soldaten als Zivilisten. Alles geht mit einer Ordnung und Pünktlichkeit zu, die bewunderswürdig ist, nirgends Überstürzung, nirgends Aufregung. Doch auch an ernsten, traurigen Bildern fehlt es nicht. Sehr häufig sieht man Gefangene durch die Straßen wandern, von Polizisten und Soldaten begleitet. Die wildesten Gerüchte durchschwirren die Stadt, von Attentatsversuchen auf Brücken und Kunstbauten, von VErsuchen, die Brunnen und Wasserleitungen zu vergiften. Was davon wahr ist, weiß man nicht. Jeder versieht sich mit einem Ausweis, um sich den Posten und Polizisten gegenüber legitimieren zu können. Einem Herren passierte eine ergötzliche Geschichte. Ihm fielen zwei verdächtig aussehende Männer auf, die in der Nähe des Bahnhofs herumlungerten. Er suchte den nächsten Polizisten auf und teilte ihm seine Beobachtung mit. Der Polizist folgte ihm sofort, um die beiden Verdächtigen zu verhaften. Doch kaum ward er ihrer ansichtig, da lachte er und rief: „Ach, die Brüder kenn‘ ich. Die haben gestern schon ein paar Stunden gesessen, mußten aber wieder freigelassen werden, weil es ganz harmlose Leute sind.“

Es gibt hier noch viele Dänen, bei jeder Reichstagswahl werden ein paar tausend dänische Stimmen abgegeben. Aber der Gegensatz zwischen Deutsch und Dänisch ist vollkommen geschwunden. Ebenso begeistert wie die Deutschen strömen auch die dänisch gesinnten nordschleswigschen Bauernjungen zur Fahne. Auch die Dänen sind entrüstet, daß man uns in so hinterhältiger Weise den Krieg aufgezwungen hat.

Ich war bei meinem Papierhändler, um mir Papier zu kaufen. Das ist ein Artikel, den ein Schriftsteller leider mehr braucht, als ihm lieb ist. Der Laden war voll von Offizieren und deren Frauen. Mich interessierte es natürlich sehr, zu erfahren, mit welchen Sachen die Offiziere hier ihre Kriegsbereitschaft ergänzen wollten. Fast alle kauften dasselbe, nämlich: Kartentaschen, Tagebücher und Füllfederhalter. Ein Hauptmann erstand 24 Stück Kreide. Ich konnte mir zuerste gar nicht erklären, wozu diese viele Kreide dienen sollte. Bald ward aber auch diese Frage mir gelöst, als ich mit Kreide an jeder Haustür die inhaltsschweren Worte verzeichnet fand: „Einquartierung soundsoviel Mann.“ Vielleicht sollte die Kreide auch noch anderen ZWecken dienen. Wenigstens ist mir erzählt worden, daß unsere Soldaten 1870/71 alle Kreide in der Tasche trugen, um ihre Namen sofort auf die eroberten Kanonen schreiben zu können.

Den Nordschleswigern ist ein gewisser trockener Humor eigen, der sie auch in der ernstesten Stunde nicht verläßt. Dies zeigte sich auch so recht in den Mobilmachungstagen. Die Eisenbahnwagen, die in endloser Reihe hier eintrafen, waren über und über mit lustigen Inschriften bedeckt, von denen nur die folgenden wiedergegeben werden sollen: „Erholungsreise nach St. Petersburg. Expreßzug von Hamburg über Rußland, Paris nach London. Serbien, du mußt sterbien! Nikolaus, weiche, sonst bist du ne Leiche!“ Noch mehr kam dieser Humor natürlich in den Gesprächen zum Ausdruck. So hörte ich, wie ein stämmiger Schlachtergeselle sagte: „Na, Rußland kann sick man gratuleeren, wie schüll‘n em dat schon besorgen. UNd wenn dan erst Japan kommt und zwickt em von achtern.“ Und ein gigantischer Bierfahrer meinte. „Junge, Junge, wenn ick erst komm‘! Jede Schuß, und da liggt ‚n Russ‘!

Ein reicher Handelsherr soll, so wurde mir erzählt, der Militärverwaltung zwei Millionen Mark geboten haben, wenn man seinen einzigen Sohn frei ließe. Er erhielt nur die Antwort: „Der Kaiser läßt sechs Söhne ins Feld ziehen, da werden Sie wohl schon einen hergeben können.“ Ein biederer Nordschleswiger meinte dazu: „Dat klingt ja ganz goot, awer ick harr‘ doch de twee Millionen nehmen, denn die kamen uns doch jetzt recht to paß. Dem reicken Kirl aber harr ick schrewen: So feige Memmen wie sien Sohn könnten wi so wie so nich bruken.“