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Ernährung von Säuglingen

Mutterberuf und kapitalistische Ausbeutung

Sogar die konservative Presse bermerkt, dass arme Mütter gezwungen sind, zu arbeiten. Oft können sie ihre Babys nicht selbst stillen, weil ihre täglichen Anstrengungen die Muttermilch vergiften.

Überaus schwere Anklagen gegen die herrschende Staats- und Gesellschaftsordnung finden wir in der letzten Nummer der in Koblenz erscheinenden katholisch-sozialen Halbmonatsschirft „Stände-Ordnung“. In einem Artikel, der sich mit der Frage des Geburtenrückganges befasst, wird auch über die mütterliche Pflicht des Selbststillens der Säuglinge gesprochen. Die Vernachlässigung dieser Pflicht, wo die Mutter sie erfüllen kann, wird als Verkommenheit bezeichnet; indes dürfe man hier nicht blind verallgemeinern.

Sicher gebe es herzlose Mütter, die aus Eitelkeit oder Trägheit ihre Kinder von Dienstboten mit tierischer Milch ernähren lassen, selbst auf die Gefahr hin, dass lebensgefährliche Krankheiten dadurch entstehen. Solche Mütter seien jedoch bezeichnender Weise meist in den sogenannten „besseren“ Kreisen zu suchen. Reichen Müttern werde es ermöglicht, die Milch armer Frauen zu kaufen. Mit größter Empörung habe man von einem Prospekt des Charlottenburger Kaiserin-Augusta-Viktoria-Hauses zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich Kenntnis genommen, worin es heiße: „Ammen- und Frauenmilch stehen zur Verfügung“, und auf Seite 4 werde in fetter Schrift empfohlen: „Abgabe von Frauenmilch. Für je 100 Gramm täglich nach außerhalb abgegebener Frauenmilch ist eine Mark zu vergüten.“

Das Blatt spricht demgegenüber von einer Menschenmolkerei. „Die Erklärung dieser Frauenentwürdigung“, so heißt es weiter, „findet man wohl darin, dass es Freistellen für arme Mütter und Ammen gibt. Dass der Name der Kaiserin mit einer derartigen Erniedrigung ihres Geschlecht in Verbindung gebracht wird, wirkt peinlich.“

Das Blatt führt aus, dass die Frauen der minderbemittelten Klasse zuerst ihre Kinder gern selbst nähren; dann aber schreibt es weiter (S. 384):
„Aber zahlreiche Mütter aus dem Mittel- und Arbeiterstande sind von Natur nicht in der Lage, ihre Kinder selbst zu nähren. Warum nicht? Die unnatürliche, aufreibende Lebensweise so zahlreicher Frauen aus dem Volke, die entweder den ganzen Tag einen Laden bedienen oder auf Arbeit gehen müssen, um dem Manne zu helfen, das nötige Brot zu schaffen, haben dafür ganz natürliche Gründe, und sie selbst bedauern am meisten, diese süßeste aller Mutterpflichten nicht erfüllen zu können. Fortwährendes Laufen, ungenügende Ernährung, Sorge und Kummer vertreiben oder vergiften die Muttermilch. Der blutsaugerische Kapitalismus und die freie Konkurrenz mit der daraus folgenden ungeordneten Erwerbsweise tragen die Schuld; sie zwingen nicht nur den Vater, sondern selbst die nährende Mutter und das unreife Kind in den Frondienst und Erwerbskampf. Mädchen, die den unnatürlichen Fabrik- und Kontordienst durchkosteten und ihn womöglich als Mutter fortsetzen müssen, verlieren leicht die Nährfähigkeit. Wenn darum die Sozialdemokraten sagen, dass der herzlose Kapitalismus nicht nur den Mann ausbeutet und die Mutter vom Kinde fortreißt, sondern sogar dem hilflosen Säugling nur zu oft noch die Nahrung aus dem Mutterleibe raubt, so haben sie leider, ach leider nur zu recht.“

Das sind Worte, wie man sie in einem bürgerlichen Blatte nicht zu finden gewohnt ist. Die katholische „Stände-Ordnung“ ist eines der verschwindend wenigen bürgerlichen Organe, die nicht der Parteipolitik zuliebe die Wahrheit unterdrücken. Das Blatt hätte nur noch einen Schritt weiter gehen und feststellen sollen, dass die katholischen Kapitalisten in keiner Weise hinsichtlich der Frauen-, Mütter- und Kinderausbeutung hinter den anders- und ungläubigen Ausbeutern zurückbleiben. Und die frommen katholischen Agrarier sind besonders in der letzten Zeit wieder dabei, gerade die Einbeziehung derjenigen Nahrungsmittel, die den stillenden Müttern besonders dienstlich sind (Milchprodukte, Gartenbauerzeugnisse, wie Obst und Gemüse), in den Wucherzolltarif zu verlangen.